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Die gute Demenz

Der israelische Autor Abraham B. Yehoshua eröffnet einem pensionierten Strassenbauingenieur neue Horizonte.

Mit der Arbeit für eine Strasse durch die Negev-Wüste will Yehoshuas Protagonist die Demenz aufhalten. Sie führt durch den Ramon-Krater. Foto: Andreas Zeitler (Alamy Stock)
Mit der Arbeit für eine Strasse durch die Negev-Wüste will Yehoshuas Protagonist die Demenz aufhalten. Sie führt durch den Ramon-Krater. Foto: Andreas Zeitler (Alamy Stock)

Die Demenz ist ein häufiges Krankheitsbild in der neueren Romanliteratur. Meist wählen die Autoren ein fortgeschrittenes Stadium und die Perspektive von Angehörigen, die mehr oder weniger gut mit dem ganz anderen Menschen zurechtkommen, der er eben jetzt ist.

Abraham B. Yehoshua geht anders vor. In seinem Roman «Der Tunnel» erfährt der 72-jährige Zvi Luria, ein pensionierter Strassenbauingenieur, dass er eine kleine «Atrophie auf einem Frontallappen» hat. So klein, dass sie auf der Röntgenaufnahme nur das Auge des Fachmanns erkennt. Aber deutlich genug, dass der Fortgang der Dinge unausweichlich ist.

Und tatsächlich, fortan häufen sich die Ausfallerscheinungen. Zvi fallen Vornamen nicht ein, auch von sehr vertrauten Personen. Er holt das falsche Kind aus dem Kindergarten ab. Er vergisst den Code der Wegfahrsperre seines Autos. Er verfährt sich, vergisst den Namen der Strasse, an der er wohnt, schliesslich seinen eigenen Namen. Anderes funktioniert noch gut; er kann eine tadellose Rede halten und ein Tunnelprojekt vor einer Kommission durchsetzen.

Autor und Friedensaktivist: Abraham B. Yehoshua. Foto: PD
Autor und Friedensaktivist: Abraham B. Yehoshua. Foto: PD

Ja, Zvi arbeitet wieder, als Berater eines jungen Kollegen; der Neurologe hat ihm Tätigkeit empfohlen, um die Demenz aufzuhalten. Aktivität und Selbstbeobachtung laufen jetzt nebeneinander her, zugleich versucht der Betroffene, sich der Fürsorge und ängstlichen Überwachung durch Frau und Familie zu entziehen.

Drei illegale Palästinenser

Und so eröffnen sich ihm, gerade wo sich sein Bewusstsein tunnelhaft zusammenzieht, auch neue Horizonte. Mit Maimoni, dem jungen Ingenieur, erkundet er den riesigen Ramon-Krater in der Negev-Wüste, durch den eine geheime Armeestrasse geführt werden soll. Sie entdecken eine Nabatäer-Ruine aus vorchristlicher Zeit und drei illegale Palästinenser, die sich dort verbergen. Zvi erfährt aber auch von israelischen Freiwilligen, die täglich Kranke aus den besetzten Gebieten abholen und zur Behandlung fahren.

Der überkorrekte Ingenieur lockert sich. Er, der in seiner Amtszeit Wert darauf gelegt hatte, mit dem Privatleben seiner Mitarbeiter nichts zu tun zu haben – aus Angst, in die allgegenwärtige Korruption hineingezogen zu werden –, öffnet sich den Nöten seiner Mitmenschen, greift sogar ein. Eine «gute Demenz» sei das, meint dann auch die junge Palästinenserin aus dem Krater, weil sie Fantasie für Neues freisetze.

Normalität leben im Ausnahmezustand

Abraham B. Yehoshua, Jahrgang 1936, bildet neben dem 2018 gestorbenen Amos Oz und David Grossman das Dreigestirn der älteren Literatur Israels, er war Friedensaktivist wie diese und gibt in seinen Romanen den Nichtjuden breiten Raum (hier hilft etwa ein beduinischer Späher Zvi, sein letztes Ziel zu erreichen). «Der Tunnel» verknüpft ein millionenfach verbreitetes, aber immer als einzigartig erlebtes Schicksal, das allmähliche Verlöschen des Geistes, mit der Normalität, die ein Land im permanenten Ausnahmezustand zu leben versucht.

Es ist ein undramatischer Roman, der einen starken Akzent auf Liebe, Einfühlung und Rücksichtnahme der Menschen untereinander legt. Dass er dabei manchmal zur Langatmigkeit und Betulichkeit neigt, hängt mit dem Alter des Protagonisten (und wohl auch des Autors) zusammen und tut der wohltuenden Lektüre keinen Abbruch.

Abraham B. Yehoshua: Der Tunnel. Roman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Nagel & Kimche, Zürich 2019. 368 S., ca. 37 Fr.

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