Die beste aller Welten, optimiert

Manchmal führt intellektuelle Brillanz halt auch nur in die Lebenskatastrophe. Das zeigt «Kraft», die virtuose Gelehrtensatire von Jonas Lüscher.

Schriftsteller Jonas Lüscher: Wie Intellekt zur Lebenskatastrophe führen kann, zeigt sein neuer Roman. Foto: Keystone

Schriftsteller Jonas Lüscher: Wie Intellekt zur Lebenskatastrophe führen kann, zeigt sein neuer Roman. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor 307 Jahren – man soll so keinesfalls einen Text anfangen, sagt jeder Leitfaden für Journalisten, mahnt jeder Chefredaktor, aber seis drum: Vor 307 Jahren also erschienen die Theodizee-Essays des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Theodizee steht für die Rechtfertigung Gottes angesichts der Unzulänglichkeiten seiner Schöpfung, und mit ihr haben sich die klügsten der gottesfürchtigen Denker vor und nach Leibniz herumgeschlagen. Etliche unter ihnen kamen, wie er, zum Schluss, dass alles, was sei, auch gut sei, dass wir also in der «besten aller Welten» lebten. Andere meinten, das unübersehbare Elend widerlege diese These jeden Tag. Voltaires Roman «Candide» ist die berühmteste solche Gegenschrift, darin häuft der Autor Katastrophen aufeinander, um die Leibnizianer der Lächerlichkeit preiszugeben. Eine dieser Katastrophen ist das berühmte Erdbeben von Lissabon.

Eine Million für eine Rede

Wen ein Wort wie Theodizee, wen überhaupt dieser Texteinstieg abtörnt, der ist für Jonas Lüschers Roman verloren. Denn dessen Sätze sind lang, die Kon­struktion ist komplex, die Gedankenführung anspruchsvoll. Und es geht tatsächlich, unter anderem, um die Problematik von 1710, wenn auch in modernem Gewand, also ohne Gott, und natürlich in der Gelehrtensprache unserer Zeit: Englisch. «Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium – Why whatever is, is right and why we still can improve it»: So lautet die Aufgabe, die der kalifornische Multimillionär Tobias Erkner den klügsten Köpfen seiner Zeit stellt. Ihre Antworten sollen in 18-minütigen Vorträgen an der Universität Stanford im Silicon Valley miteinander wetteifern, dem Sieger winkt eine Million Dollar an Preisgeld.

Kraft, damals Germanistik- und Philosophiestudent, war kein Linker, sondern ein Neoliberaler in einer Zeit, als das in seinem Milieu ein No-go war.

Richard Kraft will das Geld, braucht das Geld, dringend. Zwar hat er, nach einer brillanten akademischen Karriere, eine gut dotierte Stelle als Rhetorik-Ordinarius auf dem berühmten Jens-Lehrstuhl an der Uni Tübingen inne. Aber er hat auch eine teure Scheidung hinter sich und eine weitere vor sich; dazu vier Kinder in der Ausbildung und hohe Schulden auf seinem Haus. Mit der Preismillion könnte er sich freikaufen. Ein starkes Motiv, sich anzustrengen, aber nicht unbedingt beflügelnd für das Denken. Das merkt Kraft, als er zwei Wochen vor der entscheidenden Sitzung im ­Hoover Tower mitten im Silicon Valley über Angelesenem und Angedachtem grübelt.

Von diesen zwei Wochen erzählt Jonas Lüschers erster Roman seit seinem fulminanten Debüt vor genau vier Jahren – erwartet wurde er wie wohl lange kein Schweizer Buch. An «Frühling der Barbaren», diese raffiniert komponierte Novelle über englische Banker, die in einem tunesischen Resort vom Zusammenbruch ihrer Währung und ihrer Existenz überrascht werden, erinnert manches in «Kraft». Die allmächtige, seinen Protagonisten leicht begönnernde Erzählerinstanz etwa; die in unseren Zeiten der Ex-und-Hopp-Sätze anachronistisch wirkenden, manchmal fast lateinisch anmutenden Satzperioden. Und schliesslich eine herrliche Ironie – eine Ironie, die nicht aus simpler Distanzierung des Autors von seiner Figur resultiert, sondern in ihr selbst angelegt ist: dem Gegensatz von Wunsch und Ergebnis, von hochtrabender Theorie und den Fallstricken der Praxis.

Die zwei Wochen angestrengten Hirnens sind für Kraft auch eine Zeit des Bilanzierens – und für Lüscher Gelegenheit, zurückzublättern im Lebensbuch dieses eigenartigen Akademikers. Wir erleben ihn an biografischen Wendepunkten, die gelegentlich zusammenfallen mit Schlüsselmomenten deutscher Geschichte: Brandts Kniefall am Warschauer Ghetto-Denkmal, der Berlin-Besuch des amerikanischen Präsidenten Reagan, die legendäre Bundestagssitzung, in der Helmut Schmidt gestürzt wurde, der Fall der Mauer.

