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Der letzte Funken einer Ehe

Die Meisterin der Eskalation lässt neuerdings morden: Im neuen Roman von Yasmina Reza kommt der Tod ins Bildungsmilieu.

Spezialistin der Eskalation: Theaterautorin Yasmina Reza. Foto: Pascal Victor/ArtComArt
Spezialistin der Eskalation: Theaterautorin Yasmina Reza. Foto: Pascal Victor/ArtComArt

Es gibt immer weniger Romane, die ohne Verbrechen, besonders ohne Mord auskommen, so wenigstens der Eindruck. In «Babylon» von Yasmina Reza ist es Jean-Lino, der Nachbar von oben aus der fünften Etage, der eines Nachts seine Frau Lydie erwürgt. Danach klingelt er bei der Erzählerin und ihrem Mann. Kein Krimi also, denn der Täter ist bekannt und auch die Polizei wird verständigt und geht ihrer Arbeit nach; Spurensicherung, Verhör, Anwaltsgespräch, Tatrekonstruktion. Die Zeit dazwischen aber, die hat es in sich.

Yasmina Reza, die Französin mit jüdisch-iranisch-ungarischen Wurzeln, ist eine erfolgreiche Theaterautorin. In «Der Gott des Gemetzels», 2006 am Zürcher Pfauen uraufgeführt und später von Roman Polanski mit Hollywoodstars verfilmt, entgleist ein «vernünftiges» Gespräch zweier wohlsituierter Paare; fehlt nur, dass sie sich totschlagen.

Verachtung und Ignoranz

Als Spezialistin der Eskalation erweist sich Reza nun auch in «Babylon», ihrem dritten Roman, der dieser Tage erscheint. Wo beginnt etwas?, fragt sich Elisabeth, die 62-jährige Icherzählerin, Patentingenieurin am Institut Pasteur und Gastgeberin eines kleinen Festes am Abend, der der Gewalttat vorausgeht. Nichts deutet auf etwas derartiges hin; Fotos vom Fest zeigen das Paar von oben in lachender Gemeinsamkeit. Doch dann glaubt Jean-Lino, sich auf Kosten seiner Frau produzieren zu müssen. Er erzählt von Lydies Auftritt in einem Restaurant, wo sie den Kellner mit Fragen peinigte nach Herkunft und Haltung der Hühner auf der Speisekarte («konnten sie auf einen Baum fliegen?»). Er machte sich über das lustig, was ihr wichtig ist.

In ihrer eigenen Wohnung angekommen, hält Lydie ihrem Mann einen langen, über mehrere Seiten reichenden, vernichtenden Vortrag. Sie tadelt sein Verhalten an dem Abend, seinen Mangel an Feingefühl, seine Ignoranz, seine «Regression» und wird dabei immer grundsätzlicher. Einen wunden Punkt trifft sie, als sie auf den Enkel Rémi kommt, um dessen Zuneigung sich Jean-Lino verzweifelt bemüht: Der verachte ihn doch bloss, sagt Lydie. Und «ihre Worte sind in seinen Körper eingedrungen und lassen ihn unstillbar verbluten». Der Streit wird erbitterter, bis Lydie den ihr verhassten Kater Eduardo, der sich schon wieder auf ihr Bett gelegt hat, mit spitzen Schuhen in die Seite tritt. Darauf erwürgt Jean-Lino sie.

Ein makabrer Slapstick

All das erzählt der Nachbar der entgeisterten Elisabeth und ihrem Mann Pierre, nachdem er sie aus dem Schlaf geklingelt hat. Und was nun folgt, ist eine einmalige Mischung aus Entsetzen und Indifferenz, Verlegenheit und unfreiwilliger Komik. Erst mal trinken die drei alle einen Cognac, und Elisabeth saugt noch ein bisschen ihre Wohnung, ehe sie hochgehen und die tote Lydie inspizieren. Dann legt sich Pierre schlafen mit den Worten «Das geht uns nichts mehr an». Elisabeth dagegen, ihrem Nachbarn in stiller Sympathie verbunden, beteiligt sich am dilettantischen und aussichtslosen Versuch, die Leiche zu beseitigen.

