Die beste Schweizerin

Für Sibylle Berg geht die Welt unaufhaltsam den Bach runter. Die Schweiz mag sie aber doch sehr. Was die Gewinnerin des Grand Prix Literatur ausmacht.

«Die Schweiz ist so lieb zu mir!» Sibylle Berg erhält die höchste Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. Foto: Sabina Bobst

«Die Schweiz ist so lieb zu mir!» Sibylle Berg erhält die höchste Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. Foto: Sabina Bobst

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Lukas Bärfuss – «die Schweiz ist des Wahnsinns» – hält seinem Land gern den Zerrspiegel vor. Sibylle Berg aber liebt die Schweiz heftig und innig. 1996 ist sie nach Zürich gezogen, 2012 erhielt sie die Staatsbürgerschaft und lässt kaum eine Gelegenheit aus, von ihrer neuen Heimat zu schwärmen. Erst recht, als sie im vergangenen November den Schweizer Buchpreis bekam: «Die Schweiz ist so lieb zu mir!» Und diese Schweiz setzt ihr jetzt, amtlich beglaubigt, mit dem Grand Prix die höchste ­offizielle Literaturkrone auf, die das Land zu vergeben hat.

Was liebt sie an der Schweiz? Dass sie hier gut leben kann, in Frieden und Sicherheit, Wohlstand, intakter Natur, schönen Stadtlandschaften. Privilegien in dieser Welt, wie ihr hell und scharf bewusst ist. Zwar gibt es auch hier streitsüchtige Nachbarn und rechte Populisten, aber die einen kann man ­ertragen und die anderen bekämpfen. Ja, Sibylle Berg, die mit so etwas wie dem Negativissima-Label herumläuft, kann sehr wohl geniessen und preisen.

Lesen war in der DDR-Provinz ein legaler Fluchtweg aus realsozialistischer Tristesse.

Natürlich stellt die reiche, satte, intakte Schweiz den denkbar grössten Kontrast zu ihrer Herkunft dar. Geboren ist Sibylle Berg 1962 in Weimar, ­heute eine kleine deutsche Kulturhauptstadt, damals vor allem DDR-Provinz. Es war kalt, es war grau, es war hässlich, erinnert sie sich, und privat alles noch schlimmer: die Eltern früh geschieden, die Mutter Alkoholikerin, das Mädchen einige Jahre bei Verwandten, dann wieder bei der Mutter. Immerhin, es gab viele Bücher, Lesen war ein legaler Fluchtweg aus realsozialistischer Tristesse.

Die physische Ausreise aus der DDR ging sie 1984 an, in einem entsprechenden Brief direkt an SED-Generalsek­retär Honecker. Darauf verlor sie ihre Stelle (sie war Puppenspielerin), durfte nach einigen Monaten dann aber doch in den Westen. Während sie im Übergangsheim sass, beging die Mutter Suizid.

Das helle Licht des Südens

All das kein guter Start ins Leben, auch im Westen mit seinen anderen, verwirrenden Regeln und Verhältnissen gings schwierig weiter. Sibylle Berg jobbte hier und da, als Sekretärin, Gärtnereigehilfin, Putzfrau. Nach der Wende, auf dem Weg in den Osten mit einem geliehenen Sportwagen, überschlug sie sich und wurde schwer verletzt; 22 Operationen waren nötig, sie wieder herzurichten. All das wäre ausreichend für ein düsteres Weltbild.

Dagegen: das helle Licht des Südens, Berge und Palmen. Die erste Begegnung mit der Schweiz fand im Tessin statt, in der Clownschule Dimitri. Nach drei ­Monaten dort hatte sie begriffen: Die Bühne ist nicht ihr Ding. Jedenfalls, wenn sie selbst dort stehen muss. Bis heute mag sie keine klassischen Lesungen und performt ihre Texte lieber im Team, mit Rappern oder Musikern.

Seit ihrem Erstling läufts für Sibylle Berg. Den lehnten zwar 50 Verlage ab, der 51. aber verkaufte 100'000 Stück. «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot» hiess er, 1997 war das, 1999 kam er auf die Bühne. Seither schreibt die Autorin fast manisch: 24 Theaterstücke, 15 Romane. Dazu ­Essays, Artikel, Kolumnen. Ihre erst ­wöchentliche, dann zweiwöchentliche Rubrik «Fragen Sie Frau Sibylle» bei «Spiegel online» ist Kult, ihr rotziger Ton Vorbild für jüngere Schreiberinnen. Ausserdem twittert sie wie verrückt, bei wachsender Skepsis gegenüber dieser Kommunikationsform, notiert, zitiert, kommentiert. («Kaufe nix, ficke niemanden», heisst das Motto.)

Schreibt fast manisch: 24 Theaterstücke, 15 Romane und eine Vielzahl an Essays, Artikel und Kolumnen hat Sibylle Berg schon veröffentlicht. Foto: Sabine Bobst

Sibylle Berg ist eine Produktionsmaschine mit hoher Drehzahl. Ihr jüngster Roman «GRM. Brainfuck», für den sie den Schweizer Buchpreis bekommen hat, ist 640 Seiten dick. 640 dichte Seiten, in denen nicht nur ihre Ängste und ihre Wut, ihr Ekel und ihre Verzweiflung Niederschlag finden, sondern auch Recherche; Gespräche mit Wissenschaftlern, die sie auch für die «Republik» führt und die im März als ihr nächstes Buch erscheinen. Drei Theaterstücke hat sie ausserdem in der Pipeline.

