Der SS-Mann und die First Lady von Auschwitz

Martin Amis’ umstrittener Roman «Interessengebiet» zeigt den Holocaust als schwarze englische Komödie.

Der Holocaust wird bei Martin Amis zur exakt geplanten, chaotisch ausufernden Walpurgisnacht. Foto: Tom Craig

Der Holocaust wird bei Martin Amis zur exakt geplanten, chaotisch ausufernden Walpurgisnacht. Foto: Tom Craig

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Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen haben angelsächsische Schriftsteller, Filmemacher und Komiker wenig Skrupel, die komischen Seiten des Nationalsozialismus für derbe Satiren auszuschlachten. Schon die Blödeltruppe Monty Python machte sich gern über Hitler und Eva Braun lustig, Prinz Harry zeigte sich in Naziuniform. In Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds» trat ein SS-Mann als makabrer Witzbold auf, in Jonathan Littells «Die Wohlgesinnten» als gut gelaunter Pornograf des ­Todes. Auch Martin Amis ist notorisch fasziniert von allem, was als dekadent, böse und verboten gilt. Mit Skandalromanen, provozierenden Auftritten und zahlreichen Affären hat er sich den Ruf eines literarischen Enfant terrible erworben. Jetzt nähert er sich zum zweiten Mal dem Tabu-Thema Auschwitz von innen her.

In «Pfeil der Zeit» (1993) erzählte ein KZ-Arzt im innovativen chronologischen Krebsgang von den Gräueln des Holocaust, in «Interessengebiet» erzählen ein Täter, ein Opfer und ein «obstruktiver Mitläufer» eher konventionell vom Leben und Sterben im «Kat Zet». Das Thema ist ernst, die Form frivol: «Interessengebiet» ist eine makabre schwarze Komödie, Geschichtsschreibung an der Grenze zwischen Fakten und Fiktion, Ironie und Zynismus. Es gibt jede Menge englischen Humor und Esprit, giftigen Sarkasmus und seriöse Gedanken, aber natürlich auch Nazikitsch und das, was Amis offenbar für «Realsexualpolitik» hält: dralle Dirndl, blonde Deutsche in braunen Unterhosen, eine bärbeissige KZ-Aufseherin, die ein Korps jüdischer Nackttänzerinnen für die SS dressiert.

Amis’ bester Roman seit langem

Im Nachwort bemerkt Amis keck, Autoren wie Paul Celan oder Primo Levi hätten ihm den Druck des Erklärenmüssens genommen und die literarische Freiheit gegeben. Wenn aber der Holocaust unbegreiflich ist, wenn es weder Erklärungen noch Darstellungsverbote gibt, kann und darf man über den Nullpunkt der Humanität so gut oder schlecht wie über jeden anderen Gegenstand schreiben. Das System Nationalsozialismus ist für Amis so absurd, rätselhaft und spannend wie die Sexualität Hitlers.

Man ist daher auf Naziklamauk der übleren Sorte gefasst; schliesslich hatten sowohl Amis’ französischer Verlag wie auch Hanser den Roman leicht angewidert abgelehnt. Aber dann erlebt man eine Überraschung: «Interessengebiet» ist eine überwiegend intelligent und kaltblütig erzählte Auseinandersetzung mit der Banalität des Bösen und zweifellos Amis’ bester Roman seit langem; nicht frei von einigen Geschmacklosigkeiten, aber im Ganzen doch erstaunlich ernsthaft, klug und sprachlich brillant.

Gestützt auf die einschlägige neuere Literatur von Ian Kershaw bis Christopher R. Browning, beschreibt Amis eindringlich, wie Menschen zu Bestien werden, aber auch, wie die Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz ins Stottern gerät, Widersprüche und Störfaktoren produziert, die das System in die Selbstzerstörung treiben. Höchste Rationalität bei der industriellen Organisation des Tötens und archaische Grausamkeit gehören zusammen; die Ingenieure und Bürokraten, die sich nie die Hände schmutzig machen, sind noch schrecklicher als Männer wie Paul Doll, der nach dem Vorbild von Rudolf Höss ent­worfene Lagerkommandant. Der Holocaust ist bei Amis eine exakt geplante, chaotisch ausufernde Walpurgisnacht, ­barbarisch und sinnlos.

