Die Elite mag die Masse nicht

In der autobiografischen Essaysammlung «Der Ruf der Horde» huldigt der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa dem wirtschaftlichen Liberalismus.

Schriftsteller Mario Vargas Llosa an einer Pressekonferenz 2017 in Madrid. Foto: Getty Images

Schriftsteller Mario Vargas Llosa an einer Pressekonferenz 2017 in Madrid. Foto: Getty Images

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Mario Vargas Llosa hat harte Zeiten hinter sich: Seinen letzten Büchern war wenig Erfolg beschieden, und auch politisch lief es für den Nobelpreisträger, der in seinem Heimatland Peru mal Präsidentschaftskandidat war, lange schlecht. Lateinamerika wählte hartnäckig links, nimmermüde schrieb Vargas Llosa in den grossen Gazetten der spanischsprachigen Welt gegen diesen Trend an. Dort ist er längst bekannter für seine Kolumnen als für seine Romane.

Doch in letzter Zeit hat Vargas Llosa wieder Grund zur Freude. Die Linkspopulisten sind weg oder in Diktaturen abgeglitten. Selbst in Peru, wo er 1990 als Präsidentschaftskandidat die Wahl verlor, hätten sich seine liberalen Ideen durchgesetzt, stellt er in seinem neuen Buch «Ruf der Horde» fest. Diese Wende scheint den alten Mann mit neuer Energie erfüllt zu haben. «Der Ruf der Horde» erreicht phasenweise die alte Brillanz, allerdings ist es kein Roman, sondern seine «intellektuelle Autobiografie», wie der 83-Jährige es nennt. Darin beschreibt er seine Abkehr von der Linken und seinen Weg zum Liberalismus.

Vargas Llosa stellt seine Jahre als Marxist wie eine Jugendverirrung dar, er schildert kurz, wie er als junger Reporter in Kuba dem Charisma der «Bärtigen» verfiel, die dort Revolution gemacht hatten: «Ich war tief ergriffen.» Das änderte sich, als die Revolution zur maroden Institution wurde und Fidel Castro Schriftsteller zu verfolgen begann. Eine Reise in die UdSSR sei «ein traumatisches Erlebnis» gewesen: «Konnte ich ein Gesellschaftsmodell weiter verteidigen, wo ich nun wusste, dass ich selbst niemals so hätte leben können?»

Lieber Madrid als Moskau

Vargas Llosa lebte fortan lieber in London oder Madrid als in Moskau oder Havanna; mit der gleichen Hingabe, mit der er dem Marxismus gehuldigt hatte, liess er sich nun von Margaret Thatcher bezaubern. Und er begann, liberale Philosophen zu lesen, die Vordenker der marktliberalen Revolution, die nach 1989 die Welt eroberte. Um diese Denker geht es im neuen Buch. Vargas Llosa schildert die Gedanken von Adam Smith bis Friedrich August von Hayek elegant und fundiert.

Sie sind es wert, gelesen zu werden, diese Kurzbiografien von Leuten, die in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt sind, obwohl ihre Thesen unsere Zeit mindestens so geprägt haben wie jene von Marx die 60er-Jahre. Der grösste Teil der westlichen Welt lebt liberale Werte heute ganz selbstverständlich und unhinterfragt.

Das war im Grunde auch im Sinne etwa von Friedrich August von Hayek, jenem nach England emigrierten Österreicher, dessen Ideen den Weg für den Thatcherismus bereiteten. Vargas Llosa nennt ihn seinen wichtigsten Inspirator. Erst Hayek habe ihm erklärt, «was der Markt ist, nämlich ein nahezu unendliches System von Beziehungen unter den Menschen einer jeweiligen Gesellschaft untereinander, um auf diese Weise gegenseitig ihre Bedürfnisse und Wünsche zu kommunizieren und die Produktion und die Mittel, die zu ihrer Befriedigung notwendig sind, zu organisieren». Keiner, so Vargas Llosa, habe besser die «Vorteile beschrieben, die dem Menschen dieses Austauschsystem gebracht hat, das von niemandem erfunden wurde, das vielmehr entstanden ist».

Der Feind der Freiheit

Staatliche Lenkung, Wohlfahrt und Subventionen verurteilt der Nobelpreisträger als «Konstruktivismus», als störenden Eingriff in das sozusagen naturgege­bene Spiel der Kräfte. Sie seien nur dazu da, das Individuum und seine Kreativität einzuhegen. Ein Individuum wie Vargas Llosa aber bringt es zum Nobelpreis, weil er seine Freiheit zu gestalten in der Lage ist.

Der grösste Feind der Freiheit, so der peruanische Autor weiter, sei denn auch jener «Ruf der Horde», wie es Karl Popper genannt hat, also der Hang des Menschen, sich tribalistisch Bewegungen anzuschliessen, einem Führer zu folgen oder auf die vermeintlichen Vorteile einer Herkunft zu beharren.

Fast alle Autoren, die Llosa zitiert, sind zu ihren Schlüssen aus den traumatischen Erfahrungen mit den kollektivistischen Systemen des 20. Jahrhunderts gekommen, also Faschismus und Kommunismus. Sie waren Emigranten wie Isaiah Berlin oder Raymond Aron, die einen freien Markt für den Garanten gegen Diktatur hielten. Nur Hayek ging so weit, den freien Markt wichtiger als die Freiheit zu finden, weshalb er die Pinochet-Diktatur in Chile guthiess. Es ist das Einzige, was Vargas Llosa seinem Vorbild übel nimmt.

Zurück zum Ursprung

Am nächsten kommt man Llosas Denken im Kapitel über José Ortega y Gasset, jenen elitistischen Philosophen, der in den 20er-Jahren den «Aufstand der Massen» als etwas eher Ekelerregendes beschrieb, weil der politische Massengeschmack seine ästhetischen Kriterien beleidigte. Jede Zeile über den abgehobenen Spanier verströmt den Odem von Vargas Llosas privilegierter Herkunft aus der Oberschicht des postkolonialen Peru. Sie war es letztlich, die ihn mit dem Privileg versah, Ideologien wahlweise auszuprobieren und wieder zu verwerfen – um schliesslich zum Eigentlichen, zu seinen Ursprüngen zurückzukehren.

Das ist denn auch die wahre Erkenntnis aus diesem Buch: Seiner Horde entkommt man schwer, Mario Vargas Llosa ist ihr nie entkommen. Alles dazwischen war Episode, immerhin eine, die der Weltliteratur einst grosse Werke bescherte.

Erstellt: 28.06.2019, 19:04 Uhr

Mario Vargas Llosa

Der Ruf der Horde

Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019. 313 S., ca. 39 Fr.

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