Die elf wichtigsten Bücher des Frühlings

Von Alexander Schimmelbusch über Nina Verheyen bis Gaito Gasdanow: Elf Autoren, die schlauer machen.

Der Frühling bringt Zeit zum Lesen: Eine Frau liest im Freien. Foto: iStock

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Phänomenologie der Frechheit

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, Berlin. 128 Seiten. 21.55 Franken.

Indem er aus kleinen Szenen, randständigen Momenten der Weltgeschichte das grosse Ganze entstehen lässt, hat Éric Vuillard ein eigenes Genre erfunden: den literarischen Brühwürfel. Vier Bücher gibt es auf Deutsch, keines länger als 150 Seiten. Und doch steckt so viel darin wie in ganzen Historienschinken. «Die Tagesordnung», für die Vuillard den Prix Goncourt erhielt, skizziert die ersten Jahre der Hitlerdiktatur und ist zugleich eine Phänomenologie der Frechheit. Wie konnten Hitler und seine fiese Entourage mit ihren politischen Unverschämtheiten nur so weit kommen? Weil die deutsche Grossindustrie vor ihnen genauso katzbuckelte wie der hilflose Kurt Schuschnigg, der den Anschluss Österreichs mit fassungsloser Resignation hinnahm. Alles ist minutiös recherchiert, aber Vuillard ist als Literat fast Lyriker, so dicht wird von angepasster Liebedienerei und auf der anderen Seite von unverfrorener Hochstapelei erzählt: «Was an diesem Krieg verblüfft», heisst es einmal, «ist der ungeheure Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff.» Mit solchen Sätzen ist das Buch hochaktuell. Alex Rühle

Ringen mit GottSource

James Baldwin: Von dieser Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. dtv, München, 2018. 320 Seiten, 26.35 Franken.

Man wünschte, dieses Buch wäre weniger aktuell. Man wünschte, das Suchen, das Wüten, die nachtschwarze Verzweiflung des John Grimes hätten sich erledigt. Sie haben es nicht. Grimes ist - wie der postum wiederentdeckte afroamerikanische Schriftsteller John Baldwin - Sohn eines Baptistenpredigers aus Harlem. Er erwacht 1935 am Morgen seines 14. Geburtstages voller Schrecken über eine nächtliche Erregung und beendet den Tag auf dem Boden einer Ladenkirche, rasend im Ringen mit Gott. Dazwischen führt Baldwin in langen Schwüngen zurück in die Geschichte von Johns Familie, die die Gewalt des Südens hinter sich liess und das Elend des Nordens fand. Es tauchen kaum Weisse auf, die Schwarzen haben den Hass zu ihrem eigenen gemacht, zermalmt von der Wahl zwischen Leben oder Ewigkeit, Fleisch oder Geist. Baldwin schildert, nein, predigt eine mitreissende Lebensfeindlichkeit, die an Dostojewski und Faulkner erinnert, aber die längst nicht nur das Christentum kennt. Die Geschichte der Schwarzen ist die Geschichte Amerikas, hat Baldwin gesagt. So wie er sie erzählt, ist sie unwiderstehlich. Sonja Zekri

Die Echsen und wir

Jonathan B. Losos: Glücksfall Mensch. Ist Evolution vorhersagbar? Aus dem Englischen von Sigrid Schmid und Renate Weitbrecht. Carl Hanser Verlag, München 2018. 381 Seiten, 31.10 Franken.

Man spottet gerne über die Zeitgenossen von Charles Darwin, die damals die Idee als Zumutung empfanden: Der Mensch soll, wie andere Arten auch, ein Zufallsprodukt in der Geschichte des Lebens sein? Aber die Wahrheit ist: Es bleibt auch heute eine Zumutung. Und als solche nimmt sie der Harvard-Biologe Jonathan Losos auf unglaublich freundliche, nette Art ernst: bei ihm wird der Mensch zum «Glücksfall». Das führt er aber kaum am Menschen selber vor, sondern an anderen netten Lebewesen: Reptilien auf den Bahamas, Guppys, Hirschmäusen, Hefekulturen. Mit viel Respekt vor seinen Kollegen erzählt Losos, wie man heute die evolutionäre Anpassung nicht mehr nur naturhistorisch, also vom Ergebnis her, untersucht, sondern in Echtzeitexperimenten. Er ist selbst ein Pionier solcher Methoden, kann aber zugleich verständlicher und unterhaltsamer darüber schreiben als so mancher Wissenschaftsjournalist. Weder die Deterministen haben recht noch die, die meinen, es sei alles Zufall gewesen: Das lernt man hier von einem wunderbaren Nerd, der sich seit dem Dino-Alter für grosse und kleine Echsen begeistert. Johan Schloemann

