Der Tod eines Popstars wird inszeniert

Krimi der Woche: «Kill ’em All» von John Niven ist ein schräger Mix aus Thriller, Musikbusiness-Satire und Gesellschaftsbild der Trump-Ära.

Als Manager bei Plattenfirmen bewies Niven kein gutes Händchen. Seine Romane hingegen wurden Bestseller.

Als Manager bei Plattenfirmen bewies Niven kein gutes Händchen. Seine Romane hingegen wurden Bestseller. Bild: Erik Weiss

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Der erste Satz

Im Maybach ist es zu kalt.

Das Buch
Seven Stelfox ist ein Kotzbrocken. Mit Mitte 40 hat er alles erreicht, ist steinreich und könnte das Leben geniessen. Doch als eines Tages der Schatten der Riesenjacht von Entertainment-Mogul David Geffen auf seine Luxusjacht fällt, reicht ihm nicht mehr, was er hat. Reich geworden ist Stelfox im Musikgeschäft. Wie das anfing, erzählte der schottische Autor John Niven vor zwanzig Jahren in seinem Bestseller «Kill Your Friends». Das Musikbusiness kennt Niven von seiner früheren Tätigkeit bestens. Jetzt legt er nach: «Kill ’em All» spielt 2017, Stelfox ist inzwischen 47. Als ihn ein alter Kumpel, der inzwischen Chef eines amerikanischen Musikkonzerns ist, um Hilfe bittet, sieht der englische Trump-Fan die Möglichkeit, noch viel reicher zu werden.

«Kill ’em All» ist eine wilde, wüste und witzige Mischung aus einem Thriller und einer Satire auf das Unterhaltungsgeschäft und auf die Trump-Ära. Für Stelfox ist es «eine wunderbare Welt», weil darin «Ehrgeiz immer noch mehr zählt als Talent». Beim Problem, das er lösen soll, geht es um einen der grössten Popstars, der sich durch seinen exzentrischen Lebenswandel und den Rückzug aus der Musik schwer verschuldet hat. Jetzt soll Lucius Du Pre ein Comeback geben, doch durch die Drogen, die ihm sein Leibarzt täglich verabreicht, ist er in einem desolaten Zustand. Und nun wird er auch noch erpresst von den Eltern eines Jungen, den er missbraucht hat.

Es ist klar, das Michael Jackson das Vorbild für diese Figur ist. Nur dass Lucius weiss ist, aber schwarz sein möchte. Stelfox beschliesst, seinen Tod bei einem Helikopterabsturz zu inszenieren, mit Erinnerungsalben viel Geld zu machen und ihn dann später wieder lebend aus dem Hut zu zaubern. Stelfox kennt keine Skrupel, er geht über Leichen, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Dass sich in Zusammenhang mit der Beziehung zu einer Frau in ihm so etwas wie wirkliche Gefühle regen, irritiert ihn selbst am meisten.

Von Leuten, die sich von Gefühlen leiten lassen, hält er nichts. Er beschimpft alle und jeden. Auch uns Leser: «Ihr Idioten, die ihr nichts Besseres zu tun habt, als auf eurem dämlichen Arsch zu sitzen und ein beschissenes Buch zu lesen.» Wer es nicht nach oben schafft, ist ein armseliger Loser. Und Stelfox liebt die Zeiten von Fake News. «Früher hiess es: Das ist meine Wahrheit, zeig mir deine. Und heute? Das ist meine Lüge, aber beweis das erst mal.»

«Kill ’em All» ist eine moderne Groteske in deftiger, immer expliziter Sprache. Das mag vordergründig etwas klamaukig daherkommen. Doch hinter derber Sprücheklopferei und einem schrägen Thriller-Plot zeichnet der Roman schonungslos das Bild einer selbstsüchtigen und rücksichtslosen Gesellschaft.

Die Wertung

Der Autor
John Niven, geboren 1966 in Irvine in der Grafschaft Ayrshire im Südwesten Schottlands, war in den 1980er-Jahren Gitarrist der Indieband The Wishing Stones. An der University of Glasgow studierte er englische Literatur. Er arbeitete dann im Marketing und als A&R-Manager bei verschiedenen Plattenfirmen in London. Bei London Records lehnte er 1997 die Band Coldplay ab, die er als «Radiohead für Trottel» bezeichnete; Coldplay wurde eine der erfolgreichsten Bands der 2000er-Jahre. Zuvor hatte schon die später erfolgreiche Band Muse bei ihm keine Chance. 2002 verliess Niven die Musikindustrie, um sich dem Schreiben zu widmen. Sein zweites Buch, «Kill Your Friends» (2008), eine beissende Satire auf die Musikindustrie, wurde ein internationaler Bestseller. Die Hauptfigur dieses Romans nahm Niven nun 20 Jahre später in seinem neunten Buch «Kill ’em All» wieder auf. Neben Romanen schrieb er auch mehrere Drehbücher, darunter das für die Verfilmung seines ersten Bestsellers (2014, Regie: Owen Harris). Heute lebt Niven in der englischen Grafschaft Buckinghamshire.

John Niven: «Kill ’em All» (Original: «Kill ’em All», William Heinemann, London 2018). Aus dem Englischen von Stephan Glietsch. Heyne Hardcore/Wilhelm-Heyne-Verlag, München 2019. 384 S., ca. 30 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2019, 14:19 Uhr

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