Objektiv zynische Satire

Schon wahr, Amis’ Nazis denken und reden oft wie eloquente Zyniker von hier und heute. Der Einmarsch in Russland, so hört man aus Kreisen der Wehrmacht, war eine «äusserst dämliche Idee» des Gefreiten, aber eine deutsche Niederlage ist «biologisch ausgeschlossen». Und «Scheiss drauf, er ist unser Mann. Und wenn wir schon mal da sind, können wir ihm gleich auch seinen Fiebertraum von den Juden erfüllen.» Doch gerade diese kleinen Unzeitgemässheiten, Brüche und Albernheiten machen «Interessengebiet» zu einer objektiv zynischen Satire. Doll verbietet im KZ den «Stürmer», weil er geifernden Antisemitismus für der heiligen Sache schädlich und eines anständigen Deutschen unwürdig hält. Ein KZ-Kommandant hat es wahrlich nicht leicht: Der Leichengeruch stört die ahnungslosen Volksgenossen draussen, der Rauch die Luftabwehr, die Industrie braucht die Sklaven, die ins Gas gehen, und auch mit Dolls Ehe steht es nicht zum besten.

Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt von Amis’ «Interessengebiet» ist nämlich: Liebe und Eifersucht am liebesfeindlichsten Ort der Welt. Golo Thomsen, ein SS-Offizier wie aus dem Arno-Breker-Bilderbuch (kobaltblaue Augen, arisch kantige Kiefer, michelangeloeske Waden) liebt Hannah Doll, die üppige, bezaubernde, traurige First Lady des KZ. Thomsen, als Obersturmbannführer und Neffe von Martin Bormann doppelt geschützt, ist ein Frauenheld und Zyniker, anfangs guter Nazi aus Langeweile, am Ende Widerstandskämpfer aus Liebe. Hannah leidet unter der Dummheit und Grobheit ihres Gatten, der sich als Kulturmensch im Dienst versteht, aber nur ein heillos überforderter Schwätzer und Säufer ist.

Mehr als nur Karikaturen

Werther im KZ, Madame Bovary in Ausch­witz: Amis kostet die klassische Dreierkonstellation genüsslich aus und verschmäht auch sonst keine billigen Pointen und lauten Effekte. Die Nazis tragen Namen wie Frithuric Burckl oder Trudel Zulz, Himmler ist eine Lachnummer zwischen Kaninchenstall und Welteislehre, Onkel Bormann der auf- und abgeklärte Diener seines Herren, ein Mann, mit dem man über alles reden kann. In naher Zukunft schon, schwant Golo, werde man Nazis für so fremdartig und unwahrscheinlich halten wie Dinosaurier. Sie waren «nicht menschlich, nicht einmal Säugetiere». Bei Amis sind sie schon fast Comic-Figuren aus der Hölle. Immerhin, die drei Hauptfiguren sind mehr als nur Karikaturen. In seiner Beziehung zu Hannah zeigt sich Golo (und auch der Macho Amis) ausgesprochen zartfühlend und nobel; das von Melancholie und Verzicht umschattete Wiedersehen nach Kriegsende in Rosenheim gereichte jedem Hollywoodmelodram zur Ehre. Doll, der Schreibtischtäter zwischen bürokratischer Pflicht und sadistischer Neigung, Selbstmitleid und Wahnsinn, ist eine fast schon komische Figur. Szmul, der zur Mitarbeit an der Rampe verdammte jüdische Kollaborateur, ist der «traurigste Mann der Weltgeschichte», mehr mythische Schattengestalt als Mensch.

Werner Schmitz’ Übersetzung bringt nicht nur das legere Parlando in ein biegsames Deutsch, sondern bügelt nebenbei auch einige Fehler des Originals wie «Endlosung» oder «Brustwarte» aus. Die englische Kritik feierte «Interessengebiet» fast einhellig als «Werk künstlerischen Mutes, kühler Komik und unbestreitbarer moralischer Ernsthaftigkeit». In Deutschland wird das Lob verhaltener ausfallen. Aber selbst wer Amis’ Holocaust-Satire nicht mag und Adornos Diktum, nach Auschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, immer noch in Ehren hält, muss zugeben: Selten ist ein Autor so fröhlich, frech und virtuos am Unbegreiflichen gescheitert.

Martin Amis: Interessengebiet. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Kein & Aber, Zürich 2015. 422 S., ca. 33 Fr.

Am 22. September stellt Martin Amis seinen Roman im Kaufleuten Zürich vor.

Erstellt: 16.09.2015, 18:10 Uhr

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