«Die Leute glauben wirklich, dass alle Juden geldgierig sind»

Thomas Meyer hat eine Fortsetzung zu seinem «Wolkenbruch»-Bestseller geschrieben. Der Autor über Schweizer Antisemitismus und seine Chancen bei den Oscars.

«Wolkenbruch»-Autor Thomas Meyer legt eine Fortsetzung seines Bestsellers vor, inklusive Nazis und jüdischer Weltverschwörung.

«Wolkenbruch»-Autor Thomas Meyer legt eine Fortsetzung seines Bestsellers vor, inklusive Nazis und jüdischer Weltverschwörung. Bild: Andrea Zahler

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Der «Wolkenbruch»-Film ist nun auch als Schweizer Oscarbeitrag unterwegs. Wie erklären Sie sich den Erfolg des Stoffes?
Diese Frage setzt eine Replizierbarkeit des Erfolges voraus, und die sehe ich nicht. Genauso gut könnte man fragen, wieso man sich in eine bestimmte Frau verliebt hat. Man kann jederzeit gewisse Elemente aufzählen. Aber ob diese in einem anderen Setting wieder Erfolg haben würden?

Wie sehen Sie die Oscarchancen?
Da muss man realistisch bleiben. Dass ein Film mit einem jüdischen Thema in den USA einen gewissen Sympathievorsprung hat, kann ich mir aber schon vorstellen.

Das «Wolkenbruch»-Buch und die Verfilmung waren Riesenhits, wies es sie in der Schweiz selten gibt. Wird man da reich?
Nein.

Erhalten Schriftsteller nicht ungefähr drei Franken pro Buch?
Kommt drauf an. Von einem Hardcover vielleicht schon. Aber von den knapp 170'000 verkauften Exemplaren sind 140'000 als Taschenbuch erschienen. Da sind die Tantiemen wesentlich geringer. Dennoch ist da zwar eine nette Summe herausgesprungen, aber davon lebt man ja dann auch über mehrere Jahre, das heisst, man verbraucht das Geld. Und für das Filmdrehbuch habe ich eine fixe Summe erhalten.

Nun haben Sie eine Fortsetzung des Romans geschrieben. Weil der erste Teil ein Erfolg war?
Geld war nie mein Motor. Sonst hätte ich mein Jusstudium abgeschlossen. Ich habe schon immer das gemacht, was mich interessiert. Deshalb schrieb ich nach «Wolkenbruch» einen Roman, der in der Zeit des Preussenkönigs Friedrich Wilhelm I. spielt, danach einen Beziehungsratgeber sowie ein Begriffslexikon. Erst jetzt machte ich mich an eine Fortsetzung von «Wolkenbruch». Wobei Fortsetzung das falsche Wort ist, die Sache läuft in eine ganz andere Richtung.

Es geht nicht mehr um die Liebesnöte eines orthodoxen Zürcher Juden, sondern um die jüdische Weltverschwörung und Nazi-Guerillas. Haben Sie keine Angst, die Fans des ersten Buches vor den Kopf zu stossen?
Nein. Ich mache, wie gesagt, was mir Spass macht. Und Juden, die die Welt erobern wollen, aber es nicht schaffen, weil es zu wenige von ihnen gibt und sie sich stümperhaft anstellen, das fand ich witzig. Aber das neue Buch handelt auch von Antisemitismus, einem Thema, das mich als Jude sehr beschäftigt.

Sind Sie als nicht orthodoxer Jude im Alltag mit Antisemitismus konfrontiert?
Natürlich. Weil ich mit dem Thema in meinen Büchern und privat humorvoll umgehe, gibt es Leute, die mir antisemitische Vorurteile ins Gesicht schleudern.

Zum Beispiel?
Wenn ich im Restaurant die Rechnung übernehme, dann kann es schon mal heissen: «Du bist aber ein schlechter Jude.» Oder wenn ich sage, ich habe gut Geld verdient mit «Wolkenbruch»: «Kein Wunder, bist ja auch Jude.» Es gibt einen arabischen Antisemitismus, einen rechten Antisemitismus, einen linken Antisemitismus und eben auch einen Schweizer Antisemitismus, der stets freundlich und interessiert daherkommt und sich aber weigert, anzuerkennen, dass er antisemitisch ist. Die Leute glauben wirklich, dass alle Juden geldgierig sind oder zumindest gut im Geldverdienen.

