Der unsentimentale Heimatforscher

Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov ist derzeit Writer-in-Residence in Zürich: Nirgends könne man besser übers Eigene und Eingemachte schreiben, findet er.

Bulgarien stilisiere sich oft als die Schweiz des Balkans, erzählt Georgi Gospodinov. Dabei galt es lange als das ärmste und traurigste Land der EU. Foto: Fabienne Andreoli

Bulgarien stilisiere sich oft als die Schweiz des Balkans, erzählt Georgi Gospodinov. Dabei galt es lange als das ärmste und traurigste Land der EU. Foto: Fabienne Andreoli

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Als Georgi Gospodinov das letzte Mal in der Schweiz lebte, als Landis-&-Gyr-Stipendiat, verfasste er nicht nur den düster-spielerischen Erzählband «8 Minuten und 19 Sekunden» (2016), sondern auch ein ausgereiftes Konzept für ein Museum der Staatssicherheit in der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

«Die Zeit in Zug war sehr fruchtbar. Überhaupt kann ich gut nachvollziehen, dass Schriftsteller in die Schweiz kommen, um da zu schreiben – und zu sterben.» Sagt der unkomplizierte Typ mit dem Hauch von Stoppeln im breiten Gesicht, in das er gern ein Lächeln legt. Als aktueller Writer-in-Residence des Literaturhauses Zürich und der Stiftung PWG hat Gospodinov den grossen Toten seiner Zunft (darunter Elias Canetti, geboren im heute bulgarischen Rustschuk) auf Zürcher Friedhöfen bereits seine Aufwartung gemacht. In der Ruhe Zürichs liege die Chance zur distanzierten Betrachtung der Heimat, erklärt er bei einer Tasse Tee.

Bei der Vergangenheitsbewältigung Bulgariens liege vieles im Argen. «Bei uns herrscht immer noch eine Kultur des Schweigens. Die Kombination aus patriarchaler Tradition und kommunistisch-diktatorischer Prägung lässt uns verstummen, sobald es ans Eingemachte geht.»

Darum hat der Autor schon 2006 im Internetprojekt «Ich lebte den Sozialismus» 171 persönliche Geschichten aus realsozialistischer Zeit gesammelt: eine Art «geschriebene Oral History», welche die Traumata der Bürger offenlegt, wie Gospodinov erläutert. In dem geplanten Museum sollte es um die Archive der ehemaligen Staatssicherheit gehen. Aber weder Bevölkerung noch Regierung zeigten Interesse daran. «Also schrieb ich einen kleinen Text über das ‹Fehlende Museum›.»

Kein Bad in der Nostalgie

Gospodinov beschreibt sich als Heimatschriftsteller des 21. Jahrhunderts: Er will nicht in Nostalgie baden und sich eine falsche goldene Ära zurechtträumen, wie es die Neue Rechte in den osteuropäischen Ländern und anderswo tut. Sondern er leuchtet in die dunklen Ecken seiner Kindheit, in die Malaise des Aufwachsens in einer unfreien Gesellschaft. Dass die Texte des 1968 Geborenen besonders im deutschsprachigen Raum auf grosse Resonanz stossen, überrascht ihn aber nicht.

Im Lokalen stecke das Globale, die Literatur sei Gefäss fürs Universelle, ist er überzeugt. Georgi Gospodinov traf einen Nerv mit seinem Experimental-Roman «Physik der Schwermut» (2012), in dem er von einem traurigen Minotaurus erzählt. Der ist, in der multiplen Erzählerstimme, mal ausgebeutetes Variétékind vor dem Zweiten Weltkrieg, mal einsamer Bub in einer kargen Souterrainwohnung in den Siebzigern – wie der Autor selbst es gewesen war. Das Kind im Roman heisst auch Georgi und flüchtet aus der tristen bulgarischen Wirklichkeit in Bücherwelten.

«Ich will mehr über die Sandwich-Menschen und ihre Geschichten wissen. Also über die, die weder krass zum Opfer ­wurden noch als brutale Täter agierten. Mich interessieren die, die sich dazwischen irgendwie durchlavierten, im grauen Alltag, wie meine Familie; wie die meisten.» Als Sandwich-Literat hat es Gospodinov zum literarischen Sternekoch gebracht.

