Hier tritt Dürrenmatt gegen Glauser an

Wo gibts mehr Morde, wo mehr Blut? Und was sagt uns die Suff-Kurve? Schweizer Krimi-Autoren im Zahlen-Check.

Liegts an der Bildung? Dürrenmatts Wortschatz ist um 11,4 Prozent grösser als derjenige Glausers. Infografiken: Micha Treuthardt, Viviane Futterknecht

Liegts an der Bildung? Dürrenmatts Wortschatz ist um 11,4 Prozent grösser als derjenige Glausers. Infografiken: Micha Treuthardt, Viviane Futterknecht

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2017 war auch das Jahr des Datenjournalismus, man denke an die Paradise Papers. Doch kann man seine Werkzeuge auch auf die schönen Künste anwenden? Wir versuchten ein Experiment, indem wir die renommiertesten Schweizer Krimiautoren computergestützt untersuchten. Womöglich kann man Dürrenmatts Krimicredo – «Kunst tun, wo sie niemand erwartet» – ja auf den Datenjournalismus übertragen.

Stoff

Friedrich Glauser (1896–1938) ist eine spektakuläre Figur der Literaturgeschichte, getrieben von Drogensucht, Geldnot und Wahn. Er war der Pionier des ambitionierten Schweizer Krimis, sein Vermächtnis sind die Bücher mit Wachtmeister Studer. Dieser Studer war ein neuer Typ Kommissar. Als Vorbild diente Glauser Georges Simenons Kommissar Maigret; er verband in der Figur Studers unsoliden Lebenswandel mit grossem Mitgefühl. Wir haben Glausers Krimis «Wachtmeister Studer», «Matto regiert», «Die Fieberkurve», «Der Chinese», «Der Tee der drei alten Damen» und «Krock & Co.» untersucht.


Dürrenmatt und Glauser: Testen Sie Ihr Wissen!

Dürrenmatt versus Glauser: Wer schreibt wie?

Frage 1 von 7:

Wer hat den grösseren Wortschatz?

Dürrenmatt

Glauser

 


Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) war neben Max Frisch der prägende Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein Biograf Peter Rüedi sagt: «Für mich steht ausser Frage, dass Dürrenmatts Kommissär Bärlach in ‹Der Richter und sein Henker› ein zu einem bernischen Dämon gesteigerter Verwandter von Glausers Wachtmeister Studer ist.» Nebst «Der Richter und sein Henker» ­haben wir auch «Der Verdacht», «Das Versprechen», «Justiz» und «Der Pensionierte» untersucht.

Methode

Zuerst brachten wir dem Computer Deutsch bei – mithilfe eines Trainings-Datensatzes des Instituts für Maschinelle Sprachverarbeitung der Universität Stuttgart. Dieser Datensatz ermöglichte es uns, Satzteile und Wörter in 51 Kategorien einzuteilen: vom attributiven Adjektiv bis zur umklammernden Präposition.

In einem zweiten Schritt reduzierte der Computer die Wörter auf ihre Stämme: Aus dem Partizip Perfekt «gegangen» wurde «gehen». So konnten wir verhindern, dass der Computer Wörter doppelt zählte.

Experten

Die Untersuchungsergebnisse haben wir Peter Rüedi (Dürrenmatt-Biograf), Peter Utz (Literaturprofessor Uni Lausanne und Dürrenmatt-Kenner) und Hubert Thüring (Literaturprofessor Uni Basel und Glauser-Kenner) vorgelegt.

Wortschatz

Datenjournalist Matt Daniels suchte 2014 nach dem grössten Vokabular in der Rap-Musik, wir tun es ihm gleich: Dürrenmatts Wortschatz ist um 11,4 Prozent grösser als derjenige Glausers. Eine Erklärung dafür gibt Utz: Dürrenmatt versuche, in seinen Kriminalromanen philosophisch-existenzielle Fragen durchzuspielen, was einen grösseren Wortschatz erfordere. Thüring sagt, die Differenz könne auch an der Bildung liegen, «die bei Dürrenmatt wohl breiter und teils vertiefter war.»