Liebevoller Sarkasmus

Claude Debussy: Briefe an seine Verleger. Aus dem Französischen von Bernd Goetzke. Olms Verlag, Hildesheim, 2018. 476 Seiten, 45.50 Franken.

Noch heute spürt man in der Musik Claude Debussys immer den Menschen; das ist nicht bei jedem Komponisten so ausgeprägt. Es ist eine sehr freundliche und sehr revolutionäre Musik, liebevoll und sarkastisch, lebensfroh und niedergeschlagen. Sie hat etwas kindlich Grossväterliches, und das helle Flirren und Summen, das uns einen heissen Sommertag vorgaukelt, verlangt von den Musikern schier unmenschliche Technik. Über seine Klavier-Etüden schreibt er: «Tatsächlich schwebt diese Musik über den Gipfeln der Ausführung! - Es wird hübsche Rekorde aufzustellen geben.» Dabei sucht er die Musik jenseits zirzensischer Extreme. Debussys produktive Zerrissenheit zeigt sich ebenso doppelbödig in den Briefen an seine Verleger, denen er Privates und Fachliches berichtete, die Verwendung des Klavierpedals auseinandersetzte wie auch die farbliche und typografische Gestaltung einer Notenausgabe. Erstmals wurde ein solch umfangreiches Konvolut an Briefen Debussys übersetzt sowie mit einem aufwendigen Kommentar versehen: ein grosser Lesespass, nicht nur für Musikinteressierte. Helmut Mauró

Das neue entschlossene Wir

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland. Tropen Verlag, Köln, 2018. 214 Seiten, 24 Franken.

Im cleversten Sinn ist Alexander Schimmelbuschs Buch «Hochdeutschland» so etwas wie eine deutsche Antwort auf Michel Houellebecqs vor drei Jahren erschienenen Roman «Unterwerfung». Darin wird ein muslimischer Politiker mithilfe der bürgerlichen Parteien französischer Präsident, führt dann aber Theokratie, Scharia, Patriarchat ein. Bei Schimmelbusch ist der Protagonist, der die Lage des Landes ungnädig beobachtet, kein zynischer Literaturwissenschaftler wie bei Houellebecq, sondern ein steinreicher junger Frankfurter Investmentbank-Chef. Ein Sieger mit einem schlechtem Gewissen. Er hält ein radikal liberal-populistisches Projekt für nötig, «um das deutsche Volk zu einen», und schreibt deshalb ein irres Manifest «direkt an den Souverän» gegen das «obsessive Ich» und für ein neues «entschlossenes Wir». Die Sache biegt also nicht in Richtung Fatalismus ab, sondern - fieser noch - zum Positiven. Ein gar nicht böser türkischstämmiger Politiker wird Kanzler - und «Hochdeutschland» am Ende gleichzeitig zum Traum und zur Horrorvision jedes besorgten Gutbürgers. Jens-Christian Rabe

Melancholische Revolution

Joshua Cohen: Buch der Zahlen. Aus dem amerikanischen Englisch von Robin Detje. Schöffling & Co, Frankfurt/Main 2018. 752 Seiten, 38.30 Franken.

