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Die Glamour-Frau der brasilianischen Literatur

Clarice Lispector (1920–1977) gehört zu den bedeutendsten Autoren Südamerikas. In der Schweiz verlebte sie trübe Jahre. Ihre Erzählungen liegen jetzt erstmals auf Deutsch vor.

Immer ein wenig fremd in der Wirklichkeit: Clarice Lispector, um 1960. Foto: Privat
Immer ein wenig fremd in der Wirklichkeit: Clarice Lispector, um 1960. Foto: Privat

Sie wäre jetzt 99 Jahre alt, tatsächlich starb sie am Vorabend ihres 57. Geburtstags an Krebs. Zehn Jahre davor wäre sie beinahe in ihrem Bett verbrannt. Sie war eingeschlafen, eine Zigarette im Mund; anders als Ingeborg Bachmann wurde sie noch einmal gerettet. Anders aber auch als Bachmann, eine Ikone der Leserinnen und nicht nur dieser, muss Clarice Lispector bei uns erst entdeckt werden.

Wieder einmal, muss man sagen, denn an Versuchen diverser deutschsprachiger Verlage hat es nicht gefehlt. Jetzt kommen bei Penguin in zwei Lieferungen erstmals auf Deutsch die gesammelten Erzählungen der Autorin heraus, die als eine der Grössten der brasilianischen, ja der südamerikanischen Literatur gilt, was seinen Ausdruck nicht nur in Verehrung der Jüngeren und hohen Auflagen findet, sondern auch in Briefmarken und einem Denkmal in Recife.

Sätze, wie noch nie gelesen

Eine geheimnisvolle Aura umgab sie, die hochgewachsene blonde Frau, die so gar nicht nach Brasilien zu passen schien. Glamour strahle sie aus, und von der Magie ihrer Sätze schwärmten Kritiker und Literaturhistoriker. Tatsächlich stösst man im jetzt erschienenen Erzählband auf Sätze, wie man sie noch nie irgendwo gelesen hat. «Wie einen Schmetterling nahm Ana den Augenblick zwischen die Finger, bevor er nie wieder ihr gehörte.» Oder, in einer anderen Erzählung: «Es war ein Augenblick, der darum bat, lebendig zu sein. Aber er war tot.»

Die Wahl der Augenblicks-Beispiele ist nicht zufällig. Oft geht es um einen bestimmten Moment im Leben der Heldinnen dieser Erzählungen, der deren gut eingerichtetes, gut abgepolstertes Leben erschüttert. Der ihnen klarmacht, was das für ein Nicht-Leben ist, das sie führen. Das Leben einer Hausfrau im bürgerlichen Milieu, mit Hausmädchen und allem Komfort, aber keiner wirklichen Aufgabe, keinem Sinn – ausser darauf zu warten, dass der Mann nach Hause kommt. Ihn versorgen, eventuell mit ihm ausgehen, sich als Trophäe vorzeigen lassen.

Entsetzlich wundervoll

Oft überraschen wir diese Frauen vor dem Spiegel, in einem Moment des Innehaltens, der aber nicht bis zur Selbstbefragung reicht. Clarice Lispectors Heldinnen haben nicht das Reflexionsniveau ihrer Erfinderin, aber gerade so fliesst die Erschütterung ungefiltert und ohne die Schleuse soziologischer oder psychologischer Einordnungskategorien direkt in die Prosa, zittert der Schock im Rhythmus spürbar nach.

Unvermittelt bleiben Gegensätze, die sich ausschliessen, zusammen stehen. In der Rhetorik nennt man diese Stilfigur Oxymoron, bei Clarice Lispector klingt das so: «entsetzlich wundervoll» oder «dankbare Bedeutungslosigkeit» oder «unbefriedigt und glücklich» oder «elegant und elend».

Diese Widerspruchspaare stellen aber keine rhetorischen Tricks dar, sie sind Ausdruck von Gefühlen, die sich widersprüchlich ineinander verschlingen bis zu einem Knäuel, den die Heldin der Titelerzählung «Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau» so zusammenfasst: «enttäuscht, resigniert, vollgestopft, verheiratet, zufrieden, mit einer vagen Übelkeit».

«Die Schweiz ist ein Friedhof der Sinneseindrücke, die Menschen sind still und lachen wenig.»

Clarice Lispector

Clarice Lispector wusste, wovon sie schrieb. Sie war selbst eine dieser gut situierten Hausfrauen, die mit ihrem Leben und sich nichts anfangen konnte, ehe sie das Schreiben (wieder-)entdeckte. Sie begleitete ihren Mann, einen Diplomaten mit dem schönen Namen Maury Gurgel Valente, auf seine Posten in Neapel, in Bern und schliesslich in den USA, ehe sie 1959 nach Brasilien zurückkehrte, sich scheiden liess und ihre beiden Kinder allein aufzog, finanziert durch Zeitungsartikel.