Diffuses Verlustgefühl

Bulgarien stilisiere sich oft als die Schweiz des Balkans, verrät der Autor mit wehmütig meliertem Grinsen. Dabei galt es lang als das ärmste und traurigste Land der EU. Man habe eine Sehnsucht nach dem nie Dagewesenen kultiviert, habe die Fantasie einer Vergangenheit gepflegt, die so nie stattgefunden hat. Das diffuse Verlustgefühl durchzieht auch Gospodinovs Bücher und gab «Physik der Schwermut» den Titel; doch im Grunde sei das Wort für diese sehnsuchtsvolle Tristesse, «Taga», unübersetzbar.

Ausgelöst wird «Taga» durch das Kleine, Vergängliche. Der Autor, der seine Romanhelden nach sich selbst benennt, will auf der Augenhöhe eines Kindes auf die Welt schauen. Dann nämlich erhalte das Vernachlässigte, Übersehene plötzlich Würde, sogar Erhabenheit. «Abstrakte Konzepte und monumentale Protagonisten sind nichts für mich.» Eher der magische Realismus eines Gabriel García Márquez – und die Märchen, die Gospodinovs Grosseltern ihm erzählten.

Dass seine Protagonisten Georgi heissen, dürfe aber nicht zur autobiografischen Lesart verführen. Anders als bei Flaubert, der sich explizit mit seiner Heldin Madame Bovary gleichsetzte, sei er nicht sie. Sondern Chronist eines Lebensgefühls. Und seit seinen Lektüre-Orgien in der Kindheit liebte er die Form des Icherzählers: Diese suggeriere Unsterblichkeit.

Wie ist man frei?

Literatur ist ein Trostspender und Empathietrainer, findet der Bulgare, und so etwas bräuchten alle. 1989 gab es in Bulgarien die erste Auswanderungswelle, Mitte der 90er die zweite. Der Braindrain und Verlust der Jungen schaden dem Land. Und seit den Protesten gegen die Regierung 2013 sei alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft erloschen. «Aber anderswo auch», sagt Gospodinov. «Das Traurigste ist: Wir sind nicht mehr das traurigste Land Europas.»

All die Bevölkerungen der einst kommunistischen Länder Europas würden unter der Korruption des Geistes leiden, hätten sich ans Überleben mittels Tricks und Mauscheleien gewöhnt und ein böses Erwachen erlebt, diagnostiziert der unsentimentale Heimatforscher. «Nach der Wende dachten alle, die Freiheit – und der Lebensstandard auf EU-Level – sei nun mit einem Fingerschnippen zu haben. Aber wir haben vergessen, wie man frei ist. Es ist erschreckend, wie leicht sich die Menschen nach einer Diktatur wieder Populisten mit diktatorischen Tendenzen in die Arme werfen.»

Wenn das Vertrauen in die Zukunft schwindet, stehen Nationalismus und Machismo wieder auf. Schreibt man dagegen an, wird man angefeindet wie Gospodinov. Im gerade entstehenden Roman untersucht er, was passiert, wenn die Zukunft schlicht abgesagt ist und man darum aufs Vergangene starrt, als läge darin die Rettung. Gewalt gegen Frauen und Queers, die Diskriminierung von Sinti und Roma: Dies seien nur allzu präsente gesellschaftliche Realitäten des rückwärtsgewandten Bulgarien, meint Gospodinov.

Seit fünf Jahren zieht er umher, vor allem zwischen New York, Wien, Berlin und Sofia, wo seine Eltern und die heute 12-jährige Tochter leben. Der Populismus hat überall sein Haupt erhoben. Bleibt Gospodinovs Glaube an die Literatur. Die sei grenzüberschreitend, funktioniere fern von Nationalstolz oder -scham. Und sie werde Bestand haben, trotz Digitalisierung, Netflix und Co. «Man wird zur ‹Slow Art› zurückkehren: zum Theater und zum Buch.» Mit seiner Tochter aber hatte Georgi Gospodinov erst mal Slow Fun – im Zürcher Zoo.

Beim österreichischen Verlag Droschl erschienen von Georgi Gospodinov zuletzt «Kleines morgendliches Verbrechen», eine Auswahl von Gedichten (2010), der Roman «Physik der Schwermut» (2014) und der Erzählband «8 Minuten und 19 Sekunden» (2016). (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.03.2019, 17:55 Uhr

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