Ein New Yorker Schriftsteller bekommt den Auftrag, die Biografie des reichsten und diskretesten Tech-CEOs der Welt zu schreiben. Das ist eine grosse Sache: Der CEO hat eine Suchmaschine programmiert, die seither eine Branche nach der anderen nach ihren Bedürfnissen umgestaltet, weshalb die Welt jetzt an einem Wendepunkt steht. Die Suchmaschine durchforstet nicht mehr nur die bestehenden Archive, um auf das Wissen der Menschheit zuzugreifen. Die Menschheit produziert das Wissen schon in der Absicht, in der Suchmaschine gut auffindbar zu sein. Dadurch hat der introvertierte Programmierer, bevor er das 40. Lebensjahr erreicht hat, die Infrastruktur jener industriellen Wissensherstellung umgekrempelt, die im Grunde seit der Erfindung des Buchdrucks unverändert war. Kein Wunder, dass er Melancholiker ist. Das «Buch der Zahlen» ist eine literarischer Grossentwurf, wie er vielleicht einmal im Jahrzehnt vorkommt. Der Stand der Dinge in einem Buch. Das Beste aber ist vielleicht, dass Cohen kein Prophet ist, sondern Schriftsteller: Er verkündet keine Wahrheiten, sondern prüft die Ideen erzählend. Felix Stephan

Vollkommenes Glück

Gaito Gasdanow: Nächtliche Wege. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Hanser Verlag, München, 2018. 288 Seiten, 27.55 Franken.

Gaito Gasdanows «Nächtliche Wege» zeigt ein anderes Paris; das Paris der Nacht, der Alkoholkranken, das Paris der Fabrikarbeiter und Prostituierten. Aus der Perspektive eines Taxifahrers wickelt es sich in Personen auf, die sich zunächst scheinbar zufällig aneinanderreihen, wiederkehren, zusammenfinden. Aus ihren Schicksalen setzt sich die Stadt zusammen; dabei verfällt der Roman nie in die Ödnis eines Episodenromans, sondern wächst organisch aus seinen Figuren, die ins Bild schreiten und es wieder verlassen, so originell, dass sich die Wirklichkeit ob ihrer Einfallslosigkeit schämen sollte. Wenn es stimmt, dass Literatur den Tod überwinden kann, dann auf diesen Seiten: Jede einzelne der Gestalten, jeder beschriebene Tag hätte ein eigenes Buch verdient. Ein einziger Charakter in diesem Roman wird als vollkommen glücklich beschrieben, er arbeitet in einem Café und wird von allen verachtet, weil er nichts weiter als seine Arbeit zu seinem Glück braucht. Wie sein Held arbeitete Gasdanow als Taxifahrer. Den Roman stellte er 1941 fertig, erschienen ist er erst 1953. Endlich auch auf Deutsch. Juliane Liebert

Demokratische Selbstabschaffung

Jens Hacke: Existenzkrise der Demokratie. Zur politischen Theorie des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit. Suhrkamp, Berlin, 2018. 455 Seiten, 31.10 Franken.

Mit Schrecken erfahren wir gerade, dass die Demokratie von innen bedroht ist. In Ungarn hat sich wieder eine Mehrheit für Viktor Orbán und seine «illiberale Demokratie» gefunden. Demokratie und Liberalismus gehen nicht zwangsläufig zusammen, Mehrheiten können gegen Gewaltenteilung und Minderheitenrechte stimmen. Die gespenstische Möglichkeit einer Selbstabschaffung der Demokratie steht wieder im Raum. Da kommt ein ungeheuer interessantes Buch zu Hilfe, das zeigt, wie die Spannung von Demokratie und Liberalismus schon einmal durchlebt und durchdacht wurde, in der Zeit zwischen den Weltkriegen, als die deutsche Republik von rechts und von links bekämpft wurde. Sogar der Begriff der «illiberalen Demokratie» wurde damals schon geprägt, 1933 von Wilhelm Röpke. In seiner Studie «Existenzkrise der Demokratie» stellt Jens Hacke brillant die politischen Theorien des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit vor. Der freiheitliche Staat lebt von Grundlagen, die er nicht garantieren kann, darum muss er wehrhaft werden. Politisch mag der Liberalismus damals besiegt worden sein, sein Denken war zukunftsträchtig. Gustav Seibt

Allzeit bereit

Nina Verheyen: Die Erfindung der Leistung. Hanser Berlin, Berlin, 2018, 256 Seiten, 27.55 Franken.

