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«Die Bischöfe wollen sich selber schützen»

Der Soziologe Frédéric Martel erklärt, warum schwule Priester homophob sind und warum die Kirche ein Missbrauchs-Problem hat.

Homophile Bischöfe blieben unter sich, damit niemand von ihrer Homosexualität erfährt, sagt Martel.
Homophile Bischöfe blieben unter sich, damit niemand von ihrer Homosexualität erfährt, sagt Martel.
Keystone

Was ist neu an Ihrem Buch?

Es ist eine systematische Untersuchung in 30 Ländern und erstreckt sich über fünf ­Pontifikate – von Paul VI. bis zu Franziskus. Es geht weniger um Skandale und Affären als um das System: In Sodoma sind die Homosexuellen nicht die schwarzen Schafe, sondern die grosse Herde. Ich zeige, wie tief und susbstanziell Homosexualität das Funktionieren der Kirche bestimmt. Es sind heute homophile Priester, die sich für Keuschheit, Zölibat und gegen Kondome einsetzen. Zudem zeige ich erstmals die Verbindungen der politischen Rechten Lateinamerikas mit homo­sexuellen Priestern.

Sind die stramm Homophoben rechtsextrem, antikommunistisch und luxusverliebt?

Es gibt auch auf Kuba, unter linksextremem Regime, ein System der Protektion der Homo­sexuellen und von sexuellem Missbrauch durch Kleriker. ­Gewiss aber haben vor allem in Lateinamerika die rechtsextremen Regimes in Chile, Argentinien oder Brasilien homosexuelle und auch pädophile Priester geschützt, weil sie dezidiert antikommunistisch auftraten.

Sie warnen davor, Homosexuelle und Pädophile in einen Topf zu werfen.

Richtig. Homosexualität hat wenig zu tun mit sexuellem Missbrauch. Der findet meist in Familien oder Schulen statt. In der Kirche sind zwar in 80 Prozent der Missbrauchsfälle Jungs von 15 bis 25 Jahren betroffen. Die Zahlen aber sind limitiert.

Trotzdem gibt es einen Zusammenhang?

Die Verbindung von Missbrauch und Homosexualität ist im Cover-up zu finden: Die grosse Mehrheit der Bischöfe, die Pädophile schützen, sind homosexuell. Sie wollen nicht den Missbrauch verteidigen, sondern sich selber schützen. Sie haben Angst, dass durch einen Pädoskandal oder -prozess ihre eigene Homosexualität öffentlich werden könnte. Das ist der Schlüssel. Seit Papst Paul VI. hat sich eine Kultur des Geheimnisses etabliert, um die grosse Zahl von homosexuellen Priestern und Kardinälen zu schützen. Von dieser Kultur des Schweigens haben viele Missbrauchspriester profitiert.

Warum erscheint Ihr Buch exakt zur Eröffnung des ­Missbrauchsgipfels im Vatikan?

Das ist Zufall, das Buch hätte schon im September erscheinen sollen, wegen der Übersetzungen kommt es nun verspätet.

Wird die Schwulen­emanzipation das System Sodoma aufweichen?

Das weiss ich nicht. Was aber wichtig ist: Das System des Vatikans heisst Sodoma. Eine Gay-Lobby aber gibt es dort nicht. Lobby ist ja eine Organisation von Leuten, die sich gemeinsam für eine Sache engagieren. Die Homophilen im Vatikan indessen sind voneinander isolierte Monaden, die nicht miteinander kommunizieren. Ihre grösste Sorge ist, dass die anderen Kardinäle von ihrer Homosexualität erfahren könnten. Das ist das Gegenteil einer Lobby.

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