Die besten Comics des 21. Jahrhunderts

Opulente Biografien und formale Experimente prägten das Comicschaffen der letzten 20 Jahre. Wir präsentieren 20 herausragende Werke.

Privatdetektiv mit Katzenkopf: Die Graphic Novel «Blacksad» läutete ein ergiebiges Comic-Jahrhundert ein. Foto: Carlsen-Verlag

Privatdetektiv mit Katzenkopf: Die Graphic Novel «Blacksad» läutete ein ergiebiges Comic-Jahrhundert ein. Foto: Carlsen-Verlag

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Das 21. Jahrhundert steht, was die Graphic Novels betrifft, ganz im Zeichen der opulenten (Auto-)Biografien. Je persönlicher und vielschichtiger, desto besser. Aber es gibt auch Comics, die mit fiktiven Geschichten neue Standards setzten, etwa indem sie mit der Seitenarchitektur oder der Figurengestaltung experimentierten. Wir haben die Meisterwerke herausgepflückt.

20. «Magdas Apokalypse» (2017)
Der Menschheit bleibt noch genau ein Jahr bis zum Weltuntergang. Zum Alltag der 13-jährigen Titelheldin gehören drum bald auch Drogen, Sex und Diebesbanden. Selten hat ein Comicdebüt Hormone und Endzeit so nahe zusammengebracht wie das der Französinnen Chloé Vollmer-Lo (Szenario) und Carole Maurel (Zeichnungen).
Splitter-Verlag, 192 S., ca. 38 Fr.

19. «Held» (2003)
Der deutsche Autor Flix (Felix Görmann) schreibt die Gedankenwelt eines ungeborenen Knaben bis zu den Memoiren eines Greises auf – und meint damit sich selbst. Das hat Humor, Tiefgang... und die Chefs der Welt sind Frauen.
Carlsen-Verlag, 352 S., ca. 25 Fr. (Trilogie «Held», «Sag was» und «Mädchen»)

18. «Das unabwendbare Altern der Gefühle» (2019)
Wenn der Möbelpacker Ulysses auf das ehemalige Model Mediterranee trifft, sprühen die Funken. Eine späte Amour fou? Ja, aber wir sehen im Comic des Belgiers Zidrou (Szenario) und der Holländerin Aimée de Jongh (Zeichnungen) auch prüfende Blicke und hören nagende Fragen: «Sind wir dem Kind, das wir einst waren, treu geblieben?»
Splitter-Verlag, 144 S., ca. 32 Fr.

17. «Wilson» (2010)
«Ghost World» war schon grossartig, aber mit «Wilson» treibt Daniel Clowes sein Faible für amerikanische Aussenseiter auf die Spitze. Der Held ist ein herrlich selbstverliebter Misanthrop, die einseitigen Strips erinnern an die Urform des Comics in den Sonntagsbeilagen.
«Süddeutsche Zeitung»-Bibliothek, 80 S., ca. 22 Fr.

16. «Weites Land» (2019)
Die französische «Charlie Hebdo»-Mitarbeiterin Catherine Meurisse entging dem Terroranschlag 2015 nur knapp. Dieses Trauma verarbeitete sie in «Die Leichtigkeit». In «Weites Land» blickt sie zurück auf ihre Kindheit auf dem Land. Es ist eine Suche nach dem verlorenen Lebensglück.
Carlsen, 96 S., ca. 32 Fr.

15. «Die jungen Jahre von Micky» (2018)
In dieser Disney-Hommage-Reihe interpretieren europäische Künstler die amerikanischen Funny-Figuren neu. Der Franzose Tébo (Frédéric Thébault) lässt Micky als Grossvater Abenteuer von früher erzählen, wobei dieser von einem Urgrossenkel fortlaufend «verbessert» wird. Das ist forsch, amüsant und nostalgisch zugleich. Zur Besprechung
Egmont Comic Collection, 80 S., ca. 43 Fr.

14. «Ein Sommer am See» (2015)
In den Ferien weitet sich der Blick: Zwei Mädchen gehen schwimmen, schauen Horrorfilme, interessieren sich für Brüste und Sex. Der Comic der Kanadierinnen Mariko Tamaki (Szenario) und Jillian Tamaki (Zeichnungen) wirkt wie aus einer echten Mädchenfreundschaft herübergeholt. Dazu passt die schlichte Panelarchitektur mit blaugrauen Farben.
Reprodukt, 320 S., ca. 43 Fr.

13. «Blankets» (2004)
Dreieinhalb Jahre arbeitete der US-Amerikaner Craig Thompson an seiner monumentalen Autobiografie. Er schildert Teile seiner Jugend in einer christlich-fundamentalistischen Familie und die Begegnung mit seiner ersten Liebe. Ein melancholischer Grundton und eine seitenübergreifende Abfolge von emotionalen Details machen diese Graphic Novel einzigartig.
Carlsen, 592 S., ca. 50 Fr.

12. «Die Katze des Rabbiners» (2004–2019)
Eine Katze frisst einen Papagei, wird darob der Sprache mächtig und diskutiert fortan mit ihrem Meister und dessen Tochter übers Judentum. Die Comicreihe des Franzosen Joann Sfar, angesiedelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Algier, gefällt durch eine verspielte Diskussionskultur in nostalgischem Ambiente. Zur Besprechung
Avant, 152 S., ca. 42 Fr. (Sammelband 1)

11. «Joe Shuster. Der Vater der Superhelden» (2018)
Es ist die Geschichte eines der dreistesten Fälle von geistigem Diebstahl: Joe Shuster erfand in den Dreissigerjahren mit seinem Freund Jerry Siegel Superman. Der Comic des deutschen Szenaristen Julian Voloj und des italienischen Zeichners Thomas Campi zeigt, wie die beiden Urheber nach Strich und Faden betrogen wurden. Für Genrefans obligatorisch. Zur Besprechung
Carlsen, 176 S., ca. 32 Fr.

