Der Luxus der Langsamkeit

Christoph Ransmayr versetzt uns im Roman «Cox oder Der Lauf der Zeit» in ein märchenhaftes China. Dort lässt sich ein allmächtiger Kaiser eine besondere Uhr konstruieren.

Historisches Vorbild aus der Blütezeit des Automatenbaus: Der chinesische Kaiser Qianlong regierte von 1736 bis 1795. Foto: Ullstein

Historisches Vorbild aus der Blütezeit des Automatenbaus: Der chinesische Kaiser Qianlong regierte von 1736 bis 1795. Foto: Ullstein

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Nichts ist unerbittlicher als die Zeit. Sie kennt nur eine Richtung: auf den Tod zu. Ihr Ticken hören wir lange nicht, in unserer provisorischen Unsterblichkeit; wenn es dem Ende zu geht, aber deutlich und immer lauter. Unsere Zeit ist abgemessen; wie viel uns gegeben ist, wissen wir nicht. Wir können sie messen, aber nicht beherrschen – wissen wir ja nicht einmal genau, was sie ist.

Wie die gefühlte Temperatur, die unsere Wetterfrösche erfunden haben, gibt es auch die gefühlte Zeit. Auf dem Zahnarztstuhl oder beim Warten auf den verspäteten Zug schleicht sie dahin, ­Momente des Genusses dagegen rasen im Nu vorbei. Eine Uhr für die subjektive Zeit: Das wünscht sich in Christoph Ransmayrs Roman der Kaiser von China, und Alister Cox aus England, der grösste Automaten- und Uhrenkonstrukteur ­seiner Zeit, soll sie ihm bauen; deshalb hat er ihn mit drei Gehilfen nach Peking kommen lassen.

Das vermeintliche Perpetuum mobile

Den Kaiser Qianlong hat es wirklich gegeben, er regierte im 18. Jahrhundert ein geeintes, expandierendes, blühendes Land, förderte Künste und Literatur, schrieb selbst Gedichte, malte und kalligrafierte. Einen Cox hat es auch gegeben, ein wenig anders; er hiess mit Vornamen James und war tatsächlich ein genialer Mechanikus und Erfinder, aber nie in China. Im Victoria & Albert Museum in London ist «Cox’s timepiece» zu bewundern, eine Uhr, deren Werk über eine Quecksilbersäule allein durch die Schwankungen des Luftdrucks angetrieben wird. Cox hielt sie fälschlicherweise für das vielberufene Perpetuum mobile. Immerhin muss sie nie aufgezogen werden, läuft im Prinzip also ewig.

Eine solche Uhr konstruiert Alister Cox, Christoph Ransmayrs Held, im Roman für den Roman-Kaiser Qianlong. Das 18. Jahrhundert, die letzte präindustrielle Epoche, war der Höhepunkt einer speziellen Sparte der Mechanik, des Automatenbaus. Europas und eben auch Chinas Höfe zahlten Unsummen für die Wunderwerke aus kostbaren Materialien, die zu leben schienen: Vögel schlugen mit den Flügeln, reckten die Hälse und sangen. Uhren verbanden die Zeitanzeige mit allerlei Kunststücken.

41 Frauen, 3000 Konkubinen

Das 18. Jahrhundert war ebenfalls eine Epoche heftiger theologischer Spekulation; eine davon sah in Gott den grossen Uhrmacher, der die Welt perfekt konstruiert und dann mit einem Fingerschnipsen in Gang gesetzt hatte. Wie ein Uhrwerk funktioniert auch Ransmayrs China, ein Uhrwerk, in dem die Rädchen, Schräubchen, Stangen und Hebel von Menschen gebildet werden. Herz oder Geist der Uhr ist der Kaiser, «Herrscher der zehntausend Jahre», und jedenfalls über jede Regung jedes seiner Untertanen.

Der Absolutismus ist in diesem Roman-China aufs Äusserste gesteigert. Der Kaiser reist in einer Flotte von 35, ihre Position ständig wechselnden Dschunken, in jeder könnte er sein. Er ist unsichtbar, weil niemand die Augen zu ihm aufheben darf. Er bewegt sich in einem Tross von 4000 Begleitern, nennt 41 Frauen und 3000 Konkubinen sein Eigen. Wer falsche Gerüchte streut, erleidet einen schrecklichen Foltertod. Schon zu Beginn des Romans, Cox landet gerade im Hafen von Hangzhou, wird 27 betrügerischen Spekulanten die Nase abgeschnitten. Und Ransmayr ­beschreibt dies so präzise wie die Pracht des Kaiserhofs oder die Details eines Automaten.