Sie ist hyperaktiv und hypersensibel, sie ist überaus schüchtern und provoziert gern: Das sind weder Widersprüche noch Ferndiagnosen, sondern Bestandteile einer Autorenpersönlichkeit in der Ära von Selbstvermarktung, Imagepflege, Konkurrenz um Aufmerksamkeit in den alten und neuen Medien, den sozialen wie unsozialen. Längst ist sie zur öffentlichen Person geworden. Auch wer sie nie getroffen hat, meint ­alles über sie zu wissen. Jedenfalls hat er ein einprägsames Bild vor Augen. ­Sibylle Berg ist, was man eine «Erscheinung» nennt: grosse, schmale Gestalt, längliches Gesicht, schräge Augen, wildes, zu irgendeinem Aufbau gebändigtes Haar. Bilder sind heute wichtig, und natürlich achtet sie darauf, welche ­Bilder von ihr in Umlauf sind.

Sibylle Berg, die mit so etwas wie dem Negativissima-Label herumläuft, kann sehr wohl preisen.

Öffentlich ist auch ihr politisches Engagement. Sie hat an exponierter Stelle gegen Sozialdetektive gekämpft und ein Referendum dagegen erreicht, das verloren ging. Aktuell streitet sie für die Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm auf die sexuelle Orientierung. Sie hat mit anderen eine Liste mit 145 bedeutenden Frauen aus Kultur und Wissenschaft herausgegeben, genannt «Die Kanon». Sie setzt sich für Frauen- und Minderheitenrechte ein, gegen Überwachungsstaat und neuen Faschismus, sie ruft in ihren Kolumnen immer wieder dazu auf, sich zusammenzuschliessen, ja sogar dazu, in politische Parteien zu gehen (natürlich nur in gewisse).

Das ist doch alles sehr vernünftig, sehr konstruktiv. Passt zur Schweiz. Wie aber passt es zum radikalen, berserkerhaften Gestus einer Autorin, die unentwegt schwarze Galle über die Gegenwart giesst, auf grobe Klötze noch gröbere Keile wuchtet? Für die die Welt kein Jammertal, sondern geradewegs ein Scheisshaus ist, ruiniert von Neoliberalismus, Kapitalismus, aber auch von unseren ­bösen Anlagen, von Gier nach mehr, nach Macht? Einer Autorin, die ihre Helden mit Handicaps überfrachtet und vom schlechtestmöglichen Ausgangspunkt in eine endlose Abwärtsspirale schickt, immer tiefer in den Schlamassel?

Nehmen wir nur Toto aus «Vielen Dank für das Leben» (2012): eine reine Seele, die von ihren Mitmenschen nach allen Regeln der Kunst fertiggemacht wird, in einem brutalen DDR-Kinderheim, als Sklave auf einem verkom­menen Bauernhof, im Obdachlosenasyl und im Gefängnis, gequält und ausgenutzt, am Ende Clochard in einem ­Paris, das nur noch als Kulisse für chi­nesische Touristen dient.

Ein einzigartiger Ton

Oder die vier jugendlichen Helden ihres aktuellen Romans «GRM. Brainfuck», denen in einem Nach-Brexit-England alles Scheussliche an seelischer, phy­sischer und sexueller Misshandlung ­widerfährt, was sich ein verzweifeltes Autorinnenhirn ausdenken kann – ­immer unter der Prämisse, es müsse so kommen und sei eigentlich schon so weit und komme noch schlimmer.

«GRM» stand wochenlang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste. Es ist Bergs bisher grösster Erfolg. Ein Buch des Schreckens, das Abwehr auslöst und einen doch hineinzieht wie in einen dunklen Schlund. Man will das nicht weiterlesen und kann doch nicht anders.

Was macht den Suchtfaktor dieser rasanten, bösen, bissigen Prosa aus? Drei Dinge: Zum einen ist da dieser ­einzigartige Ton, aggressiv und verletzt, rhythmisch genau kalkuliert, die Schockeffekte präzis gesetzt. Zweitens steckt in dieser Dystopie dann doch zu viel genau beobachtete, recherchierte und reflektierte Wahrheit, als dass man sie einfach ästhetisch abtun könnte. Schliesslich spricht aus diesem Roman eine tiefe Liebe zu den Figuren, jenseits der Bücher eine verzweifelte Hoffnung auf ein Menschengeschlecht, das anders miteinander umgeht, freundlicher, verständnisvoller, hilfsbereiter. Und das bitte doch die Chance erhalten soll, das auch zu tun.

Erstellt: 14.01.2020, 20:24 Uhr

Grand Prix Literatur

Die Auszeichnung des Bundesamtes für Kultur hat nach einigem Hin und Her im Jahr 2015 ihre jetzige Vergabeformel für den «Grand Prix» gefunden: eine Einzelperson, die sich «auf einzigartige Weise für die Schweizer Literatur einsetzt». Der Preis ist mit 40'000 Franken dotiert, eine grossenteils universitär geprägte Jury verleiht ihn an Vertreter aller Landes­sprachen. Bisherige Preisträger: Adolf Muschg, Alberto Nessi, Pascale Kramer, Anna Felder, Zsuzsanna Gahse. Mit Sibylle Berg ist die Jury im Zentrum der aktuellen, aufregenden Literatur an­gelangt. Den gleichzeitig vergebenen ­Spezialpreis Übersetzung (40'000 Fr.) erhält Marion Graf. Ausserdem gehen je 25'000 Franken an Einzelwerke. (ebl)

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