Kraft, damals Germanistik- und Philosophiestudent, war kein Linker, sondern ein Neoliberaler in einer Zeit, als das in seinem Milieu ein No-go war. Er war es nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern, um sich abzuheben: um «unter den Vielversprechenden der Verschrobenste» zu sein. Das machte es ihm nicht leicht bei den Frauen, vor allem in Kombination mit seiner ausserordentlichen Verkopftheit. Einige kriegte er dennoch herum; erst die breithüftige Ruth, mit der er seinen «Familientraum» realisieren wollte, dann die Biologin Johanna, bei der er allerdings, hinter ihren Hefeproben, immer Nummer zwei blieb. Wie er beide in sein Bett (und Ruth gar in die Ehe) schwätzte, das gestaltet Lüscher mit subtiler Komik. Dass der Erzähler, der beim Vokabular sonst die Stil-Latte hoch legt, seinen Helden unverblümt einen «Schwafler» nennt, zeigt, wie genau und effektsicher jedes Wort hier gesetzt ist.

Slapstick am Handy

Später erwuchs Kraft in seinem zweiten Sohn Adam ein Wiedergänger, der schon als Kind unaufhörlich daherredete, der dann Betriebswirtschaft studierte und also ein «Verkäufer» wurde: eine der ­vielen en passant gesetzten Pointen des Buchs. Man muss allerdings für den avancierten Humor dieses Autors einen Sinn haben, auch für versteckte und offene Anspielungen: Dann kommt man voll auf seine Kosten. Und Jonas Lüscher beherrscht auch den literarischen Slapstick, wenn er Kraft auf einer Rudertour erst sein Handy und dann seine ganze Würde verlieren lässt.

Aber worum geht es nun eigentlich in diesem Buch? Natürlich erschöpft es sich nicht in der Theodizeefrage. Im weitesten Sinn gehört «Kraft» in die Tradition der Gelehrtensatire, in dem Sinne, wie auch Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» eine war. Diese spielte im 19. Jahrhundert, Lüscher zeigt uns einen Denker unserer Tage: international vernetzt, von pessimistisch-dekonstruktiven Schriften Alteuropas gesättigt und vom fortschrittsbesessenen, technikgläubigen Geist Kaliforniens herausgefordert, wie er sich in der halb bedrohlichen, halb verlockenden Nachbarschaft der digitalen Konzerne zeigt.

Im weitesten Sinn gehört «Kraft» in die Tradition der Gelehrtensatire, in dem Sinne, wie auch Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» eine war.

Kehlmanns Helden, Humboldt und Gauss, entdeckten neue Welten. Kraft hingegen arrangiert die alte neu und legt rhetorischen Talmiglanz darüber. Seine Selbsteinschätzung schwankt zwischen «Selbsthass und Grössenwahn»; und sein «Alleinstellungsmerkmal», unter Linken der einzige Neoliberale zu sein (ausser seinem einzigen Freund, dem falschen Ungarn-Flüchtling Ivan), ist, da der Neoliberalismus «alternativlos» geworden ist, dahin. Kraft ereilt die Melancholie dessen, der recht bekommen hat, ohne etwas davon zu haben.

Der Verstand implodiert

Lüschers Roman führt vor, wohin Intellekt führt, wenn er nicht grundiert ist von etwas anderem: von einer aus lebensgeschichtlicher Prägung erwach­senen Haltung, von Empathie, Menschenliebe oder wenigstens Interesse am Nächsten. Krafts Haltung war aus einer strategischen Überlegung entstanden; seine Liebespartnerinnen hat er instrumentalisiert. Für seine Kinder hat er ­wenig Zuneigung, diese wiederum ­brauchen ihn nicht.

Unter dem Druck, die Million unbedingt gewinnen zu müssen, um sich seine Freiheit zu erkaufen – aber Freiheit wofür? –, implodiert auch Krafts letztes Refugium, sein Verstand. Er skizziert einen Vortrag, dem Auftraggeber nach dem Mund geschrieben: Die Welt ist gut, weil kapitalistisch. Das grosse Geld und das Internet werden alle Weltprobleme lösen. Und sagt sich dann, beim Durchlesen: «Was für eine ausgedachte Hühnerkacke.»

Welchen Weg er schliesslich wählt, wollen wir hier nicht verraten. Nur, dass sich in der Schlussszene noch einmal lauter kleine, bisher kaum wahrgenommene Motive zusammenfügen, so, als wären sie von einem grossen ästhetischen Magneten angezogen und zu einem Mosaik vereint worden. Nach «Frühling der Barbaren» hat man Grosses von Jonas Lüschers erstem Roman erwartet. Er hat geliefert.

Erstellt: 30.01.2017, 10:15 Uhr

Hohe Bilder

Jonas Lüscher


Kraft

Roman. C. H. Beck, München 2017. 237 S., ca. 28 Fr. Buchvernissage: 17. 2., Schiffbau Zürich.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...