Die «Wehwehchen» der Linken

Immer mehr Kleinkram verstelle den Blick auf die eigentlichen Probleme, befindet der Philosoph Robert Pfaller in seinem neuen Buch – und geht mit den Linken dabei hart ins Gericht.

«Man sollte sich öfter die Frage stellen, wofür es sich zu leben lohnt», sagt Robert Pfaller. Foto: Andreas Jakwerth

«Man sollte sich öfter die Frage stellen, wofür es sich zu leben lohnt», sagt Robert Pfaller. Foto: Andreas Jakwerth

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Ihr neues Buch beginnt mit einer Anekdote: Auf dem Flug in die USA wollen Sie sich Michael Hanekes «Amour» ansehen, werden vor Beginn aber vor «adult language» gewarnt, was Sie ziemlich aufregt. Warum?
Mich ärgert, dass hier nicht einfach geschrieben wird «ab 18» oder etwas Ähnliches. Vielmehr sind es Erwachsene, die hier vor «Erwachsenen­sprache» gewarnt werden. Das scheint mir ein neoliberales Symptom zu sein.

Wie bitte?
Mir fällt auf, dass in den letzten Jahren mit grosser Brutalität vollzogene Umverteilung des Reichtums mit einer wachsenden Aufmerksamkeit für immer kleinere Wehwehchen einhergeht. Die Ökonomen Thomas Piketty und Branko Milanovich haben die Zahlen geliefert: Die Ungleichheit im Westen hat heute wieder Dimensionen wie um 1930. Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut. Wir aber diskutieren allen Ernstes darüber, ob Worte wie «Hexe» oder «Negerkönig» aus den Kinderbüchern entfernt werden müssen, und warnen Erwachsene vor der Sprache in Filmen wie «Amour».

Und Sie sehen da einen Zusammenhang?
Ja, die gesteigerte Empfindlichkeit erfüllt eine mehrfache, für die ökonomische Umverteilung günstige Funktion: Sie lenkt ab von den wirklichen Problemen und Kämpfen; sie verteilt das Leid und dessen Anerkennung von den schwerer geschädigten, robusteren unteren Klassen hinauf zu den weitaus weniger geschädigten, empfindlicheren und medienwirksameren Eliten. Und sie zerstört jene Fiktion einer gesellschaftlichen Mitte, in der unterschiedliche Menschen einander als erwachsene, mündige Bürgerinnen und Bürger begegnen und wirkliche Gleichheit herstellen oder wenigstens diskutieren und anstreben können.

«MeToo verzerrt das Problem eher, als dass es zur Lösung beiträgt.»

Sie plädieren für Resilienz, also die Ausbildung von Widerstandskraft. Wer setzt den Massstab, was ertragen werden kann?
Es gibt sehr klare Regeln des Umgangs im öffentlichen Raum, wo die Menschen als soziale Rollen miteinander verkehren müssen und nicht als private Personen. Mit der Kollegin in der Firma etwa darf man deshalb nicht so persönlich agieren wie mit der Bekannten auf der Party. Wenn man den öffentlichen Raum aber, wie es der Neoliberalismus will, privaten Empfindlichkeiten unterwirft, trägt man selbst zur Zerstörung dieses Unterschieds bei.

Kann man private und öffentliche Rolle so klar voneinander unterscheiden?
Ja. Dazu sind auch Männer in der Lage. Das ist keine Frage bloss persönlichen Empfindens. Das Abstandnehmen von Empfindlichkeiten und Kleinkram hilft auch, um den Blick für die wichtigen, entscheidenden Fragen, zum Beispiel des Prekariats, frei zu bekommen. Wir müssen immer mehr versuchen, unsere medial geschürten Aufregungen kleinzuhalten, um uns endlich über das aufregen zu können, was uns kleinhält.