Ihnen wurde nach «Wolkenbruch» selbst vorgeworfen, dass Sie mit Vorurteilen gegen Juden arbeiten.
Das haben mir genau zwei Personen vorgehalten, und sie haben sich zu Recht in die Nesseln gesetzt damit. Erstens ist es nicht per se problematisch, mit Klischees zu spielen. Und zweitens gibt es judenfeindliche Klischees und jüdische Klischees. Wenn man nicht in der Lage ist, hier zu differenzieren, macht man sich unglaubwürdig. Ich mache mich im Buch und im Film nicht über Juden lustig, sondern über Mütter und Familien.

Viele Leser und Zuschauer dürften sich auch über die ungewöhnliche Lebenswelt der orthodoxen Juden amüsiert haben, nicht nur über Mottis hysterische Mame.
Das glaube ich nicht. Was soll daran amüsant sein? Sicher, der Toyota Previa der Zürcher Juden ist witzig – aber wie gesagt: Da lachen wir über das Auto, nicht über die Juden darin.

Fiel Ihnen das Drehbuchschreiben leichter als der Roman?
Im Gegenteil. Die grosse Schwierigkeit beim Drehbuchschreiben war die Motivation der Figuren. Wenn ich in einem Roman behaupte, dass zwei Figuren sich ineinander verlieben, dann glaubt mir das der Leser. Im Film, wo man diese Figuren sieht, wo sie zum Leben erweckt werden, müssen ihre Motive viel plausibler sein. Und da stellte sich die Frage viel mehr, was eine hübsche Nichtjüdin von einem ungelenken Orthodoxen genau will.

Sie sind ein beschäftigter Autor. Wie steht es um die Ratgeberkolumne im «Blick»?
Die mache ich auch im fünften Jahr sehr gerne.

Wie kommt die Kolumne in der Literaturszene an?
Weiss ich nicht. Das müssen Sie dort nachfragen.

Was ich meine: Wie ist Ihr Verhältnis zur Schweizer Literaturszene?
Wir Autoren treffen uns nicht in einem Literatencafé. Mir schreibt nebst Alain Sulzer auch nie jemand. Aber vielleicht kann ich diesen Buchhändler zitieren, der mir kürzlich sagte: «Gut, hast du wieder einen Roman, nicht wieder so einen Ratgeberscheiss.»

Missgunst, heisst es, sei typisch schweizerisch. Gilt das auch für die Literatur?
Ich würde sagen, es gilt vor allem für die Literatur. Schreiben kann schliesslich jeder, und fast jeder hat schon mal den Wunsch verspürt, sich zu einem bestimmten Thema in Buchform zu äussern. Macht es dann tatsächlich einer, löst das bei vielen starke Skepsis aus. Hat er dann auch noch Erfolg damit, sucht man sozusagen den Haken an der Sache. Beispielsweise, dass er eben «Kommerz» sei oder «gehypt». Ich verstehe nicht, wieso so viele Leute einen tollen Autor wie Martin Suter als «Mainstream» abwerten. Wohl, um sich über besagten »Mainstream« zu stellen. Für mich ist das erbärmlich.

Erstellt: 17.09.2019, 16:47 Uhr

Zum Buch

Am Ende von «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» wurde Motti Wolkenbruch von seiner orthodoxen Familie verstossen. Hier setzt die Fortsetzung an; der liebeskranke Student landet in einem Kibbuz, wo mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz die Weltherrschaft angestrebt wird. Dasselbe haben Nazis vor, die das «Volksnetz» mit Hasskommentaren füttern. Die Bestseller-Fortsetzung ist eine kühne Abkehr vom ersten Teil: Statt auf Schweizer Lokalkolorit und Romcom-Charme setzt Meyer auf durchgeknallte Action. (phz)

Thomas Meyer: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin. Diogenes, Zürich 2019. 288 S., ca. 34 Fr.

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