Wir wohnen einem makabren Slapstick bei: Die tote Frau wird in einen grossen roten Koffer gezwängt. Dazu muss man drücken, bieten, zerren, den Reissverschluss zuziehen: «Beide fuhrwerkten wir auf den Beulen herum.» Dann fährt Elisabeth mit dem Koffer mit dem Fahrstuhl hinunter zum Ausgang und fühlt sich wie in einem Melville-Krimi: «Ich fand mich irrsinnig toll.» Aber unten treffen Jean-Lino und sie auf ein Nachbarsmädchen. Sie sind gesehen worden, die Flucht ist sinnlos. Sie rufen die Polizei, und es entspinnt sich ein absurder Dialog, bei dem die dienst­habende Beamtin einfach ihren Fragenkatalog abarbeitet.

So vergnüglich die Lektüre ist, so jenseits aller Normalität ist es doch, wenn ein Mensch stirbt, umso mehr, wenn er getötet wird. Darum ist dieser Roman in seinem Kern auch eine Meditation der Erzählerin über das Leben; eine Meditation, die durch die Gewalttat im fünften Stock eine Schärfung, eine Radikalisierung erfährt. Elisabeth ist über sechzig – «ein Alter, das Eltern haben», aber doch nicht sie. Ähnlich wie die Marschallin in Hofmannsthals und Strauss’ «Rosenkavalier» fragt sie sich, wie es sein kann, dass man eine alte Frau ist und doch immer noch dieselbe wie früher. Und sie wundert sich, wie man in einer Welt leben kann, die «unaufhaltsam dem Chaos entgegensteuert» – wohin es die Menschheit mit ihrem «fieberhaften Hang zu Forschung, Kreativität und Zerstörung» bringen wird.

Elisabeth grübelt darüber, wie schnell ein Leben zum Nichts wird, und was es dann überhaupt wert war und ist. Dafür steht die winzige, ausgeräumte Wohnung ihrer toten Mutter, «wo von einem ganzen Leben so gut wie nichts geblieben war» und in der Dinge auf fast höhnische Weise übrig bleiben – so wie der Nussknacker, den sie als Kind gebastelt hat und der sie daran erinnert, wie vergänglich sie selbst ist, jedenfalls verglichen mit einer Schere «die noch hundert Jahre schneiden kann».

Nur ein Zufall

Und schliesslich fragt sie sich auch, wie man es mit einem Mann aushalten kann, dem diese «Dimension des Verhängnisvollen» gar nicht zugänglich ist. Denn für Pierre ist alles, wie es ist, Punkt. Eigentlich kommen sie ja gut miteinander aus, aber: «Zwischen uns sprühen absolut keine Funken – war das jemals so? Was für eine jämmerliche Bilanz!» Dass nicht sie ihren Mann oder der sie erwürgt hat, dass das ein Stockwerk höher passierte: Nur ein Zufall, weil es an jener Kleinigkeit fehlte, die zur Eskalation und zur Katastrophe führte?

Yasmina Reza erspart uns den Prozess, der Jean-Lino bevorsteht (später wird Elisabeth ihm Briefe ins Gefängnis schreiben und nie abschicken). Gespickt mit Szenen von abgründiger Komik, erzählt sie von einem anderen Prozess: von dem, den die Erzählerin der Welt macht, in die sie geworfen ist. Sie fühlt sich darin so fremd wie die himmeltraurig einsamen Gestalten in Robert Franks Fotos aus der Serie «The Americans», die leitmotivisch das Geschehen begleitet. Oder wie die vertriebenen Juden, von denen der Psalm erzählt, der dem Roman den Titel geliehen hat: «An den Wassern zu Babylon sassen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.»

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