Der Vater bleibt ein schwarzes Loch

Jaballa Matar war ein libyscher Oppositioneller, der in Ghadhafis Foltergefängnissen verschwand. Der Bericht seines Sohnes Hisham hat jetzt den Pulitzerpreis gewonnen.

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Jaballa Matar muss eine erdrückend eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein. 1939 geboren, Offizier der libyschen Armee unter König Idris, nach Ghadhafis Putsch erst eingesperrt, dann als Diplomat zur UNO nach New York ­delegiert. 1970 wird der Sohn Hisham dort geboren. Jaballa demissioniert, als die Brutalität des neuen Regimes unübersehbar wird, kehrt nach Libyen zurück, wird Geschäftsmann, wird reich – und eine zentrale Figur der Opposition.

Um der Verhaftung zu entgehen, flieht er mit der Familie nach Kairo. Dort nimmt ihn 1990 der ägyptische Geheimdienst fest und liefert ihn an Ghadhafi aus. Jaballa sitzt im berüchtigten Foltergefängnis Abu Salim bei Tripolis. Wahrscheinlich ist er unter den Opfern eines Massakers, das im Juni 1996 dort stattfindet, als Soldaten von den Dächern aus 1270 Gefangene erschiessen, die zuvor in sechs Höfen zusammengepfercht wurden. Bis heute weiss die Familie nicht sicher, wann und wie Jaballa ums Leben kam, wo er begraben, vielmehr verscharrt ist.

Deformierte Entwicklung

Jaballa Matar, eine charismatische Führergestalt, dazu ein Dichter, eine «lebende Bibliothek», der im Gefängnis laut Gedichte rezitierte, zur Ermutigung der Mitgefangenen. Für den Sohn ein schwarzes Loch mit einer Sogwirkung, die die eigene Entwicklung auf Jahrzehnte deformiert hat. Die klassische Auseinandersetzung, Ablösung und Wiederannäherung ist unmöglich, wenn der Vater zugleich übermenschlich gross und abwesend, reduziert, hilfsbedürftig ist. Wissen und Unwissen über den Verschwundenen fixieren das Denken der Restfamilie. «Indem Ghadhafi meinen Vater entführte, steckte er mich in einen Raum, der kaum grösser als die Zelle meines Vaters war.»

Nach vielen Jahren ohne Nachricht versucht sich der Sohn, der längst in England lebt, an den Gedanken zu gewöhnen, dass der Vater wohl tot ist. Aber in dem «wohl» steckt die Psychofolter: «Mein Vater ist tot, und zugleich lebt er noch. Ich habe keine Grammatik für ihn, er ist in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.»

Jaballa könnte noch leben!

Zweimal hat Hisham Matar das Verschwinden seines Vaters literarisch transponiert, in den Romanen «Im Land der Männer» (2006) und «Geschichte eines Verschwindens» (2011). Das neue Buch ist, wiewohl ebenfalls von literarischer Qualität, autobiografischer, faktennäher. Matar hat dafür gerade den Pulitzerpreis erhalten. Geschrieben nach dem Sturz des Regimes, enthält es den Bericht über eine Reise in die alte Heimat (in der er nur einige Kindheitsjahre verbracht hat), die Begegnung mit Familienangehörigen, unter ihnen etliche ehemalige Häftlinge, und vor allem die Geschichte der «Kampagne».

2009 nämlich hatte Hisham von einem Gefangenen gehört, der seinen Vater im Jahr 2002 gesehen haben will. Nach dem Massaker – Jaballa könnte also noch leben! Matar setzt in England alle Hebel in Bewegung, um Druck auf die ­libysche Regierung auszuüben. Dieser Teil des Buches ist politisch aufschlussreich bis entlarvend, menschlich bewegend und von grosser Dramatik. Englische Medien greifen den Fall auf, Prominente bis hin zum Nobelpreisträger Desmund Tutu setzen sich ein, es gibt sogar eine Sitzung des Oberhauses, die dazu führt, dass die britische Botschaft in Tripolis alle vierzehn Tage nach dem Schicksal von Jaballa fragt.

Kalter Zynismus der Macht

Hisham erlebt Solidarität, aber auch den kalten Zynismus der Macht. Premier Tony Blair fuhr einen Entspannungskurs mit Libyen, es gab geschäftliche Interessen, die durch die lästige Kampagne nicht gefährdet werden sollten. Libyer kauften in grossem Ausmass Immobilien, der libysche Geheimdienst war in London aktiv, «keiner von uns fühlte sich sicher».

