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Die letzte klassische Revolution

Ein Aufstand gegen die Armut, der ungelegen kam: Am 25. April 1974 begann die Nelkenrevolution in Portugal. Urte Sperling deutet sie in einem schmalen Band.

Aufbruchstimmung herrschte in Portugal nach dem Putsch, der sogenannten Nelkenrevolution: Jubelnde Menschen 1975 in Lissabon.
Aufbruchstimmung herrschte in Portugal nach dem Putsch, der sogenannten Nelkenrevolution: Jubelnde Menschen 1975 in Lissabon.
Keystone

Die Nelkenrevolution in Portugal (1974–1976) war wahrscheinlich die letzte Revolution, die einem klassischen Muster folgte, also sozial klar identifizierbare Träger hatte. Im Fall Portugals waren es Soldaten und junge Offiziere sowie die Industrie- und die Landarbeiter. Die ab 1989 erfolgten Revolten waren dagegen mehr Volksaufstände mit nur diffus erkennbaren Trägern. Weitere Besonderheiten der portugiesischen Revolution waren die zeitweise führende Rolle des Partido Comunista Português (PCP) und der starke Einfluss von ultralinken Gruppen auf das Militär.

Überraschung im Süden

Urte Sperling stellt in ihrem schmalen Buch die Voraussetzungen, den Verlauf und die Ergebnisse der Nelkenrevolution präzise und überzeugend dar. Die Revolution war für alle Welt eine Überraschung: Der politische Aufbruch von 1968 hatte sich in ganz Europa in maoistischen und leninistischen Klüngeln verfangen, die sich revolutionär kostümierten. Die USA hatten mit der Beendigung des Vietnamkriegs zu tun, und die Entspannungspolitik in Europa arbeitete am Helsinki-Prozess, also an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Insofern kam die Revolution in einem kleinen Land am Südrand Europas für alle ungelegen.

Krise in den Kolonien

Ganz unverhofft trat sie aber nicht ein. In den Kolonien Portugals brodelte es. Unabhängigkeitsbewegungen kämpften in Angola und Moçambique. Seit dem Militärputsch von 1926 herrschte in Portugal eine quasifaschistische Diktatur, ein «korporatistischer Polizeistaat» mit Staatspartei, Zensur und mächtiger ­Geheimpolizei, unter António de Oliveira Salazar, in der oppositionelle Parteien und Gewerkschaften verboten waren. Die Kolonialherrschaft konnte nur aufrechterhalten werden mit militärischer Präsenz, was eine vierjährige, unbeliebte Militärdienstzeit erforderte.

Junge Portugiesen desertierten häufig und flohen massenhaft ins Ausland – zwischen 1950 und 1969 rund zwei Millionen Menschen, also 25 Prozent der erwachsenen Männer. Das Land mit einem Drittel Analphabeten verarmte. Als ­Opposition konnte sich innerhalb des Landes einzig die in der Illegalität arbeitende KP halten und in «casas clandestinas» (geheimen Wohnungen) organisieren. Als letzter Rettungsversuch des ­Regimes gilt die Ablösung des greisen Diktators Salazar durch den Technokraten Marcelo Caetano im Jahr 1968.

Die Krise der Diktatur, also der Staatsbankrott – das Land steckte 50 Prozent des Staatshaushalts in Kolonialkriege –, fiel zusammen mit der Krise des Kolonialismus und mit aufstrebenden anti­kolonialistischen Bewegungen in Moçambique, Angola und Guinea-Bissau zu Beginn der 60er-Jahre. In Guinea-Bissau etwa sollte ein Staudamm errichtet werden, der international auf Protest stiess und die Kolonialmacht in einen blutigen Guerillakrieg mit dem Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo Verde (PAIGC) verwickelte. General António de Spínola entwarf einen Plan zur Rettung der Kolonien als «Überseeprovinzen». Aber der weltweite Druck von antikolonialistischen Bewegungen blieb stark, und in der Armee sammelte sich die ­Opposition im Movimento das Forças ­Armadas (MFA) mit Oberst Vasco Gonçalves, Major Otelo Saraiva de Carvalho und Hauptmann Ernesto Melo Antunes an der Spitze, sie wollten die Diktatur durch einen Militärputsch beenden.

Eine Geste gegen Gewalt

Vorübergehend ging die MFA ein Bündnis mit General Spínola ein. Aber die ­Rebellion der jungen Offiziere der MFA am 25. April 1974 entwickelte sich schnell zu einem Aufstand der Arbeiter. Er erhielt bald den Namen Nelkenrevolution, weil sich Arbeiter und andere Zivilisten mit den Soldaten solidarisierten und Nelken in deren Gewehrläufe steckten. Der Staatsrat aus je sieben Generälen, Zivilisten und MFA-Mitgliedern radikalisierte sich rasch und setzte sich von General Spínola ab, als dieser die Nähe zur Nato und zu den USA suchte.

Urte Sperling schildert den Gang der Revolution, die aus dem Armenhaus Europas in kurzer Zeit ein sozialrevolutionäres Laboratorium machte, in dem viele politische Gruppen experimentierten und Reformen durchsetzten. Die KP erreichte zusammen mit der Bewegung der Landarbeiter eine Änderung der Eigentumsverhältnisse im Süden des Landes, wo Grossgrundbesitzer herrschten. Schliesslich führte die Radikalisierung der MFA zu deren Spaltung und ebnete den politischen Parteien von den Sozialisten bis zu den Konservativen den Weg in eine parlamentarische Demokratie. Die dauerhafte Sozialisierung von Banken und die Demokratisierung der Armee scheiterten, aber einige Errungenschaften der Revolution blieben in der Verfassung von 1976 erhalten.

Die knappe Darstellung von Urte Sperling zeigt die von Krisen geprägte Entwicklung der Revolution kompetent und legt deren Probleme offen.

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