Der Professor lässt die Sau raus

Krimi der Woche: «Smonk» von Tom Franklin ist wilder als der Wilde Westen – der irrwitzigste Roman des Jahres.

«Das Schreiben war wie Masturbieren»: Autor Tom Franklin. (Bild: American Academy Berlin/YouTube)

«Das Schreiben war wie Masturbieren»: Autor Tom Franklin. (Bild: American Academy Berlin/YouTube)

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Der erste Satz
Es war am Vortag des Vortages seines Ablebens durch Mord, und Mundharmonika-Musik lag in der Luft, als E. O. Smonk auf dem umstrittenen Muli hinauf zu dem Hotel ritt, wo sein Prozess stattfinden sollte.

Das Buch
Der 54-jährige Amerikaner Tom Franklin ist ein hochgelobter, vielfach ausgezeichneter Literat, der an der Universität Kreatives Schreiben lehrt. Nachdem «Die Gefürchteten» noch auf Deutsch erschienen ist, sind die Literaturverwalter in den deutschen Grossverlagen ob dem Nachfolger «Smonk» aus dem Jahr 2006 wohl ziemlich erschrocken und liessen die Hände davon. Ein Glück für den innovativen Verleger Frank Nowatzki, der «das verschmähte Dark Horse» für seinen kleinen, feinen Noir-Verlag Pulp Master einfangen konnte und nun zu Recht stolz darauf ist, «dem für die Dunkelheit und den Humor in seinen Geschichten von Kritikern geschätzten und von zahllosen Fans geliebten Autor aus Mississippi ein neues Zuhause» geben zu können. Nach «Smonk» wird auch der vielgerühmte Roman «Crooked Letter, Crooked Letter» – im deutschen Bundesland Baden-Württemberg Englisch-Abitur-Pflichtstoff – beim Berliner Verlag erscheinen.

«Smonk» ist ein zügelloser, wilder Ritt in die wüste Vergangenheit im US-Süden. Während im frühen 20. Jahrhundert im Norden die Industrialisierung schon in vollem Gang ist, herrschen in der Kleinstadt Old Texas in Alabama noch Verhältnisse, die schon in der Pionierzeit kaum mehr zeitgemäss waren. Das Kaff ist eine «Stadt der Witwen», weil sich die Männer «wie die Blöden freiwillig gemeldet» hatten, «um im Kampf gegen die Yankees zu sterben». Angestiftet von einem durch die Tollwut wahnsinnig gewordenen Pastor betreiben die Witwen einen irren Kult, dem die männlichen Nachkommen geopfert werden. Der Gesetzlose E. O. Smonk terrorisiert das Städtchen. Über ihn kursieren schlimme Geschichten: «Wie Smonk Kirchen niederbrannte, kleine Kinder frass, mit Tieren Verkehr hatte, auf junge Mädchen pinkelte, Leuten die Nase abbiss.» Als ihm der Prozess gemacht werden soll, zettelt er eine Schiesserei an, bei der die meisten Männer, welche die Witwen inzwischen mit allen Mitteln zum Bleiben gebracht hatten, niedergemäht werden. Weitere Protagonisten dieses wahnwitzigen Romans sind ein Schöngeist, der mit seinen «christlichen Deputys» die Welt verbessern will, und eine minderjährige Prostituierte, die männermordend durchs Land zieht und ihre Dienste sachlich auf einem Schild anpreist: «Ficken 1 Dollar.»

Professor Franklin lässt mit «Smonk» so richtig die Sau raus. «Das Schreiben war wie Masturbieren – es fühlt sich grossartig an, aber gleichzeitig fühlt man sich schuldig», sagt er selbst, «es war zu gewalttätig, es war zu schräg, es wurde zu viel gefurzt und es gab zu viel Sex.» Viel ist dem eigentlich nicht beizufügen. Man kann das mögen oder nicht. Man kann das widerwärtig finden oder witzig. Ich neige klar zu Letzterem.

Die Wertung:

Der Autor
Tom Franklin, geboren 1963 in Dickinson, Alabama, studierte an der University of South Alabama in Mobile und an der University of Arkansas in Fayetteville; das Studium finanzierte er sich mit Jobs in Lagerhäusern, Fabriken und auf einer Sondermülldeponie. Sein erstes Buch war die Story-Sammlung «Poachers» (1999); für die Titelgeschichte wurde er mit dem Edgar Award für die beste Krimi-Kurzgeschichte ausgezeichnet. Sein erster Roman «Hell in the Breech» (2003; deutsch als «Die Gefürchteten» 2005 bei Heyne) etablierte ihn definitiv als wichtige Stimme der Südstaatenliteratur; Franklin wird stilistisch verglichen mit Grössen wie Cormac McCarthy und Flannery O’Connor. Es folgten «Smonk» (2006), «Crooked Letter, Crooked Letter» (2010) und, zusammen mit seiner Frau Beth Ann Fennelly, «The Tilted World» (2013). Tom Franklin lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Oxford, Mississippi, wo er an der University of Mississippi kreatives Schreiben unterrichtet.

Tom Franklin: «Smonk» (Original: «Smonk», William Morris, New York,2006). Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Pulp Master, Berlin, 2017. 310 S., ca. 20 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2017, 11:00 Uhr

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