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Stilfragen

Glauser schrieb generell längere Sätze als Dürrenmatt. Seine Sätze wären im Schnitt noch deutlich länger gewesen – wäre da nicht der zweite Studer-Roman gewesen, «Die Fieberkurve». Hier sind die Sätze im Schnitt kürzer als in allen Dürrenmatt-Krimis, in den übrigen Glauser-Krimis sind die Sätze doppelt oder fast dreimal so lang. Ein Experiment? Tatsächlich sagt Thüring, Glauser habe in «Die Fieberkurve» versucht, dem Ideal «stilistischer Schlichtheit» möglichst nahezukommen. Ausserdem auffällig: Dürrenmatts längster Satz ist dreimal länger als der längste Satz bei Glauser. Rüedi vermutet, der Berner habe mit diesem merkwürdigen «Monstersatz» dem von ihm bewunderten, für Schachtelsätze berühmten Autor Heinrich von Kleist (1777–1811) die Reverenz erweisen wollen.

Mord, Blut und Blei

Das häufigste Nomen in Dürrenmatts Krimis ist «Mord». Auch andere bei Dürrenmatt häufige Substantive stützen die Annahme, dass der Berner Epikureer die Gewalttätigkeit des gemeinen Krimis nicht mied, sondern suchte. So kommt das Wort «Revolver» unter Berücksichtigung der Textlängen 25 Prozent häufiger vor als bei Glauser. Und von «Blut» ist bei Dürrenmatt 30 Prozent häufiger die Rede. Das Lieblingswort «Mord» als ­«finaler Endpunkt jeder Kriminalgeschichte», sagt Rüedi, habe sich stärker aufgedrängt als beim Realisten Glauser, der an den sozialen und psychischen Voraussetzungen seines Personals interessiert gewesen sei.

Rauchen, Essen (Fressen)

Die Kommissare beider Autoren sind verlebte Figuren, Dürrenmatts Bärlach ist krebskrank. Ihr Lebenswandel ist ungesund, es wird viel geraucht: Bei Dürrenmatt sehr häufig «Zigarren», bei Glauser ab und zu «Stumpen». Insgesamt ist bei Dürrenmatt 40 Prozent häufiger von Rauchutensilien die Rede. Das Essen ist bei Glauser frugaler, seine Charaktere essen 30 Prozent mehr «Brot» als bei Dürrenmatt. Bei Letzterem wiederum ist der «Fleisch»-Konsum viermal grösser als bei Glauser.

Griff zur Pulle

Bei beiden Autoren steigt der Alkoholkonsum gegen Buchende hin an. Thüring sagt, bei Glauser wie Dürrenmatt stünden die Kommissare vor «prinzipiell unlösbaren Fällen» – wodurch die Ermittler in «relative Verzweiflung» gestürzt würden. Bei Dürrenmatt, bestätigt Utz, befalle einerseits die an ihre Grenzen stossenden Detektive jeweils eine Melancholie, die sie «in schweren Rotweinen» ertränkten. Anderseits verlange die weniger kriminalistische als poetische Verbrechensbekämpfung bei Dürrenmatt nach «intuitiver Aufklärung», wozu der Alkohol nützlich sein könne.

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Und jetzt?

Datenanalysen können den Stand der Forschung bekräftigen. In unserem Fall etwa, dass Friedrich Dürrenmatt «mit der Form des Kriminalromans spielt» und gerade an dessen Klischees interessiert war, wie Rüedi sagt. Die Analysen können aber auch neue Fragen aufwerfen. Wie würde zum Beispiel der quantitative Vergleich Dürrenmatts mit seinem grossen Antipoden Max Frisch zu Buche schlagen? Selbstverständlich führen solche Spielereien auch mal in die Irre. Dass sie spannender sein können als das Trampeln auf alten Pfaden herkömmlicher Literaturanalysen, ist aber ebenso offensichtlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2017, 11:36 Uhr

Gemüse bei Dürrenmatt

Aufmerksame Leser haben uns auf Lücken in unserer Wörter-Datenbank – Rubrik «Obst und Gemüse» – aufmerksam gemacht. Die Beispiele zeigen, dass in Dürrenmatts Krimis durchaus Gemüse vorkommt: So wurden unter anderem Gurken, Tomaten und Erbsen (in «Der Richter und sein Henker») sowie Radieschen (in «Justiz») entdeckt. Wir danken für die Hinweise. (lsch)

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