Dafür, dass sie ständig gefragt und gefordert ist und als allgemeines Bewertungskriterium für Persönlichkeit und Vergütungshöhe herhalten darf, ist «Leistung» ein erstaunlich unscharfer Begriff. Klar ist höchstens, dass es die oberste Anforderung an ein Mitglied der «Leistungsgesellschaft» ist, sie «zu bringen», und dass sie Selbstwahrnehmung und Überlebensfähigkeit massgeblich bestimmt. Da kann man sich schon einmal die Frage stellen, warum dennoch «diese Kategorie plausibel erscheint». Das tut die Historikerin Nina Verheyen in ihrer höchst unterhaltsamen Kulturgeschichte. Sie berichtet von dem Wandel, den der Begriff seit dem 18. Jahrhundert durchlaufen hat, und erzählt dabei von einer Zeit, in der Musse als bürgerliche Tugend Nummer eins galt. Klar wird, dass sich der Begriff der «Leistung» durchaus umdeuten liesse: «Individuelle Leistung», schreibt Verheyen, «gibt es nicht, sie ist ein soziales Konstrukt, anders gesagt: Sie ist eine Leistung von vielen.» Das Problem sei aber nicht das Leistungsdenken selbst, das könne durchaus auch befreien. Sondern eine Gesellschaft, in der sich jeder immer nur für sich wähnt. Meredith Haaf

Verwirrspiel der Gefühle

Peter Bognanni: Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt. Carl Hanser Verlag, München 2018. 272 Seiten, 21.55 Franken.

Tessa flieht. Wie kann es weitergehen, fragt sie sich, in ihrem Universum? Ihr Vater ist verzweifelt, dass sie die Kontrolle verloren hat über ihre Gefühle, nach dem Tod von Jonah, der ihre grosse Liebe war. Ein einziges Mal nur haben sie sich getroffen, aber durch ständige Mails waren sie sich sehr nahe. Die Verzweiflung verwandelt Peter Bognanni in seinem ersten Roman für junge Erwachsene, «Mein Leben oder ein Haufen unvollkommener Momente» in eine tragikomische Kette scheinbar völlig absurder Ereignisse: Menschen, die alternative Begräbnisse planen (die Tessa im «Büro des Todes», dem Beerdigungsinstitut ihres Vaters, trifft); ein Fremder, der sich plötzlich auf dem Account ihres toten Freundes meldet und der sie genau zu kennen scheint. Ein Verwirrspiel der Gefühle beginnt, ein emotionales Roadmovie, quer durch die USA, bis nach Sizilien, über Abschied, Neuanfang und vielleicht Glück. Der Vater steht ihr zur Seite, ein Lebenskünstler, nicht aber die Mutter, die, von Yoga besessen, «bei einer Darmreinigung mit grünem Tee nach Erleuchtung sucht». Roswitha Budeus-Budde

Niemand weiss, warum

Serhij Zhadan: Internat. Roman. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp, Berlin 2018. 300 Seiten, 26.35 Franken.

Am Kriegsende steht oft die Hoffnung, die verfeindeten Parteien mögen wenigstens etwas gelernt haben. Als müsse aus dem Töten und der Zerstörung noch ein erbaulicher Sinn gezogen werden. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan demonstriert in seinem Roman «Internat» über den Konflikt im Donbass, was sich aus dem Krieg lernen lässt. Der Lehrer Sascha soll seinen Neffen aus dem Internat abholen. Einfach so zieht er los, als wäre alles ganz normal, als gäbe es keinen Winter und keinen Krieg, hier, im Osten der Ukraine. Die Stadt mit dem Internat wird belagert, niemand weiss sicher, warum eigentlich gekämpft wird. Wer sind diese Bewaffneten, die auf alles schiessen? Wohin sind die Menschen alle verschwunden? Drei Tage irrt Sascha durch eine apokalyptische Landschaft, die gerade noch eine Stadt am Rande Europas war. Seine wichtigsten Lektionen sind: Sich still verhalten, nachts kein Licht anschalten, allem und jedem misstrauen. «Als wanderten Ertrunkene mit einer Karte auf dem Grund des Flusses umher.» Ein Roman, der in grossartigen Bildern zeigt, dass sich im Krieg nur für den Krieg lernen lässt. Nicolas Freund

Erstellt: 01.05.2018, 11:39 Uhr

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