Zum Hauptinhalt springen

«Der Widerstand ist keine Eintagsfliege»

US-Romancier Jonathan Safran Foer glaubt, dass die Amerikaner die Regierung von Donald Trump nie akzeptieren werden.

Schreibt gerade an einem neuen Buch: Jonathan Safran Foer im Hotel Florhof in Zürich. Foto: Urs Jaudas
Schreibt gerade an einem neuen Buch: Jonathan Safran Foer im Hotel Florhof in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Trump ist seit knapp zwei Wochen Präsident – wie geht es Ihnen damit?

Ich bin immer noch im Schockzustand. Niemand hatte mit diesem Wahlausgang gerechnet, nicht einmal Trump selbst. Es ist sehr traurig und beängstigend. Ich lag mit allen meinen Vorhersagen total daneben, und ständig kommts noch schlimmer: Nur schon in den paar Tagen meiner Lesereise hat sich eine Menge verändert. Man schafft es gar nicht, das gefühlsmässig so schnell zu verarbeiten.

Womit rechnen Sie zurzeit?

Würden Sie mir sagen, dass Amerika die Grenzen in einem Monat komplett dichtmacht, würde ich Ihnen glauben. Würden Sie mir sagen, Donald Trump ist in einem Monat nicht mehr Präsident, würde ich Ihnen auch das abnehmen. Alle Gewissheiten haben sich aufgelöst. Trotzdem: Auf lange Sicht bewegt sich Amerika nach links.

«Auf lange Sicht bewegt sich Amerika nach links.»

Wieso glauben Sie an ein linkes Erstarken in den USA?

Die Nation ist schwer gespalten. Aber Hillary Clinton hat drei Millionen mehr Stimmen geholt – und das trotz der Einflussnahme von aussen, und obwohl sie eine schlechte Kandidatin ganz ohne Charisma war. Sie ist eine wundervolle Person und wäre vermutlich auch eine wundervolle Präsidentin gewesen, aber ich gebe zu: Als Präsidentschaftskandidat war Trump top. Jetzt kann er zwar als Präsident irreversiblen Schaden anrichten, und davor fürchte ich mich – aber die Zeit arbeitet für uns. Die demografische Entwicklung wird die republikanische Wählermasse wegschrumpfen lassen. Immer mehr Menschen leben in Städten, haben einen Collegeabschluss, sprechen mehrere Sprachen – und wählen demokratisch. Und man sieht ja, wie viele aus Protest auf die Strasse gehen. Der Widerstand ist keine Eintagsfliege. Es gibt dazu auch keine Alternative.

Nahmen Sie an den Protesten teil?

Klar! Ich persönlich kenne keinen, der Trump gewählt hat; ich kenne nicht mal jemanden, der jemanden kennt, der Trump gewählt hat. Und ich kenne keinen, der nicht protestierte. Wir sollten nie vergessen, dass wir numerisch die Mehrheit bilden. Auch wenn ich falsch lag mit meinen Prophezeiungen, sagt mir mein Instinkt, dass die Amerikaner eine solche Regierung nie akzeptieren werden. Bei der Wahl ging es um eine Entscheidung zwischen zwei Persönlichkeiten – das hat von den Themen abgelenkt. Doch jetzt geht es um einen Kampf der Ideen, das ist anders. Wir werden permanente Proteste erleben: Viele werden die Arbeit verweigern; es wird tausend Klagen täglich gegen die Regierung geben. Der Protest wird juristisch, intellektuell oder sogar mit Gewalt in die Öffentlichkeit getragen werden.

Mit Gewalt?

Das hoffe ich natürlich nicht. Aber als ich am Protestmarsch in New York mitlief – noch nie habe ich einen so rappelvollen Ort gesehen! –, wurde mir plötzlich klar: Wenn jetzt einer ausrastet, dann dreht die Chose und kann ins Gewalttätige umschlagen. Und das könnte in jeder Stadt, im ganzen Land geschehen. Die Leute hier sagen nun einmal Nein zu geschlossenen Grenzen und Deportationen. Auch die Firmen wehren sich. Und die Gerichte schieben der Trump-Politik einen Riegel vor.

