Der Mensch ist, was er nicht isst

Der US-Starautor Jonathan Safran Foer warnt in seiner neuen Publikation «Wir sind das Klima!» vor dem endgültigen Aus für unseren Planeten.

«2018 stammten über 99 Prozent der in Amerika verzehrten Tiere aus Massentierhaltung», schreibt Foer. Foto: Jim West, Science Photo Library

«2018 stammten über 99 Prozent der in Amerika verzehrten Tiere aus Massentierhaltung», schreibt Foer. Foto: Jim West, Science Photo Library

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Es empfiehlt sich, die Lektüre des Buches auf der letzten Seite zu beginnen: «Wahrscheinlich ist es unmöglich, den Klimawandel aufzuhalten, indem man auf fossile Brennstoffe verzichtet.» Das würde nämlich zu lange dauern. «Tierprodukte durch Alternativen zu ersetzen, bietet dagegen die einmalige Chance, schnell Treibhausgasemissionen zu reduzieren und zugleich Land zur Verfügung zu stellen, auf dem Bäume schon bald überschüssiges CO2 aufnehmen könnten.»

Diese Sätze, welche der Klimaforscher Jeff Anhang in einer E-Mail an Jonathan Safran Foer schreibt, wiederholt der Autor auf den vorangehenden Seiten in allen möglichen Varianten und bis zur Erschöpfung der Leser und Leserinnen.

Der amerikanische Schriftsteller, berühmt geworden mit hervorragenden Romanen wie «Alles ist erleuchtet» oder «Hier bin ich» und seinem Sachbuch «Tiere essen» von 2010, führt zwar viele Zahlen, Fakten und Statistiken an, scheint sich aber der Sache nicht sicher zu sein: Anstatt in einem nüchternen Ton aufzuklären, beschwört er die kurz bevorstehende Apokalypse. So wie der Holocaust das Leben seiner Grosseltern und der Juden insgesamt gefährdete, so gefährde der Klimawandel die ganze Menschheit.

Zynismus und Moralismus

Zweifellos ist die globale Klimaerwärmung das drängendste Thema der Gegenwart – auch wenn es für einige meist rechte Publizisten chic geworden ist, entweder diese von Menschen gemachte Bedrohung zu leugnen oder die Symbolfigur Greta Thunberg mit allen rhetorischen Mitteln lächerlich zu machen. Doch weder die Ignoranz noch die Aggression können an der wissenschaftlich erwiesenen, tagtäglich erhärteten Tatsache des Klimawandels etwas ändern.

Während einige überheblich und zynisch sind (für sie deckt sich der verantwortungsethische Horizont offensichtlich mit der eigenen Lebenszeit), so neigen andere, wie nun Jonathan Safran Foer, zu einem bedenklich unpolitischen Moralismus.

Dabei wäre die Analyse doch der Königsweg, um neben den Emotionen auch die Vernunft zu mobilisieren. Es braucht die Einsicht nämlich, um nachhaltige gesellschaftspolitische Lösungen umsetzen zu können.

Jonathan Safran Foer liefert immer wieder eindrückliche Daten und Fakten, was für einen Schriftsteller, der sich vor allem mit Fiktionen beschäftigt, nicht selbstverständlich ist. «Einer Schätzung zufolge sind 25 Prozent der ausgestossenen Treibhausgase der Stromerzeugung geschuldet. 24 Prozent verursacht die Landwirtschaft, hauptsächlich durch Tierhaltung. Die Industrie verursacht 24 Prozent, der Verkehr 14 Prozent, Gebäude 6 Prozent. 10 Prozent speisen sich aus sonstigen Quellen.»

Drohender Massensuizid

Solche Passagen regen zum Nachdenken an, und sie wirken länger nach, als oberflächliche Empörungswellen es tun. «Menschen nutzen 59 Prozent des auf der Erde verfügbaren Landes zum Anbau von Tierfutter», schreibt Jonathan Safran Foer etwa. Oder noch schockierender: «2018 stammten über 99 Prozent der in Amerika verzehrten Tiere aus Massentierhaltung.»

Da die Massentierhaltung und die damit einhergehenden Waldrodungen für einen erheblichen Teil der Emissionen verantwortlich sind, sei der weitgehende Verzicht auf Fleisch, aber auch auf Eier und Milchprodukte überhaupt notwendig. Geschehe dies nicht, so Jonathan Safran Foer, treibe die Menschheit auf einen nie da gewesenen «Massenselbstmord» zu.

Um dies zu illustrieren, greift der Autor auf wenig plausible, ja mitunter schräge Analogien und Vergleiche zurück: So erwähnt er den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt mit seiner rigiden Sparpolitik, die schwarze Amerikanerin Claudette Colvin mit ihrem Aufbegehren gegen die Apartheid oder den polnischen Widerstandskämpfer Jan Karski.

Die Ausweitung des Themenfeldes – in an sich aufschlussreichen historischen Kapiteln – führt dazu, dass die Darstellung unscharf und unpräzis wird. Man erkennt in den Analogien mehr Unterschiede als Gemeinsam­keiten. Will der Autor diese schon untereinander kaum vergleichbaren Beispiele ernsthaft mit dem Widerstand gegen den Klimawandel in Beziehung setzen?

Schuldiges Individuum

«Wir sind das Klima!» schreibt eine Ideologie fort, die Jonathan Safran Foer bereits in «Hier bin ich», dem stark autobiografisch gefärbten Roman, fabuliert hat. Auch hier handelt es sich um eine Welt, in der es ausserhalb des Ich nur noch die Familie gibt: die beiden Söhne des geschiedenen Vaters, seine Eltern und die Grosseltern.

Diese verengte Weltsicht mag erklären, wieso ein so kluger, sachkundiger Intellektueller wie Foer den Widerstand gegen die Nationalsozialisten mit dem Kampf gegen den Klimawandel kurzschliesst. Daran scheitert zwar nicht die Botschaft, aber das Vorhaben des Buches: In einer völlig apolitischen Welt werden Kategorien wie «Täter» und «Opfer» obsolet. Was zurück bleibt, ist ein zerknirschtes, isoliertes Individuum, das für alles verantwortlich ist und schuldig wird allein durch die Tatsache, dass es konsumiert.

Was bleibt nach der Lektüre? Einige hübsche Sentenzen – «Wir können nicht unsere vertrauten Mahlzeiten und zugleich unseren vertrauten Planeten behalten» – und die Einsicht, dass der Mensch nicht mehr das ist, was er isst, sondern was er nicht isst.

Erstellt: 14.09.2019, 14:27 Uhr

Jonathan Safran Foer

Wir sind das Klima!

Übersetzt von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr. Kiepenheuer & Witsch, 2019. 328 S., ca. 35 Fr.

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