Der Meister der Prosa des Augenblicks

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke setzt im Roman «Die Obstdiebin» seine Suche nach dem Epos fort. Er findet die Abenteuer im Niemandsland zwischen Supermarkt und Kebabimbiss.

Nicht der Gehalt der Erzählung ist entscheidend, sondern der Satzbau: Schriftsteller Peter Handke. Foto: Serge Picard (VU, Laif)

Nicht der Gehalt der Erzählung ist entscheidend, sondern der Satzbau: Schriftsteller Peter Handke. Foto: Serge Picard (VU, Laif)

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In Peter Handkes Werk gibt es zwei Autoren, die einander zuarbeiten, miteinander rivalisieren, sich voneinander entfernen, aber nie aus den Augen verlieren. Der eine verfasst Notizen, Aufzeichnungen, Einfälle und macht daraus irgendwann ein Buch. Der andere arbeitet derweil in immer neuen Anläufen daran, ein Erzähler zu werden, und hat es dabei nicht leicht, weil er kein Ge-schichtenerfinder ist.

So nimmt er, was ihm seit der Kindheit andere erzählt haben, was er im Kino gesehen, in Bluesballaden gehört hat, und nicht zuletzt den Stoff des eigenen Lebens, um es in die Form von Geschichten zu bringen und so zum Erzähler zu werden.

Nun ist nach längerer Zeit wieder einer von Handkes epischen Grossversuchen erschienen: «Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere». In dem Buch «Der Bildverlust» (2002) war eine Heldin, die «Bankfrau», zu einer Abenteuerreise in die spanische Hochebene aufgebrochen, auf der Suche nach ihrer Tochter. Nun ist die junge Obst­diebin auf der Suche nach ihrer Mutter unterwegs, zwischen den nördlichen Ausläufern der Île-de-France und einem Hochplateau in der Picardie.

Das «epische» Erzählen als Ideal

Aber ehe die junge Frau auftaucht, bricht der Erzähler aus seinem Haus in der «Niemandsbucht» auf, an einem Sommertag im August, nachdem er von einer Biene gestochen worden ist. Der Autor hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seine Niemandsbucht um das Haus in Chaville südwestlich von Paris herum entworfen hat, in dem er seit fast dreissig Jahren lebt. Und in Interviews hat er berichtet, er habe vor einigen Jahren ein weiteres Haus erworben, in der Picardie.

Mit dem landläufigen Roman und seinen Handlungsmustern hat Handke seit je nichts zu schaffen. Und vom James Joyce des «Ulysses» wie vom «Mann ohne Eigenschaften» Robert Musils hat Handke sich mit Grausen abgewandt, als er das «epische» Erzählen zu seinem Ideal und das Mittelalter zu seiner Wahlheimat erklärte. Früh tauchte dabei die Hoffnung auf eine Wiederkehr des Wolfram von Eschenbach als Autor der Gegenwart auf. Er ist nun der wichtigste Schirmherr der «Obstdiebin».

Das Krachen im Regionalzug, der jäh auf freiem Feld stoppt, lässt Anschlagsangst über die Passagiere gleiten.

Wolfram von Eschenbach erzählt von Ereignissen, die in Frankreich stattfinden, und im «Willehalm», dem Handke eines seiner Motti entnimmt («Man sah den lichten Sommer in so mannigfacher Farbe nie»), begegnen sich Christen und Muslime, wie auf dieser kurzen, nur wenige Tage dauernden Reise in die Picardie, die alte Kornkammer der französischen Könige.

Nach etwa 150 Seiten verlässt der Erzähler als leibhaftige Figur seine Geschichte, um nur noch Begleiter der Obstdiebin zu sein. Sie ist eine Art Wünschelrutengängerin; wo sie eine Frucht pflückt, auch eine Lesefrucht, findet der Erzähler Berichtenswertes. Was aber ist erzählenswert? In einem Epos vor allem Abenteuer. Doch wo gibt es die, in der Jetztzeit, beim Wandern durch die industrialisierte Provinz, in den Regionalzügen, vor den Supermärkten, in den Kebabimbissen, im Niemandsland zwischen Metropole und Provinz?