Der Hashtag #MeToo hat deutlich gemacht, wie aufmerksam und sensibel wir sein sollten, um sexuelle Gewalt oder strukturellen Sexismus zu erkennen und zu bekämpfen.
#MeToo gehört aus meiner Sicht genau zu diesen medial geschürten Aufregungen, die das Problem eher verzerren, als zu seiner Lösung beizutragen. Zumindest zwei Annahmen in dieser Debatte sollten wir infrage stellen: erstens, das subjektive Empfinden, dass alle unter diesem Hashtag aufgeführten Fälle gleichartig wären; und zweitens, dass es sich dabei nur um Verletzungen subjektiven Empfindens handelte. Verletzungen sind aber keineswegs nur subjektiver Art. Nicht nur Frauen, auch Männer empfinden sie als solche – selbst die Täter. Kein Vergewaltiger glaubt ernsthaft, vergewaltigen wäre ganz okay.

Bilder: Die #MeToo-Bewegung im Überblick

Vergewaltigungen sind nicht okay, aber alle anderen Übergriffe sind Wehwehchen?
Nein, natürlich nicht. Es ist aber etwas ganz anderes, ob eine Frau vergewaltigt wird oder ob man ihr gegen Sex eine hoch bezahlte Karriere in Aussicht stellt. Viele Frauen erleiden sexuelle Gewalt, ohne eine Wahl zu haben und ohne die geringste Aussicht auf irgendetwas. Darum wird die #MeToo-Debatte von vielen Frauen als elitär wahrgenommen.

Da würden viele Frauen widersprechen!
Viele jedenfalls, denen wirklich schlimme Dinge widerfuhren, sind genau aus diesem Grund verärgert über diese Debatte. Die verbreitete alltägliche Gewalt gegen Frauen ist etwas anderes als das von #MeToo aufgeworfene Problem eines Machtgefälles in bestimmten höher entlohnten Branchen, wo Sex zu einem Faktor gemacht wird – ein Problem, das nicht besonders geschlechtsspezifisch ist, da es, wie aktuelle Studien zeigen, auch Männer in erstaunlich hohem Mass betrifft.

Das glauben Sie doch nicht wirklich!
Doch, bei den übrigen, milderen Fällen von Sexismus am Arbeitsplatz, zum Beispiel wenn eine Frau «Liebling» genannt wird, handelt es sich um Übertretungen, die im privaten Bereich als solche manchmal in Ordnung oder sogar geboten sind, im Umgang zwischen sozialen Rollen aber meist nicht. Hier wird der Unterschied zwischen Rolle und Person verletzt. Auch das ist leicht zu begründen und beruht nicht nur auf subjektivem Empfinden.

Von Linken wird Resilienz kritisiert, weil man sich damit selbst für die Anforderungen des Neoliberalismus brutalisiert, getreu dem Motto: Nur die Harten kommen in den Garten.
Das infame Doppelspiel des Neoliberalismus besteht doch genau darin: Wenn es um Ausbeutung von Arbeitskraft und Eigentum der Arbeitnehmer (wie zum Beispiel bei Airbnb und Uber) geht, sollen alle die härtesten «tough guys» sein. Aber wenn es ums Sprechen im öffentlichen Raum geht, dürfen alle sich als hilflose, unschuldige Sensibelchen gerieren und jegliche Resilienz, die erwachsenen, mündigen Menschen abverlangt werden darf, ­vermissen lassen. Diese bürgerliche Resilienz eines Citoyens entsteht schon allein dadurch, wenn man sich selbst daran erinnert, dass man in der Öffentlichkeit nur als soziale Rolle betroffen ist und nicht als Person. Die Rolle ist, wie der Soziologe Richard Sennett sagt, eine Maske.

Wir sollten uns also bewusst sein, dass wir eine soziale Rolle spielen, um uns vor Empfindlichkeiten zu schützen?
Genau, eine Maske bewahrt uns davor, alles auf der eigenen Haut spüren zu müssen. Mein Erörterung über die «schwarze Wahrheiten» im neuen Buch ist ein Versuch, zu zeigen, welche Formen erwachsenen Sprechens derzeit verloren zu gehen drohen, die wichtige Funktionen für das Bestehen des öffentlichen Raumes erfüllen.

