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Die Geiseln betrinken sich langsam an der Hotelbar

Krimi der Woche: Im «Hotel Cartagena» spielt sich Durchgeknalltes ab – ein temporeicher Kriminalfall von Simone Buchholz.

Simone Buchholz wurde für ihre Krimireihe rund um die Staatsanwältin Chastity Riley mehrfach ausgezeichnet.
Simone Buchholz wurde für ihre Krimireihe rund um die Staatsanwältin Chastity Riley mehrfach ausgezeichnet.
Gerald von Foris/Suhrkamp Verlag

Der erste Satz

Wir fahren durch die Stadt, an jeder Ecke tun sich schwarze Löcher auf, sie ziehen am Blech des Krankenwagens, Stepanovic kniet neben der verschissenen Pritsche, auf der ich liege, er hält mich, er hält meine Hand, und er singt mir was vor, ich mag die Melodie, aber den Text finde ich zum Kotzen.

Das Buch

Eine Bar im obersten Geschoss eines Hotels am Hamburger Hafen. Ein paar Polizisten treffen sich hier, um den Fünfundsechzigsten des Kollegen Faller zu feiern. Dabei ist auch Staatsanwältin Chastity Riley, die mit mehr als einem der Kollegen nicht nur beruflich zu tun hatte. So ganz entspannt ist die Stimmung schon deswegen nicht, doch dann geht es erst richtig los: Ein Dutzend bewaffnete Männer stürmt den Raum und nimmt die Anwesenden als Geiseln. «Ein bisschen Morricone wäre jetzt gut, aber man hört nur das Nebelhorn eines Containerschiffs.»

Was hinter dieser Geiselnahme steckt, wird im neuen Roman «Hotel Cartagena» der deutschen Autorin Simone Buchholz erst nach und nach sichtbar. Während sich die meisten Geiseln langsam betrinken, bringen sich um das Haus Polizisten und Einsatzkommandos in Stellung. Darunter auch Stepanovic, der sich um Chastity Riley sorgt – er betet sie an.

Parallel zum Polizeiaufmarsch um das Hotel und zur Szenerie in der Bar, die Riley als Icherzählerin schildert und in inneren Monologen munter reflektiert, blendet die Autorin zwanzig Jahre zurück. Und erzählt die Geschichte von Henning Garbarek. Der junge Mann sah keine Zukunft in Hamburg und bestieg ein Schiff nach Südamerika. Er liess sich in Kolumbien nieder. Er arbeitete in Bars, und bald wollten einheimische Drogenhändler seine Kontakte nach Hamburg nutzen. Es entwickelte sich ein gutes Geschäft für alle, jedenfalls für eine gewisse Zeit.

Die Autorin hat einen wachen Blick für die Realitäten, brilliert immer wieder mit trockenen Kommentaren.

«Hotel Cartagena» ist bereits der neunte Kriminalroman von Simone Buchholz mit Chastity Riley. Es ist der erste, den ich gelesen habe, doch es wird sicher nicht der letzte sein. Denn die Frau schreibt Sätze wie: «Sein Blick fällt mir mitten ins Herz und explodiert, oh wow, was für eine Sauerei, jetzt muss ich da schon wieder alles aufräumen.»

Die unkonventionelle Konstruktion der Handlung, die originellen Figuren und die frische Sprache sind eine Freude für alle, die auf Krimis abseits der 08/15-Massenware stehen. Da Buchholz es oft bei kleinen Anspielungen belässt und auf detaillierte Erklärungen verzichtet, ist der Roman relativ schlank und hat ein hohes Tempo. Da mag zwar alles ein bisschen durchgeknallt sein, ist deswegen aber nicht einfach ein wohlfeiler Klamauk.

Die Autorin hat einen wachen Blick für die Realitäten, brilliert immer wieder mit trockenen Kommentaren. Etwa wenn sie Riley die Situation in der Bar auf den Punkt bringen lässt: «Zu viele Waffen, zu viele Männer in Anzügen. Wenn man es genau nimmt, ist die Situation nicht beschissener als überall sonst auf der Welt.»

Die Wertung

Die Autorin

Simone Buchholz, geboren 1972 in Hanau und aufgewachsen im Spessart, studierte in Würzburg Philosophie und Literatur, «aber nicht bis zum Ende». 1996 zog sie, «wegen des Wetters», nach Hamburg, wo sie sich an der Henri-Nannen-Schule zur Journalistin ausbilden liess. Sie arbeitete zudem als Kellnerin und Kolumnistin. Ihre ersten Buchveröffentlichungen, darunter «Der Trick ist zu atmen: Erste Liebe, erster Sex und wie du beides überlebst» (2003) und «Gangster of Love: Warum Frauen auf die falschen Männer stehen» (2009), drehten sich um die Beziehungen zwischen Frauen und Männern.

2008 erschien ihr erster Kriminalroman mit der Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley, «Revolverherz». Nach fünf Titeln beim Droemer-Verlag erscheinen die Romane seit 2016 bei Suhrkamp. Die Reihe umfasst inzwischen neun Bücher. Simone Buchholz wurde dafür mehrfach ausgezeichnet, so für den vorletzten Titel «Mexikoring» kürzlich mit dem Deutschen Krimi-Preis 2019 in der Kategorie National. Die Autorin ist verheiratet und hat einen Sohn, sie lebt in Hamburg.

Simone Buchholz: «Hotel Cartagena». Suhrkamp, Berlin 2019, 229 S., ca. 23 Fr.
Simone Buchholz: «Hotel Cartagena». Suhrkamp, Berlin 2019, 229 S., ca. 23 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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