Nur in Form der Verwandlung von Alltagsbegebenheiten in Prüfungen, Gefahrenmomente, vermiedene Katastrophen. «Verwandlung» ist das Schlüsselwort in Handkes Projekt eines neuen epischen Erzählens. Und so gehören zu den schönsten Passagen des Aufbruchs die Seiten, auf denen sich die Supermarktkassiererin auf dem Spielplatz am Bahnhof der Niemandsbucht in eine epiphanische Erscheinung verwandelt.

Ihnen stehen die Schrecksekunden und Gefahrenmomente gegenüber, das wichtigste Organ ihrer Wahrnehmung ist das Gehör. Ein Tritt auf dröhnende Kanalisationsplatten ruft die Vorstellung automatisch aus dem Boden schiessender Sperrvorrichtungen hervor, das Krachen im Regionalzug, der plötzlich auf freiem Feld stoppt, lässt Anschlagsangst über die Passagiere gleiten, in der Gratiszeitung taucht «der Mörder des greisen Priesters in der Kirche bei Rouen» auf, angesichts verschleierter junger Frauen muss der Erzähler einen Wutanfall in sich unterdrücken.

Polemik gegen den Kurzsatzstil

Und der todessüchtige junge Pizzakurier, der sich eine Zeit lang der Obstdiebin auf ihrer Wanderung anschliesst, gerät momentweise in eine Panik und ein Zwielicht, die ununterscheidbar werden lassen, ob in ihm ein Selbstmordattentäter oder nur ein Selbstmörder steckt. Die Reise ins Landesinnere führt auch ins Innere eines vom Terror erschütterten Landes.

Man kann die Stationen dieses Buches auf der Landkarte verfolgen. Aber nicht der Gehalt der Erzählung ist das Entscheidende, der Weg der Obstdiebin zur Familienzusammenkunft mit der Mutter, dem Vater und dem jüngeren Bruder, die Begegnung mit einem Ungeheuer, das sich als kleiner gallischer Hahn entpuppt, die Rettung einer halb toten Katze, die Einkehr in ein Totenhaus, eine Herberge, die Teilnahme an der heiligen Messe.

Entscheidend ist der Satzbau, der den Rhythmus des Aufbruchs und Voranschreitens in sich aufnimmt, als eine einzige lange Polemik gegen den Kurzsatzstil und den Aufstieg des Präsens als Erzähltempus in der Gegenwartsliteratur. Und, auf der anderen Seite, die in Schrift verwandelten Nachbilder, die alle behaupteten Bildverluste dementieren: «Die Sonne ging unter. Ein erster kühler Hauch kam nach dem sommerwarmen Tag daher über die Picardie und das Vexinplateau. Die dunkelnden, da abgeernteten Felder zeigten sich unversehens weiss in weiss von den vorher verborgenen Möwen. Hoch im Zenit, ebenso weiss Wolkenbänder als Schaumstellen im Sand nach dem Zurückfliessen einer Meereswelle. Zwei dieser Wölkchen, im Abstand, wurden von einem Strahl der sonst allüberall schon verschwundenen Sonne erfasst, trieben jetzt sacht aufeinander zu und gleissten auf in dem einen Moment, da eins auf das andere traf.»

Man findet solche Prosa auch in den Notizheften. Anders als der Autor glauben mag, liegt die Stärke seiner epischen Grossprojekte nicht im weltumspannenden Gestus des Erzählers. Sondern in den Passagen, in denen er seinem Doppelgänger den Vortritt lässt, dem Verfasser von Aufzeichnungen und Meister der Prosa des Augenblicks.

Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp, Berlin 2017. 559 S., ca. 45 Fr.

Erstellt: 15.11.2017, 19:31 Uhr

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