Der Wille zur Schönheit

Brigitte Kronauer ist tot: Die Büchnerpreisträgerin hinterlässt ein Werk von feinsinniger Eleganz – immer im Bewusstsein des Unmöglichen.

Brigitte Kronauer trat als fertige Schriftstellerin in die Welt, mit lauter nahezu perfekten Romanen. Foto: Keystone

Brigitte Kronauer trat als fertige Schriftstellerin in die Welt, mit lauter nahezu perfekten Romanen. Foto: Keystone

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Von Brigitte Kronauer gibt es einen Essay, in dem sie einen langen Spaziergang beschreibt, von Hamburg elbabwärts. Es ist eine wenig erbauliche Landschaft. Aber mittendrin liegt die Haseldorfer Binnenelbe mit ihren Altarmen. Zwergschwäne nisten in diesem Gelände. «Es gibt dort Goldregenpfeifer und Kampfläufer sowie die seltene Schachbrettblume.» All diese Tiere und Pflanzen kennt und sieht Brigitte Kronauer, wenn sie dem Lauf des Flusses folgt. Programmatisch zitiert sie Robert Walser: Man braucht nicht viel Besonderes zu sehen. Man sieht so schon viel.»

Ein Dutzend Romane gibt es von Brigitte Kronauer, angefangen mit «Frau Mühlenbeck im Gehäus» (1980), dazu Erzählungen und Essays. Zusammengehalten wird dieses grosse Œuvre vom Bewusstsein einer «verrufenen Intimität» zwischen Kunst und Leben, dem Hohen und dem Niederen, dem Ausserordentlichen und dem Gewöhnlichen – und von einem Willen zur Schönheit, der sich im scheinbar Profanen erfüllt fand.

Himmelfahrt, Höllensturz

Sie trat als fertige Schriftstellerin in die Welt, mit lauter nahezu perfekten Romanen, die Titel wie «Berittener Bogenschütze» (1986) oder «Das Schöne, Schäbige, Schwankende» (erscheint im August) tragen, ein wenig surreal, ein wenig geheimnisvoll.

Ihre Sache war der sich beherrscht entwickelnde Satz, ihr Anliegen die in aller Schönheit prägnante Formulierung. Etwas Damenhaftes ist dieser Art zu Schreiben eigen, sofern man darunter nicht etwas Manieriertes und Kapriziöses, sondern etwas Diskretes und Elegantes versteht. Das Ineinander von Himmelfahrt und Höllensturz aber kannte sie gewiss, und vermutlich durchaus nicht nur in der Literatur.

Unsere westlichen Gesellschaften sind weit weniger effizient und rationalisiert, als wir glauben. Tatsächlich verglüht ein grosser Teil der gesellschaftlichen Produktivität in illusionären Anstrengungen. Angefangen von Gebrauchsgegenständen, die, lange bevor sie materiell untauglich werden, einem moralischen Verschleiss zum Opfer fallen, über ganze Geschäftsfelder wie Werbung und Mode, deren wesentlicher Zweck darin besteht, den Idealismus der Menschen zu bedienen, bis hin zum Sport und zur populären Kultur.

In diesen Gegenständen wohnt aber der Ernst des Lebens, das Glück der Menschen, und auch, das Vergebliche, das all diesen Anstrengungen zumindest einen Anflug von Grösse verleiht. Der Roman «Errötende Mörder» (2007) erzählt vom Zusammenhang zwischen Müll und Erhabenheit: Er handelt von einem «Messi», der nichts wegwerfen kann, da doch in jedem Ding etwas Einzigartiges steckt, etwas, das es zu retten gilt.

Das Streben nach Rundung

«Favoriten» (2010) heisst ein Band mit Aufsätzen zur Literatur. Im Vorwort spricht sie von ihrem «mühevollen oder spielerischen Streben nach Rundung, Ziel und Sinn» gegenüberstellt, keinen Zweifel daran lassend, dass eine solche «Rundung» etwas fast Unmögliches ist. Das Bewusstsein dieses Unmöglichen, dieser qualifizierte, manchmal sarkastische, aber im Grunde immer liebevolle Zweifel an allem, was ein Mensch so hervorbringt, hat aus Brigitte Kronauers Büchern ein literarisches Werk von ausserordentlicher Tiefe, sprachlicher Brillanz und zarter Lebendigkeit gemacht. Am vergangenen Montag ist Brigitte Kronauer nach einer langen Krankheit im Alter von 78 Jahren in Hamburg gestorben.

Erstellt: 24.07.2019, 08:02 Uhr

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