Die Barbaren sind immer die anderen

Stephan Thome erzählt von einem Bürgerkrieg im China des 19. Jahrhunderts und zeigt, worin der Reiz des historischen Romans liegt. Sein Buch steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Detail aus dem Gemälde «Niederschlagung des Taiping-Aufstandes», circa 1860. Foto: The Grosvenor House Antiques Fair

Detail aus dem Gemälde «Niederschlagung des Taiping-Aufstandes», circa 1860. Foto: The Grosvenor House Antiques Fair

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Die Lehre vom vierfachen Schriftsinn war viele Jahrhunderte die massgebliche Art, die Bibel zu verstehen. Danach liess sich die Heilige Schrift buchstäblich verstehen, als historische Erzählung; typologisch, als System von Verweisen des Alten auf das Neue Testament; tropologisch, als Morallehre, und anagogisch, als Hinweis auf Weltende und Erlösung der Menschheit.

Auch gute historische Romane – und «Gott der Barbaren» ist ein sehr guter – entfalten bei der Lektüre ihre Bedeutung in mehreren Schichten. Man kann ihn erstens verschlingen wie einen Abenteuerroman: als spannende Abfolge von Intrige und Verrat, Verhandlungen und Schlachten, als Machtspiel zwischen vier Kraftzentren, die am Körper eines erschöpften Imperiums zerren. Da ist einmal der kaiserliche Hof in Peking; dann die Taiping-Rebellen, eine christlich-sozialrevolutionäre Bewegung; weiter die Hunan-Armee unter General Zeng Guofan, der sie niederwerfen soll, ohne aber dem Hof zu gefährlich zu werden; schliesslich die Kolonialmächte England und Frankreich, die China für den Welthandel öffnen wollen. Eine nicht unwichtige Nebenrolle spielen deutsche und englische Missionare, ein Philipp Johann Neukamp, entsandt von der Basler Missionsgesellschaft, ist einer der Helden des Romans. Wir folgen ihm auf gefährlichen Wegen von Hongkong bis nach Nanking, der Hauptstadt der ­Rebellen, wobei er einen Arm verliert und vom «Himmlischen König» mit Johannes dem Täufer identifiziert wird.

Überlegene Zivilisation?

Man kann, zweitens, «Gott der Barbaren» politisch lesen, als kritischen Beitrag zur Kolonialgeschichte. Handlungs- und Gedankenträger dieser Lektüreschicht ist Lord Elgin, Sonder­bevollmächtigter Englands für China, der Vertragshäfen im Land und eine Botschaft in Peking aushandeln will – notfalls mit Waffengewalt. Er ist der Sohn jenes Elgin, der Skulpturen von der Akropolis nach London bringen liess – was schon aufgeklärte Zeitgenossen als Raub von Kulturgut betrachteten.

Sohn Elgin steht in China fassungslos vor einer Zivilisation, die meint, ihren Höhepunkt vor 2000 Jahren gehabt zu haben, und aus ihren tollen Erfindungen (Schiesspulver, Papier) «nichts gemacht hat». Er ist als Oberschicht-Brite überzeugt, die überlegene Zivilisation und den Fortschritt zu vertreten, und will die Chinesen in die Moderne zwingen. Elgin weiss aber auch, dass er mit der Öffnung Chinas für den Opiumhandel vor allem den Interessen der eigenen Kaufleute und der englischen Handelsbilanz dient.

«Sie reden viel von Ehre, aber ihr Antrieb ist die Gier», sagt ein chinesischer Gesprächspartner einmal treffend. Weil sich der Kaiserhof den Wünschen der Engländer verweigert, fahren diese mit ihren französischen Verbündeten den Gelben Fluss bis Peking hoch und brennen zur Vergeltung den Alten Sommerpalast nieder.

Gute historische Romane entfalten ihre Bedeutung in mehreren Schichten.

Ein Kulturverbrechen, dessen sich der, der es anordnet, durchaus bewusst ist. Elgin ahnt, dass ihm der Alte Sommerpalast noch in der Nachwelt anhängen wird, so wie seinem Vater die geraubten Statuen. Und er hat recht: Sein Wikipedia-Eintrag nennt gleich nach seinem Namen diesen Akt des Vandalismus. Ergebnis der Kriegshandlungen sind die «ungleichen Verträge», eine Demütigung, die Chinas Geschichtsbewusstsein bis heute prägt. Und, wenn man so will, auch seine aktuelle Politik.