Was sind schwarze Wahrheiten?
Schwarze Wahrheiten sind Äusserungen, die durchaus wahr erscheinen, die aber einen moralischen Skandal darstellen. «Wie kann er das nur sagen?», fragten sich viele Zeitgenossen zum Beispiel, als der Sozialtheoretiker Bernard de Mandeville 1705 erklärte, im Kapitalismus sei Habgier zwar individuell ein Laster, aber in Bezug auf die Gesellschaft eine Tugend. Möglicherweise erscheint es heute auch als eine schwarze Wahrheit, wenn man sagt, die Identitätspolitik, die sich so fürsorglich um Minderheiten zu kümmern scheint, ist eine Komplizin des Neoliberalismus.

Das ist das, was Sie in Ihrem jüngsten Buch machen, um die politische Korrektheit von links zu kritisieren. Geben Sie damit nicht den Rechten Argumente an die Hand?
Ich glaube, wir müssen ganz klar sagen: Es waren die Identitätspolitik und die sogenannte politische Korrektheit, die der populistischen Rechten Argumente an die Hand gegeben haben. Sie haben eine Wut in der Bevölkerung geschürt, welche die Rechte nun für sich nützt. Durch die Wut über die Ablenkungspolitiken der Pseudolinken gewinnt sie Wähler – um dann übrigens ziemlich genau dieselbe neoliberale ökonomische Politik zu machen wie die Pseudolinke. Eine wirkliche Linke dagegen würde sagen: Jetzt beheben wir erst mal die dringlichsten Schäden, die der Neoliberalismus angerichtet hat, und sorgen dafür, dass das nie wieder passieren kann, und dann sehen wir, wie viel von den angeblichen Problemen der Identität überhaupt noch übrig ist.

Die US-Philosophin Judith Butler würde Ihnen vorhalten, dass Sie damit sagen, es hätte nie eine Reaktion auf Fremdenfeindlichkeit, Homophobie oder Antisemitismus geben sollen. Und dass wir uns nie hätten sorgen sollen, dass Menschen unter Ausgrenzung oder Diskriminierung leiden.
Das Problem besteht nicht darin, dass die Linke sich um diese Anliegen gekümmert hat. Das Problem ist vielmehr, dass sie sich immer um ein neues dieser Anliegen gekümmert und damit die früheren aufgegeben hat. Man hat sich um die Frauen gekümmert, um nicht mehr über Klassen sprechen zu müssen. Und man sprach von Homosexualität, um nicht mehr die Probleme der Heterosexuellen lösen zu müssen. Und dann redet man noch lieber über Gender und verweist auf die Queers oder die Asexuellen, um überhaupt nicht mehr über die Probleme der Sexualität oder der Institutionen der Liebe sprechen zu müssen.

Haben Sie selbst die Erfahrung gemacht, einer diskriminierten Minderheit anzugehören?
Natürlich. Und das darf man mit einiger Gewissheit von jedem annehmen. Denn niemand von uns gehört in jeder Hinsicht zu den mehrheitlichen oder hegemonialen Gruppen. Aber eben deshalb dürfen wir uns nicht auf den postmodernen, neoliberalen «Wettbewerb der Opfer» einlassen, in dem es immer nur darum geht, den Allerbenachteiligtsten zu finden – um letztlich nicht einmal diesem zu helfen, da man ihn ja schon nach 15 Minuten durch einen neuen, noch mehr Benachteiligten ersetzt.

Eine endlose Kaskade?
So ist es. Man behandelt immer die nächste Gruppe so, als ob ihr Problem die Lösung der vorangegangenen wäre. Dabei hat man die Probleme immer weiter miniaturisiert und sie zugleich gesellschaftlich nach oben verlagert. Hillary Clinton hat die Wahlen auch deshalb verloren, weil ihre permanente Betonung von LGTBQ-Anliegen, also der Homo-, Bi- und Transsexuellen, von grossen Teilen der Bevölkerung als eine elitäre und weitgehend weisse Luxussorge betrachtet wurde.

