Der Neugierigste von allen

Bücher wie «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» machten Oliver Sacks zum berühmtesten Neurologen der Welt. Jetzt ist er gestorben.

Stand oft im Rampenlicht: Oliver Sacks an einer Rede in New York (Archiv).

Stand oft im Rampenlicht: Oliver Sacks an einer Rede in New York (Archiv). Bild: Brad Barket/Getty Images

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Was macht eigentlich ein Neurologe? Ausserhalb medizinischer Kreise wusste das kaum jemand. Bis 1985 ein Buch erschien, das zum weltweiten Bestseller wurde. Es trug den merkwürdigen Titel «The Man who Mistook His Wife for a Hat» und enthielt 24 «klinische Geschichten». Sein Autor war der 1933 in London geborene Neurologe Oliver Sacks. Und in seinem Vorwort schrieb der Nervenarzt – denn nichts anderes ist ein Neurologe –, er interessiere sich ebenso sehr für Krankheiten wie für Menschen, die Wissenschaft ziehe ihn ebenso sehr an wie das Romantische.

Sacks beklagte, dass in den üblichen Krankengeschichten die Patienten auf so wenige Eigenschaften reduziert würden wie Ratten in einem Forschungslabor. Er selbst wolle das menschliche Subjekt ins Zentrum stellen, und zu diesem Zweck müsse man das Wort «Geschichte» in «Krankengeschichte» ernst nehmen, schliesslich gehe es bei Krankheiten nicht nur um ein Was, sondern auch um ein Wer. Die Kranken in seinem Buch seien «Reisende in unvorstellbare Länder – Länder, von denen wir sonst keinerlei Idee oder Vorstellung hätten».

Einfühlsames Kuriositätenkabinett

Die Menschen, die Sacks beschrieb, hatten meist Störungen in der rechten Hirnhälfte, also nicht in der rationalen, analytischen, die grob gesagt wie ein Computer funktioniert, sondern in derjenigen, die mit dem Selbst zu tun hat und bei Künstlern dominiert. Ein Musterbeispiel dafür ist die Titelgeschichte: Der Musikprofessor Dr. P. nimmt geometrische Formen problemlos wahr und schlägt den ihn untersuchenden Neurologen Sacks vernichtend im Schach. Organische Formen hingegen wie eine Rose oder einen Handschuh kann er nicht mehr erkennen, und so kommt es dazu, dass er beim Versuch, sich den Hut aufzusetzen, nach dem Kopf seiner Frau greift.

Man hat Sacks vorgeworfen, seine Bücher seien Kuriositätenkabinette, er führe seine Patienten so vor, wie man früher den Elephant Man ausgestellt habe. Nun griff Sacks tatsächlich spektakuläre Fälle auf – aber immer mit grossem Einfühlungsvermögen, ja Liebe für die betroffenen Menschen, und immer ging es ihm darum, was deren Krankheiten uns für Einsichten erlauben in das Funktionieren unserer Nerven und unseres Gehirns.

Dazu angeregt hatte ihn unter anderem sein Bruder Michael. Als dieser in jungen Jahren schizophren wurde, sagte er: «Seht das bitte nicht als Krankheit an. Ich bin am Kämpfen, das ist meine Welt, mein Versuch, einen Sinn zu finden.» Beide Eltern Sacks waren begeisterte Mediziner, und sie prägten Oliver im Guten wie im Schlechten. Noch mit neunzig liess der Vater sich per Taxi zu Patienten fahren, da er Hausbesuche als «Herz der medizinischen Praxis» erachtete. Als Oliver vierzehn war, liess ihn die Mutter das Bein eines gleichaltrigen Mädchens sezieren, um ihn für die Wunder der menschlichen Anatomie zu begeistern. Bei ihm überwog aber das Grauen, und er fragte sich, ob er je einen lebenden Menschen würde lieben können.

Im Drogenrausch

So studierte er in Oxford zwar Medizin, danach setzte er sich aber in die USA ab, wo er ein Doppelleben führte: Bei Tag arbeitete er in San Francisco als Neurologe, nachts schwang er sich auf sein Motorrad, freundete sich mit Hells Angels an und experimentierte mit Drogen. 1965 zog er nach New York, wo sich bald herausstellte, dass er im Forschungslabor nichts taugte. Dafür begeisterte ihn die praktische Arbeit mit Patienten in einer Kopfschmerzklinik. 1966 entdeckte er, dass sich in einem Krankenhaus für chronische Fälle Patienten befanden, die in starren Haltungen wie Parkinsonkranke dahinvegetierten.

Erfahrung mit Drogen: Oliver Sacks über Halluzinationen (Video: Youtube/Oliver Sacks).

Sie hatten die Europäische Schlafkrankheit, die zwischen 1916 und 1927 rund fünf Millionen Menschen dahingerafft hatte, überlebt, befanden sich nun aber in einer Art Dornröschenschlaf. Mit einem neuen Parkinsonmedikament konnte Sacks sie zwar aus diesem Zustand herausreissen, aber dann entwickelten sie neue, zum Teil beängstigende Symptome. Sein Buch darüber, «Awakenings» (1973), wurde von Literaten gefeiert, in medizinischen Fachzeitschriften erschien nichts dazu. «Awakenings» wurde verfilmt mit Robin Williams als Sacks und Robert DeNiro als einem seiner Patienten. «The Man who Mistook His Wife for a Hat» inspirierte den Komponisten Michael Nyman zu einer Oper und den Regisseur Peter Brook zu einem Theaterabend.

Angefeindet

So wurde Sacks, der seine Tätigkeit als «Hausbesuche in den entlegensten Gebieten der menschlichen Erfahrung» bezeichnete, zum bekanntesten Neurologen der Welt, von Kollegen aber immer wieder angefeindet: Wenn jemand einen solchen Publikumserfolg hatte, konnte er wissenschaftlich ja nichts taugen. Dabei gehörte Sacks einfach zu diesen ganz seltenen Wesen: Akademikern, die schreiben können.

Im Dezember 2005 wurde in seinem rechtem Auge ein Melanom entdeckt. Es wurde behandelt, und die dabei auftretenden Sehveränderungen beobachtete der nimmermüde Wissenschaftler Sacks akkurat und beschrieb er im Buch «The Mind’s Eye». Im Februar 2015 teilte er mit, es hätten sich Metastasen gebildet, er habe nur noch Monate zu leben. Die wolle er auf die «reichste, tiefste, produktivste Weise verbringen», die ihm noch möglich sei. Er müsse noch ein paar weit gediehene Bücher fertigschreiben, er wolle «neue Stufen von Erkenntnissen und Einsichten erreichen», aber es müsse auch Platz geben «für Spass und manche Albernheiten». Am Sonntag ist Oliver Sacks mit 82 Jahren zu Hause in New York seiner Krankheit erlegen.

Erstellt: 30.08.2015, 12:36 Uhr

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