10. «Blacksad» (2001–2014)
Privatdetektiv John Blacksad findet seine ehemalige Geliebte tot im Bett. Der opulente Comic noir des spanischen Duos Juan Diaz Canalès (Szenario) und Juanjo Guarnido (Zeichnungen) erzählt von Leuten mit Tierköpfen, die sich wie Bestien gebärden. Herausgekommen sind Fabeln von erlesener Morbidität.
Carlsen, 48 S., ca. 27 Fr. (Band 1)

9. «Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu» (2018)
«Was ich an Dumas mag, ist seine Masslosigkeit», sagt Gérard Depardieu – und reist wie sein dichterisches Vorbild nach Aserbeidschan. Begleitet wird er vom französischen Comicautor Mathieu Sapin, der sich angesichts der Kolossalität des Porträtierten wie ein Mäuschen aufführt. Zur Besprechung
Reprodukt, 160 S., ca. 37 Fr.

8. «Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten» (2008)
Lustig ist hier wenig, aber «Fun Home» ist ja auch bloss die Abkürzung von «Funeral Home», dem familiären Bestattungsunternehmen. Die US-Amerikanerin Alison Bechdel (ja, die mit dem Bechdel-Test) schildert hier in sieben Kurzgeschichten ihr Coming-of-Age – mit einem Detailreichtum, der seinesgleichen sucht.
Carlsen, 240 S., ca. 15 Fr.

7. «Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft» (2011)
Der polnische Jude Hertzko Haft ist noch ein Teenager, da muss er in Konzentrationslagern gegen Mithäftlinge um sein Leben boxen. Als Hertzko flieht, sind sein Glaube und sein Leben kaputt. Eine erschütternde Tragödie des deutschen Schwarzweiss-Grossmeisters Reinhard Kleist. Zur Besprechung
Carlsen, 200 S., ca. 24 Fr.

6. «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens» (2009)
Zwei 17-jährige österreichische Punk-Freundinnen brechen ohne Geld und Pass nach Italien auf. Dort prallt ihr Freiheitshunger jedoch auf eine harte Macho- und Mafia-Realität. Eine schonungslose Autobiografie der Österreicherin Ulli Lust.
Avant, 464 S., ca. 43 Fr.

5. «Sabrina» (2019)
Die Titelfigur wird von einem Psychopathen ermordet, deren Freund verfällt in Apathie, und was bleibt, sind Verschwörungstheorien. Der US-Amerikaner Nick Drnaso erzählt von einer lähmenden Sprachlosigkeit angesichts des Unbegreiflichen. Zum Interview mit dem Autor und zur Besprechung
Blumenbar, 208 S., 42 Fr.

4. «Andy. A Factual Fairytale» (2018)
Der Stil – was sonst? – definiert diese Monumentalbiografie über Andy Warhol. Dabei empfindet der Holländer Typex (Raymond Koot) jedes Kapitel der jeweiligen Ära nach. So entsteht nicht nur eine Geschichte der Pop-Art, Typex hat selbst ein Stück Pop-Art geschaffen. Zur Besprechung
Carlsen, 562 S., ca. 73 Fr.

3. «Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt» (2013)
Der birnenköpfige Langweiler Jimmy Corrigan träumt im Büro von Superhelden, während er Anrufe seiner Mutter abwehrt. Eines Tages lädt ihn sein Vater, den er nie kennen gelernt hat, zu sich ein. In piktogrammähnlichem Stil (mit Grafiken und Bastelbögen) zappt sich beim US-Amerikaner Chris Ware ein Antiheld kreuz und quer durch seine biografisch vorbelastete Lebensmisere. Zur Besprechung
Reprodukt, 384 S., ca. 52 Fr.

2. «Persepolis» (2000–2004)
Aus dem Blickwinkel eines jungen Mädchens schildert die nach Frankreich emigrierte Marjane Satrapi ihr Aufwachsen in Teheran – ein Leben zwischen Revolutionswächtern und unterdrücktem Rebellionsgeist. Die Klarheit der fast kindlichen Schwarzweisszeichnungen sorgt für unmittelbare emotionale Nähe. Der Comic verkaufte sich weltweit über eine Million Mal und war auch als Animationsfilm erfolgreich.
Edition Moderne, 356 S., ca. 32 Fr. (Gesamtausgabe)

1. «Der alltägliche Kampf» (2004–2008)
Ein junger Kriegsfotograf namens Marco zieht sich aufs Land zurück und wird dort von zahlreichen Krisen geschüttelt: Bindungsangst, Panikattacken, künstlerisches Ungenügen; zudem wird er mit der Vergänglichkeit seiner Eltern, mit dem Kinderwunsch seiner Freundin und mit Rechtsextremisten konfrontiert. Kann man mehr in einen Comic packen als der Franzose Manu Larcenet? Nein. Und doch wirkt alles so leicht in dessen Ligne-claire-Stil, so rhythmisch durchkomponiert, so humor- und liebevoll angesichts der Fülle an Katastrophen.
Reprodukt, 241 S., ca. 42 Fr. (Gesamtausgabe)

Diese Auswahl und ihre Reihenfolge ist natürlich subjektiv. Welche Comics hätten Sie gewählt? Bitte unten eintragen.

Erstellt: 04.12.2019, 11:16 Uhr

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