Den Sohn Pedro hatte sie in der Schweiz bekommen, einem Land, mit dem sie stark fremdelte. «Die Schweiz ist ein Friedhof der Sinneseindrücke», befand sie 1946 über Bern, «die Menschen sind still und lachen wenig». Sie tröstete sich mit ausführlichen Briefen an die Schwestern, mit Kino- und Konzertbesuchen. Und sie schrieb. In Bern entstand der Roman «Die belagerte Stadt». Anders als ihre Heldinnen, die sich oft im falschen Leben fühlen, «zu einem anderen geboren», hatte sie ein Ziel und eine Aufgabe gefunden.

Die Ehe, die Zeit als Diplomatengattin, erscheint im Rückblick wie ein Unterbruch einer bemerkenswerten Karriere. Denn mit Anfang 20 war sie, nach einem Jusstudium, als Journalistin gestartet und hatte bereits einen Roman veröffentlicht. Daran knüpfte sie nach ihrer Rückkehr an und ging stilistisch ganz eigene Wege; von Vorbildern kann man bei ihr kaum reden. Manche ihrer Bilder muten surrealistisch an: «In jedes ihrer Augen hätte man eintauchen und darin schwimmen können, ohne zu wissen, dass es ein Auge war.» Oder sie schreibt eine ganze Erzählung aus der Perspektive einer Henne, die ihrem Schicksal als Suppenhuhn entgeht, ohne falsche Vermenschlichung: «Sie war nichts, sie war eine Henne.»

«Ich bin ein Stuhl und zwei Äpfel»

Tiere, speziell Geflügel, spielen eine grosse Rolle in den Erzählungen, die mit den Jahren immer radikaler, immer rätselhafter werden. «Die Henne und das Ei» fängt so an: «Morgens in der Küche sehe ich auf dem Tisch das Ei. Ich erblicke das Ei mit einem einzigen Blick. Auf der Stelle merke ich, dass man ein Ei nicht dauerhaft ansehen kann. Ein Ei anzusehen, hält nie bis in die Gegenwart: Kaum sehe ich ein Ei an, wird daraus, dass man ein Ei schon vor drei Jahrtausenden angesehen hat. – Sobald man das Ei ansieht, ist es die Erinnerung an ein Ei. – Nur der sieht das Ei, der es bereits gesehen hat.» Und so weiter, über elf Seiten, von Satz zu Satz um das Ei herum.

Eine Erzählung, die man betrachten kann wie ein kubistisches Bild: Das Objekt ist zugleich von allen Seiten da, von intensiver Präsenz und ungreifbar.

«Ich bin ein Stuhl und zwei Äpfel», sagt die Erzählerin in ihrem letzten Roman «Aqua viva». Das könnte auch die Autorin von sich sagen: nicht auf einen Nenner zu bringen. Aus ihren Werken spricht ein tiefes Misstrauen gegenüber der Welt, wie sie uns erscheint, und die Erkenntnis, dass dahinter noch etwas anderes lauert, durchbricht immer wieder die Fassade der Realität: zum produktiven Schock.

Ein familiäres Trauma

Man liegt nicht falsch, wenn man diese Unbehaustheit in der Wirklichkeit auf ein familiäres Trauma zurückführt. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Benjamin Moser, Herausgeber dieses Erzählbandes, hat in einer grossen Biografie Clarice Lispectors Familiengeschichte detailliert aufgearbeitet. Geboren wurde sie 1920 als Chaya Lispektor in Tschetschelnyk, einem kleinen Ort, der heute in der Ukraine liegt. Damals bekämpften sich «Weisse» und «Rote» sowie diverse Banden, die sich besonders an Juden austobten. Chayas Grossvater wurde im Verlauf eines Pogroms ermordet, ihre Mutter vergewaltigt und mit Syphilis infiziert, an der sie später starb.

Es gelang der Familie, mit dem Baby über Deutschland nach Brasilien zu fliehen. Sie liess sich erst in Recife, dann in Rio de Janeiro nieder. Zu Hause wurde weiter Jiddisch gesprochen. Clarice aber nahm die neue Sprache, die neue Kultur und Lebensart schnell auf. Sie wurde eine glanzvolle Journalistin, eine bewunderte Schönheit. Und diese Glamour-Frau gab der brasilianischen Literatur einen regelrechten Stoss in die Moderne.

Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau. Sämtliche Erzählungen I. Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby. Penguin, München 2019. 414 S., ca. 37 Fr.

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