Aber Trump kämpft mit allen Mitteln – auch gegen die Richter.

Sie können zumindest so viel Sand ins Getriebe werfen, dass er sich genau überlegt, ob er sich auf diese Schlacht einlässt. Er hat ja Rückzieher gemacht. Man kann auch nicht die Zugänge zu den Flughäfen auf Dauer schliessen. Und über 20 Millionen Menschen ihre Krankenversicherung wieder wegnehmen, die sie durch Obamacare bekamen: Das wird er nicht wagen. Sollte er einen Ersatz anbieten, wird der sich nicht sehr vom aktuellen Modell unterscheiden. Aber mal ehrlich: Leute wie mich trifft sein Irrsinn am wenigsten; Gewinner sind, vorderhand, manche Firmen, und Verlierer sind die Flüchtlinge und die Armen. Und Menschen, die ihre Jobs verlieren, weil Trump mit etlichen Ländern einen Handelskrieg anzettelt wie mit Mexiko. Die USA machen 20 Prozent der Weltwirtschaft aus. Wir hängen von den restlichen 80 Prozent ab.

«Gewinner sind manche Firmen, und Verlierer sind die Flüchtlinge und die Armen.»

Fürchten Sie einen Weltkrieg?

Ich habe keine Angst vor dem Atomkrieg und dem nähergerückten «Doomsday», sondern vor einer langsam grösser werdenden Welle des Nationalismus und Faschismus. Stellen Sie sich vor, am Tag nach der Wahl hing in der Schule meiner zwei Kinder ein Begrüssungsschild: «Wir wissen, dass ihr und eure Eltern alle unterschiedlich über diese Wahl denkt und denken. Ihr sollt wissen, dass die Schule ein sicherer Ort ist und ihr hier geliebt werdet, egal, woran ihr glaubt.» Das hat mich extrem erschüttert: dass so etwas tatsächlich notwendig ist nach einer demokratischen Wahl.

Verstehen Sie die Angst vor dem Terrorismus?

Die Wahrscheinlichkeit, in den USA von einem Ausländer bei einer Terrorattacke verletzt zu werden, ist statistisch kleiner als die, am selben Tag Lottokönig und vom Blitz getroffen zu werden. Dagegen ist es eine realistische Annahme, dass eine Handfeuerwaffe einen in den Hades befördern wird. Doch darüber darf man nicht sprechen. Oder Übergewicht: Das ist eine nationale Epidemie, die unter den Teppich gekehrt wird. Auch meinen linksliberalen Freunden würde ich ab und zu am liebsten den Kopf waschen.

Was würden Sie kritisieren?

Das klingt vielleicht etwas albern: Aber da raufen sich alle die Haare darüber, was Trump mit dem Klima anstellt, dabei hat nichts einen solchen Effekt auf die Umwelt wie das Essverhalten der Leute. Da würde ich mir etwas mehr Bescheidenheit, Zurückhaltung und stattdessen persönliches Verantwortungs­bewusstsein wünschen. Jeder weiss, dass der Fleischkonsum die primäre Ursache für Entwaldung, Verlust der Biodiversität und den Treibhauseffekt ist. Da muss man kein Poster hochhalten – das soll man für die Syrer tun –, sondern einfach anders essen. Auch was die Erdölpipeline angeht, deren Bau Barack Obama gestoppt hatte und die Trump nun genehmigen will: Steigt auf andere Energien um! Kauft keine Autos mehr. Nutzt den Elan des historischen Moments, um euer eigenes Leben zu verändern – das hat den grössten Effekt für die Welt.

Haben Sie ein Auto?

Ein altes aus Zeiten, als wir viel zu Verwandten fuhren, die man anders nicht erreichen konnte. Wenn es seinen Geist aufgibt, kaufe ich wohl kein neues mehr.

Die israelische Regierung freut sich über Donald Trumps Schützenhilfe. Wie sehen Sie als amerikanischer Jude die neuen Sympathien zwischen den USA und Israel?