Apropos Luxus: Sie sind ein Verteidiger von Genüssen wie Rauchen oder Fleischessen. «Warum haben Menschen plötzlich ein so starkes Interesse daran, dass Tiere nicht mehr von jemandem gefressen werden? Wie konnte dieses Anliegen zu einer so vorherrschenden Priorität werden?», fragen Sie.
Die einzige mögliche Antwort ist, dass diese Menschen begonnen haben, sich selbst mit bestimmten zahmen Tieren zu identifizieren.

Ernsthaft? Ist es nicht möglich, Verzicht zu geniessen, weil man Spass daran hat, Sport zu treiben und möglichst gesund zu leben?
Es gibt selbstverständlich bei allen diesen Betätigungen normale, nicht pathologische und sozial unschädliche Varianten, die auch gute, vernünftige Gründe haben. Das von mir kritisierte «Gesundheitsreligiöse» oder «Tierreligiöse» dagegen zeigt sich stets an einer Reihe spezifischer Merkmale: am Fanatismus, am missionarischen Eifer und an der Bereitschaft, dieser einen Causa alles andere zu opfern. Man kann zeigen, dass das letztlich immer sogar dem verabsolutierten Anliegen selbst schadet.

Wenn man alles opfert, nur um gesund zu sein, dann schädigt man sich selbst.
Genau, dann erkrankt man zum Beispiel an Orthorexie – einer Mangelerscheinung, die infolge ausschliesslich gesunder Ernährung entsteht. Übrigens gilt das auch für den Genuss: Wenn man alles dem Genuss unterordnet, verliert man auch ihn. Man bekommt dann «Genussstress». Darum habe ich vorgeschlagen, sich als Korrektiv lieber des ­Öftern die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt. Dies hilft gegen das Umschlagen von verabsolutierter Teilvernunft in Unvernunft.

Stichwort Unvernunft: Sie verteidigen in Ihrem Buch Daniele Ganser, der in der Schweiz vor allem dafür bekannt ist, dass er Zweifel an den offiziellen Ermittlungsergebnissen zum 11. September 2001 hat.
Ich habe nur darauf hingewiesen, dass Leute wie Ganser, sobald sie links des neoliberalen Konsenses auftreten, schnell als Rechte oder als sogenannte «Verschwörungstheoretiker» diffamiert werden. Ich finde dieses Wort ziemlich unsinnig – vor allem, wenn es um die Anschläge vom 11. September geht. Denn: waren diese Anschläge – auch den offiziellen Ermittlungsergebnissen zufolge – nicht Ergebnis einer Verschwörung? Die Frage ist doch eher nur: von wem genau?

Bilder: FBI veröffentlicht neue 9/11-Fotos

Aber Herr Pfaller, das meinen Sie doch nicht ernst! Wir kennen doch heute die Täter und alle Details zu den Anschlägen vom 11. September. Warum sollten wir zweifeln?
Der Dissens unter Fachleuten in dieser Frage ist doch so eklatant, dass man wohl davon ausgehen darf, dass Sie und ich derzeit eben nicht alle Hintergründe kennen. Es ist ja auch überaus wahrscheinlich, das gerade bei diesem Ereignis die Erkenntnisse der Geheimdienste bis heute, teilweise vielleicht sogar aus guten und begreiflichen Gründen, der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Da wird man doch zumindest Fragen stellen dürfen.

Für Sie gibt es also keine Verschwörungstheorien?
Wenn der Begriff der «Verschwörungstheorie» überhaupt einen Sinn hat – etwa den Sinn der Paranoia, das heisst der Geschlossenheit einer Behauptung gegen jegliche Gegenargumente: dann erscheint mir gerade dieser offizielle Konsens, der sofort heftige Diffamierungen gegen alles auffährt, was auch nur zum Beispiel die Frage zu stellen wagt, wie denn eigentlich drei Gebäude von nur zwei Flugzeugen zum Einsturz gebracht werden konnten, ziemlich fragil und paranoisch.

Erstellt: 09.12.2017, 14:27 Uhr

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Bekannt wurde der 1962 geborene Wiener mit dem Buch «Wofür es sich zu leben lohnt», in dem er die Philosophie des Materialisten Louis Althusser alltagstauglich machte. In «Erwachsenensprache» (S. Fischer) kämpft er von links gegen politische Korrektheit.(Red)

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