Der kleine Gauner und die Dotcom-Schurkin

Krimi der Woche: In «Welt ohne Skrupel» lässt Jim Nisbet analoge Trinker und die digitale Welt aufeinanderprallen.

Bald ist eine Femme fatale hinter dem Smartphone her, das Hauptprotagonist Klinger ergaunert hat.

Bald ist eine Femme fatale hinter dem Smartphone her, das Hauptprotagonist Klinger ergaunert hat. Bild: iStock

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Der erste Satz
Der Miata überwand eine Kante und knickte einen Lichtmast ab.

Das Buch
Bei Klinger läuft es nicht so gut. Nach einem aus dem Ruder gelaufenen Überfall fährt er mit dem gestohlenen Fluchtauto eine Strassenlampe um. Er kann fliehen, während die Cops seinen Kumpel einbuchten. In der nächsten Nacht will er mit einem anderen Kumpel das Bündel Dollar abgreifen, das ein App-Entwickler gerade aus dem Bancomaten gezogen hat. Doch danach ist sein Kumpel tot, der Beraubte liegt halb tot im Spital, und Klinger hat nur dessen Smartphone.

Klinger, kein Vorname, ist die Hauptfigur im Roman «Welt ohne Skrupel» des amerikanischen Noir-Meisters Jim Nisbet. Ein kleiner Gauner alter Schule in San Francisco, der eigentlich nur in der Hawse Hole Bar abhängen und ein paar Kröten organisieren will, um sich was zu trinken und ein Bett für die Nacht leisten zu können. Ein typischer Noir-Protagonist: schon ziemlich weit unten und stetig auf dem Weg weiter hinab: «Als er am Hawse Hole ankam, war Klinger reif für einen Drink, er war reif dafür, die letzten paar Tage zu vergessen, er war reif für einen Klamottenwechsel – Klinger war reif für alles, ausser für die Zukunft. Oder die Vergangenheit. Oder, wie sich herausstellte, für die Gegenwart.»

Mit dem Smartphone des Halbtoten kann er nichts anfangen, es ist gesperrt. Klinger kennt sich sowieso nicht aus damit, er hatte noch nie so ein Ding. Doch Marci, eine abgefeimte Femme fatale aus dem Silicon Valley, spürt das Handy auf. Sie hat den App-Entwickler über den Tisch gezogen und ihn diese Nacht in die verhängnisvolle Trunkenheit getrieben. Nun braucht sie aber noch die App-Erfindungen von seinem Smartphone.

Mit beiläufigem Schalk und beissender Ironie lässt Jim Nisbet die Welt der altmodischen kleinen Gauner und jene der skrupellosen Manager der digitalen New Economy aufeinanderprallen. Als Marci auf ihrem Handy nach einer Information sucht, «Moment … Ich weiss, dass es dafür eine App gibt …», ätzt Klinger zunächst noch: «Man nennt sie Gehirn.» Doch er lernt schnell. Als sie ihm verkündet, sie hätte noch nie einen Orgasmus gehabt, meint er: «Dafür gibt es sicherlich ’ne App.» Doch sie kennt sich da besser aus: «Telefone werden leistungsfähiger», sagte sie. «Aber nicht so leistungsfähig.» Bei allem Frotzeln ahnt man schon, dass der kleine Kneipenhocker gegen die taffe Dotcom-Schurkin keine Chance haben wird. Nisbet überzeugt nicht nur mit seinem Humor, sondern auch mit seiner wunderbaren Prosa, die auch übersetzt funktioniert. Zum Beispiel so: «Die Augen des Mannes glitten über Klinger hinweg wie Austern, die von einem Servierteller rutschen.» Oder so: «Ein heftiges Jahr voller Stress tropfte von seinen Schultern wie Regen von einem Hund, floss über den Boden der Bar und verschwand durch die Ritzen in einen weiss Gott wie tiefen Karma-Keller darunter, nicht wie Ratten ein sinkendes Schiff verlassen, dachte er lächelnd, sondern wie Parasiten, die einen Wirt zurücklassen, den sie ausgesaugt haben.»

Die Wertung

Der Autor
Jim Nisbet, geboren 1947 in Schenectady im US-Bundesstaat New York, studierte Literatur an der University of North Carolina. Er arbeitete in verschiedenen Berufen, darunter als Schreiner und als Seemann, bevor er sich in San Francisco niederliess, wo er bis 2016 seine eigene Firma Electronics Furniture leitete, die massgefertigte Konsolen, Schränke und Racks insbesondere für Video-, Audio- und Film- Postproduktions-Equipment sowie retro-futuristische Möbel herstellte. Seit 1980 hat er 14 Romane, vor allem Krimis, und rund ein halbes Dutzend Gedichtbände veröffentlicht. «Dark Companion» stand 2006 auf der Shortlist für den renommierten Hammett Prize. Vier Romane sind bisher bei Pulp Master in Berlin auf Deutsch erschienen: «Dunkler Gefährte» (2009; Original: «Dark Companion», 2004), «Tödliche Injektion» (2010; «Lethal Injection», 1987), «Der Krake auf meinem Kopf» (2014; «The Octopus on My Head», 2007) und jetzt «Welt ohne Skrupel» («Snitch World», 2013). Ausserdem schrieb er einige Einakter und Monologe, die aufgeführt wurden, und veröffentlichte Artikel, Essays und Shortstorys in Magazinen, Zeitungen und Anthologien. Jim Nisbet lebte mit seiner Frau rund 50 Jahre in San Francisco, wo er eine wichtige Figur in der Undergroundkultur war, bis die Gentrifizierung sie 2017 in die Kleinstadt Sausalito auf der anderen Seite der Golden Gate Bridge vertrieb.

Jim Nisbet: «Welt ohne Skrupel» (Original: «Snitch World», PM Press, Oakland CA 2013). Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2019. 234 S., ca. 20 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 24.04.2019, 11:06 Uhr

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