Eine eigene Agenda

Absolute Macht führt zur Hybris, zur Realitätsflucht und zur Paranoia; man kennt dies aus südamerikanischen ­Diktatorenromanen oder aus Ismail ­Kadarés «Nachfolger», aber auch vom historischen Stalin. Probleme werden geleugnet, Bedrohungen erfunden oder aufgebauscht. Absolute Macht darf keine Grenzen zugeben – auch nicht die der eigenen Vergänglichkeit. Der Tod des Kaisers ist das Ende der Welt, heisst es einmal. Deshalb ist die gewünschte Uhr, die ewig ticken soll, zugleich eine Provokation für den Auftraggeber: langlebiger als er, ein Zeichen seiner Endlichkeit. Ransmayrs Kaiser Qianlong findet schliesslich eine Lösung für dieses Dilemma.

Nun heisst der Roman nicht «Qianlong», sondern «Cox», und sein Held, «der traurigste Mann auf Erden», ist zwar ein Befehlsempfänger, der sich der eigentümlichen Mechanik des Hofes mit seinen Ritualen, seinen vorgeschriebenen Laufwegen und Blickverboten willig beugt. Aber er folgt auch einer eigenen Agenda. Ihn begleitet der lange Schatten seiner fünfjährig gestorbenen Tochter Abigail, deren Tod alle Brücken zu ­seiner verzweifelt geliebten Frau Faye abgebrochen hat.

Eine Uhr, die «gefühlte Zeit» misst

Cox versinkt immer wieder in Erinnerungen, die den Lauf der Zeit umkehren, und hofft, dass mit der Konstruktion der Wunderuhr wie durch über alle Entfernungen hinweg kommunizierende Röhren die Liebe seiner Frau erneut zu gewinnen sei. Beflügelt werden seine Hoffnungen durch den einzigartigen Duft der Lieblingskonkubine des Kaisers, der mädchenhaften An. In ihr findet Cox Frau und Tochter zugleich verkörpert.

Cox baut alles, was der Kaiser – nach wochenlangem Schweigen und auf komplizierten Befehlsfolgen – wünscht: Uhren, die das Zeitempfinden messen, die «gefühlte Zeit» also eines Kindes etwa oder eines zum Tode Verurteilten. Unendlich und unbewusst die Zeit des Ersteren, von unbarmherziger Kürze die letzte Frist, doch auch für den Todgeweihten vergeht die Zeit springend, stürzend oder gar nicht.

Was Cox – vielmehr: was sein Erfinder – sich dazu ausdenkt, eine Winduhr und eine Feueruhr, jede in einem Gehäuse von erlesenster Kostbarkeit, ist originell und wundersam. Wie Christoph Ransmayr das erzählt, ist vollkommen und wundervoll. Seine Sprache ist von einer Opulenz und Eleganz, wie man sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum noch findet. Wer sonst traut sich solch breit ausschwingende Perioden, die oft in Doppelpunkten enden, worauf sich, wie wenn ein Theatervorhang beiseitegezogen wird, eine neue, noch prächtigere Kulisse entfaltet? Wer wagt es noch, Nebensätze mit Partizipien zu schmücken, die sie eben nicht beschweren, sondern öffnen? Wer das Kitsch nennt, dem hat die grassierende Armuts-Ästhetik unserer Tage den Blick getrübt.

Der Autor als Uhrmacher

Besonders bestrickend: Ransmayrs Erzählung über die subjektive Zeit gelingt es, diese selbst flexibel zu gestalten. Wenn der Kaiser dem Sommer befiehlt, zu bleiben, wenn die Geschäfte des Hofes stillestehen, so verlangsamt auch sein Erfinder die Gangart, um später, wenn es das Geschehen verlangt, wieder hochzuschalten. Natürlich kann Ransmayr die Zeit auch zurückdrehen. Er ist der eigentliche Uhrmacher, der Gott der Erzählung.

Gegen Ende des Buches lässt der Kaiser dem Uhrmacher eine Schnecke aus Rotgold überreichen. Ein kostbares Geschenk, aber auch ein Symbol: «Nur wer den Luxus der Langsamkeit geniessen konnte, durfte sich in dem Traum wiegen, das kostbarste aller menschenmöglichen Güter zu besitzen: Zeit.» Dieser Besitz ist natürlich eine Illusion, aber eine schöne, und kaum etwas verschafft uns diese schöne Illusion wirkmächtiger als der Luxus der Langsamkeit einer aufmerksamen Lektüre, das Versinken in Büchern wie diesem. Sie haben ihre eigene Zeit.

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit. Roman. S. Fischer, Frankfurt 2016. 302 S., ca. 32 Fr.

Am 22. November um 20 Uhr stellt Christoph Ransmayr im Zürcher Kaufleuten seinen Roman vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2016, 17:59 Uhr

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