Damit sind wir bei der dritten Lektüreschicht, der «Nutzanwendung» für heutiges Ver­stehen und Handeln. Da liefert Thomes Roman eine Fülle von historischen Analogien und ­Anregungen. Die Taiping-Bewegung, die von 1851 bis 1864 grosse Teile Chinas beherrschte – dieser Bürgerkrieg war mit geschätzten 30 Millionen Toten der verlustreichste der Weltgeschichte –, war getragen von ethnischen Minderheiten. Sie radikalisierte sich und entfaltete in den eroberten Gebieten eine Schreckensherrschaft, die an den IS erinnert: «Unser Ziel ist die Vernichtung all derer, die Gottes Gebote missachten», heisst es in einer Erklärung des «Himmlischen Königs» Hong Xiuqan.

Die komischen Aspekte lässt sich Thome allerdings nicht entgehen.

Wenn man sich in diese Zeit vertieft, begreift man die Angst Chinas vor Separatismus, Abweichung und Diversität besser. Die brutale Unterdrückung der Tibeter und Uiguren. Den Drang zu «harmonisieren», das Riesenreich ethnisch gleichzuschalten. Stephan Thome, der Sinologie und Philosophie studiert hat und heute in Taipeh lebt, ist ein ­Kenner und Vermittler, der tiefer gräbt als der bestinformierte Korrespondent.

Die vierte Lektüreschicht schliesslich gilt dem grossen Komplex Konflikt der Kulturen, Unverständnis, Kommunikation. Das Ausmass, in dem sich die Vertreter Englands und des kaiserlichen Chinas, aber auch der König der «Landhaarigen» (der sich für den jüngeren Bruder Jesu hält und seine Befehle direkt von Gott bekommt) missverstehen, wäre komisch, wenn er nicht so blutige Folgen hätte. Die komischen Aspekte lässt sich Thome allerdings nicht entgehen. Etwa: Wie führt man Krieg mit einem Kaiser, der das einfach ignoriert? Der, wenn man ihm mitteilt, dass man die Stadt Kanton erobert hat, einfach einen neuen Gouverneur ernennt? Der überhaupt die Realität leugnet und sich immer noch für das Zentrum der Welt hält (auch wenn er vorübergehend hinter die chinesische Mauer fliehen muss)?

Grenzen des Verständnisses

Den ganzen Roman über inszeniert Thome Vermittlungsgespräche, um der einen Seite die Sicht der anderen nahezubringen. So hat General Zeng Guofan einen Schüler, der sieht, dass man die Engländer nur schlagen kann, wenn man ihre Methoden übernimmt. Dieser Li Hongzhang, der «in Generationen denkt», verkörpert das China von morgen – also von heute. Auf der anderen Seite gibt Thome dem historischen Lord Elgin einen fiktiven Sekretär zur Seite, Robert Maddox, der tief in Sprache und Kultur Chinas eingedrungen ist und bei seinem Vorgesetzten an die Grenzen des Verständnisses stösst. Maddox’ Schlüsselsatz lautet: «Sie sind wie wir, bloss anders» – den man tel quel auf alle gegenwärtigen Konflikte mit «Anderen» übertragen kann. Die Barbaren, das erkennt man aus Thomes multiperspektivischem Erzählen, sind immer die anderen.

Gute historische Romane verschaffen uns eine doppelte Perspektive auf die Vergangenheit: Wir sehen, wie sie sich vollzieht, mit dem begrenzten Blick der handelnden Personen, und wir wissen, was daraus wird, mit dem Vorsprung der Gegenwart. Wenn ein Akteur aber unser Wissen schon ahnt, also weiss, dass er Schlimmes anrichtet, und trotzdem unter den gegebenen Bedingungen so handeln muss: dann wird er zur tragischen Figur. Wie Zeng Guofan, wie Lord Elgin.

Stephan Thome: Gott der ­Barbaren. Roman. Suhrkamp, Berlin 2018. 720 S., ca. 39 Fr.

Erstellt: 23.09.2018, 18:38 Uhr

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