Es ist traurig. Israel manövriert sich mit seiner harten Politik selbst in eine Ecke; bugsiert sich aus der globalen Gemeinschaft hinaus. Israel wird jenen Leuten entfremdet, die den Traum des Landes hochgehalten haben – der eben mehr ist als der eines jüdischen Homelands. Man glaubte an sozialistische Werte.

Das Wort «Sozialismus» lässt jeden Amerikaner erzittern.

Leider. Das ist ein grosses Missverständnis. Ohne das Etikett «socialist» wäre Bernie Sanders sicher Kandidat geworden und wohl auch Wahlsieger. Er konnte Massen mobilisieren, und darauf kommts an. Du musst nicht intelligenter, fähiger, erfahrener sein, sondern unterhaltender und beliebter. Darum siegte ein Entertainer über eine Berufspolitikerin. Eine Schande. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass Kanye West die Wahlen gewinnt, falls er 2020 tatsächlich antritt. Die Linken müssen charismatische Figuren aufbauen, auf Filmstars setzen.

«Bernie Sanders wäre ohne das Etikett ‹socialist› sicher Kandidat geworden und wohl auch Wahlsieger.»

Auch in Europa legen Populisten deutlich zu.

Wählt bitte bloss keine Faschisten! Früher war Europa für uns nicht so wichtig. Wir lebten in einem zurechnungsfähigen, sicheren Land und hatten diesen ­ruhigen, rationalen Vater der Nation, Obama, der zwar nicht immer so handelte, wie wir es gern gehabt hätten, aber stets vernünftig. Jetzt fühlt es sich an, als sässe ein Betrunkener am Steuer. Wir brauchen euch; es ist grossartig, dass sich eine Million Briten dafür ausgesprochen hat, Trump nicht ins Land zu lassen. Andere Länder sollten nachziehen, auch die Schweiz. Da wäre ich froh.

Wenn Sie heimkommen, stürzen Sie sich dann in den Widerstand?

Nein, denn ich schreibe gerade an meinem neuen Buch und will dranbleiben. Sowieso sind Schriftsteller keine geeigneten Widerstandskämpfer. Aber mein Buch geht über die amerikanische Erfahrung: für mich ein Debüt. Angefangen habe ich es vor dem Trump-Drama, aber jetzt ist mein Antrieb noch stärker.

Um welche amerikanischen Erfahrungen soll es gehen?

Ich frage, was es heisst, heute in Amerika zu leben, und wohin es in Zukunft geht. Zu eng an der Aktualität darfs nicht kleben. Generell beschäftige ich mich damit, wieso wir nur zwei Funktionen für den Menschen vorsehen: hier machen, da besitzen, konsumieren. Gegen die Künste, sogar die Intelligenz als solche hat sich ein irres Misstrauen entwickelt. Dabei gäbe es andere Möglichkeiten, Mensch zu sein: durchs Nachdenken, Ausdrücken, Mitempfinden. Marx erkannte, dass die Produktion vieler nützlicher Dinge viele nutzlose Menschen produziert – das zeigt sich heute. Doch der Wert des Menschen liegt woanders. Später will ich auch ein Sachbuch über den Technologiewandel schreiben. Es braucht eine Umorientierung.

Was für eine Umorientierung?

Wäre ich Bildungsminister, würde ich praktischen Fächern mehr Platz einräumen: Die Kinder sollten lernen, wie man gute Lebensmittel auswählt, wie man kocht, wie man Dinge repariert. So kann man günstiger, nachhaltiger und erst noch gesünder leben. Wir müssen aus der Ideologie des unreflektierten Kaufens und des Sich-selbst-Verkaufens herauskommen. Kochen zum Beispiel schafft eine Kultur der Verlangsamung, der Achtsamkeit und der Gemeinschaft. Es bringt Menschen zusammen.

Können Ihre Kinder kochen?

Sie sind acht und elf und fangen gerade damit an. Sie sind aber auch nicht im Schulstress, weil sie eine progressive Schule ohne Noten besuchen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch