«Die Autorin hat eine ernsthafte Störung»

Elke Heidenreich wird zur Hypothek für SRF. Im «Literaturclub» erklärte sie die junge Schriftstellerin Michelle Steinbeck für krank.

Elke Heidenreich enerviert sich im «Literaturclub» über das Buch von Michelle Steinbeck.


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«Es ist grauenhaft, dieses Buch. Es ist entsetzlich, es ist ein Albtraum, es zu lesen. Das Buch ist unehrlich, verlogen, konstruiert. Und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung.» Für die deutsche Literaturkritikerin Elke Heidenreich gab es kein Halten mehr, als es im «Literaturclub» von letzter Woche darum ging, das Debüt der 26-jährigen Zürcherin Michelle Steinbeck atemlos in Grund und Boden zu reden.

Dabei tat sie das, was Studenten nach dem ersten Semester Germanistik nicht mehr tun: Sie verwechselte grobschlächtig die Kategorien und schloss vom Werk auf das Leben. Auch wendete sie das höchst problematische Verfahren an, unliebsame oder unbequeme Literatur zu pathologisieren. Wer ein künstlerisches Werk für nicht gut befindet und den Urheber deshalb für geisteskrank erklärt, führt ein historisch schwer belastetes Erbe fort. Der braune, aber auch der rote Terror, der das 20. Jahrhundert überschattete, hat diese Methode an kritischen Künstlern durchexerziert.

Michelle Steinbeck. (Foto: Sabina Bobst)

Es stellt sich die Frage, wie lange sich das gebührenfinanzierte Schweizer Fernsehen die deutsche Kritikerin noch leisten kann. Bereits beim beispiellosen Fall von Martin Heideggers «Schwarzen Heften», bei dem Elke Heidenreich 2014 eine Paraphrase als Zitat des Philosophen ausgab, haben sich die Verantwortlichen wider besseren Wissens für sie und gegen den Moderator Stefan Zweifel entschieden, der – wie Youtube belegt – im Recht gewesen war. Damals hat Heidenreich die Wahrheit verdreht – und das Fernsehen drehte brav mit. Und heute?

«Es gehört doch zu einer Diskussion, dass jeder und jede seine Meinung frei äussern darf. Die anderen Teilnehmer Thomas Strässle und Alain Claude Sulzer und die Moderatorin Nicola Steiner haben sofort Widerspruch eingelegt und betont, dass man Literatur nicht mit pathologischen Kriterien betreiben kann. Für uns ist Elke Heidenreich damit nicht untragbar geworden», sagt die für die Sendung verantwortliche Judith Hardegger von SRF. Wie schon vor zwei Jahren will man am Leutschenbach auch jetzt nichts wissen von einer Überschreitung der moralischen und ästhetischen Grenzen. In gewisser Weise verständlich, wenn man bedenkt, dass Heidenreich mit dem von ihr gepflegten Populismus Quoten garantiert in einer Sendung, die für das literarische Leben der Schweizer massiv an Bedeutung eingebüsst hat.

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Zum Glück sind Robert Walser, Franz Kafka und Friedrich Glauser längst tot. Sie wären sonst noch für gestört erklärt worden! Hätten ihre Kunstwerke vor der aggressiven Rhetorik Elke Heidenreichs Gnade gefunden? Oder hätte die strenge Richterin auch bei ihnen bloss «kranke Bilder» ausgemacht, wie bei Michelle Steinbeck? Jedenfalls mag die 73-jährige Heidenreich der Schweizer Autorin nicht einmal gönnen, dass ihr Buch mit dem länglichen Titel «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» andere Kritiker fasziniert. «Es ist ein Armutszeugnis, dass das Buch auf der Longlist des deutschen Buchhandels gelandet ist.»

Und als ob dies der Häme nicht genug gewesen wäre, setzte sie in der Literatursendung zum finalen Schlag an, indem sie allen Ernstes triumphierend drohte: «Wenn das die junge Generation ist, dann gnade uns Gott.» Dem Publikum im Sihlcity, das ihre boulevardesken Sprüche sonst begeistert aufnimmt, blieb auf einmal das Lachen im Halse stecken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2016, 15:51 Uhr

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