Die andere Seite dieser Kollaboration: Libyen hatte Interesse, aus der Ecke des Schurkenstaates herauszukommen. Einer, der sich als Vermittler, Befürworter eines sanften Kurses (und möglicher Nachfolger) profilieren wollte, war Ghadhafi-Sohn Saif. Als ­Matar signalisiert wird, Saif könne etwas in seiner Sache tun, willigt er ein, ihn zu treffen. Es kommt zu einem perfiden, einseitigen Spiel zwischen zwei Söhnen: hier der klug und professionell agierende, aber auch verzweifelt jedem Hoffnungszipfel hinterherjagende Hisham, dort Saif, ein ganz besonders widerwärtiger Vertreter einer grausamen Macht.

Ein Land als Bühne für Fremde

Saif verspricht und lockt, wirbt und schmeichelt, hält ihn hin, bei Treffen, telefonisch, per SMS, ohne greifbare Ergebnisse. Erst kurz vor Ausbruch des Aufstandes erreicht Hisham wenigstens, dass zwei Onkel und zwei Cousins, die mit dem Vater zusammen verhaftet worden waren, freikommen. In Libyen dann kann Hisham 2012 den Mann treffen, der seinen Vater erkannt haben will: Er hat sich getäuscht. Alle Mühen waren also «leer und sinnlos, ein grausamer Witz».

Hisham Matars dritte Annäherung an den «Vaterkomplex» ist nicht weniger eindringlich als die Romane. Immer wieder gelingt es ihm, die Beschädigung der eigenen Biografie in starke Bilder zu übersetzen. Ein zusätzlicher Reiz des Buches liegt in der grösseren Nähe zum tatsächlich Vorgefallenen. Und Hisham Matar erzählt über den Fall Jaballa hinaus auch die Kolonialgeschichte Libyens, eines Landes, das immer besetzt war, «eine Bühne für Fremde, um ihre Dämonen auszutreiben und ihren Ehrgeiz auszuleben».

Das Gemetzel der Italiener

Am schlimmsten gewütet – was hierzulande wenig bekannt ist – haben die Italiener. Zwischen 1911 und 1916, berichtet Matar, wurden 5000 Bürger von Tripolis als Strafmassnahme deportiert, ein Sechstel der Bevölkerung; sie kamen alle um. Später gingen Mussolinis Truppen nach einem Aufstand (an dem auch Matars Grossvater teilnahm, was für eine Familie!) völkermörderisch gegen die Bevölkerung vor, warfen Bomben, schütteten Beton in die Brunnen. Und bauten KZs. «Jede Familie verlor einige der ihren in diesen Lagern.»

Die «Rückkehr», die der Titel meint, Matars Reise nach Benghazi, Tripolis und zu den Dörfern seiner Familie im Frühjahr 2012, fällt in eine kurze Phase der Hoffnung. Aber der Besucher, so sehr ihn das Licht, das Meer und die Reminiszenzen an die Kindheit begeistern, spürt schon, «dass das Land auf Messers Schneide steht». Die Häuser sind statt mit niedrigen Zäunen mit hohen Mauern umgeben, die Menschen ziehen sich dahinter zurück, überall auf den Strassen kontrollieren Milizen, das Land ist voller Waffen. Der Traum, in Benghazi eine Heimat zu finden, ein «Zuhause als Ort, von dem aus die ganze Welt plötzlich möglich wird», bleibt ein Traum. Matar bleibt ein Exilant, so gut installiert er in England auch sein mag.

Heute herrscht in Libyen Bürgerkrieg; das Land ist eine Durchgangs- und Todeszone für Flüchtlinge, die eingesperrt, als Arbeits- oder Sexsklaven öffentlich feilgeboten werden oder gefoltert, um Geld von den Familien zu erpressen. Und Saif al-Ghadhafi, der den Umsturz überlebt hat, ist, wie man hört, dabei, sich erneut als «Lösung» zu präsentieren.

Erstellt: 25.04.2017, 19:46 Uhr

Der Autor

Hisham Matar verbrachte die ersten drei Lebensjahre in New York, wo sein Vater, Jaballa Matar, für die libysche Delegation bei der UNO arbeitete. Als er drei Jahre alt war, kehrte die Familie nach Libyen zurück. Hier verbrachte Matar seine frühe Kindheit, bis die Familie gezwungen war, wegen politischer Verfolgung nach Kenia und dann nach Ägypten zu fliehen. 1986 ging Matar nach London, wo er Architektur studierte. Sein erster Roman erschien 2006. Der mittlerweile 47-Jährige lebt nach wie vor in London.
Foto: Rolf Vennenbernd (DPA, Keystone)

Das Buch

Hisham Matar: Die Rückkehr. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand, München 2017. 286 S., ca. 28 Fr.

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