Die Liebe, ein derangiertes Gefühl

Monique Schwitter begeisterte beim Bachmann-Preis mit einem Auszug aus ihrem neuen Roman «Eins im Andern», der jetzt erschienen ist.

Wenn man mit der Autorin Monique Schwitter durch Hamburg geht, ist das wie in einer ihrer Geschichten. Foto: Matthias Oertel

Wenn man mit der Autorin Monique Schwitter durch Hamburg geht, ist das wie in einer ihrer Geschichten. Foto: Matthias Oertel

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«Der Tod? Ach, der Tod!» Von ihrem Vorleben als Schauspielerin ist Monique Schwitter zumindest die Stimme geblieben. Sie hallt durchs Hamburger Café an den Linden, und der Mann am Nebentisch lässt beim Stichwort Tod gleich das Rühreibrötchen sinken. Ja, sie habe einige Menschen auf dem Gewissen. Um ehrlich zu sein: Nirgendwo in Nichtkrimis wird so viel gestorben wie bei den Geschichten der 1972 in Zürich geborenen Monique Schwitter.

In ihren zwei Erzählbänden und zwei Romanen ist womöglich weniger erfunden, als man denkt. Vielleicht auch die Sache im Buxtehuder Forst nicht, mit der die Schriftstellerin gerade beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt bei Jury und angereister Presse Furore machte, ohne aber am Ende einen Preis zu holen. Ja, das Prozedere, die Arithmetik! So ist Klagenfurt, «ein surrealer Möglichkeitsraum». Schwamm drüber.

Im Buxtehuder Forst soll die demenzkranke Mutter eines gewissen Nathanael begraben werden, unter einer malerisch gewachsenen Esche. Der Vertrag liegt im Brotkasten. Nach und nach wird der Rest der Familie folgen, und es wäre nicht eine Geschichte von Monique Schwitter, wenn sich darin nicht komplexeste Genealogien mit den einfachsten Dingen des Lebens mischen würden.

«Esche», wie der Klagenfurt-Text hiess, ist das Glanzstück des neuen Schwitter-Romans «Eins im Andern», ein berührender und erinnerungstaumelnder Nachruf auf die Toten und eine Selbstvergewisserung im Jetzt. Ein Epitaph in Zeiten von Google.

Messerscharfe Zuneigung

«Was wurde eigentlich aus . . .?» – die Frage steht am Anfang des Buchs. Der Name des ersten Mannes im Leben der Erzählerin wird ins Suchfeld eingegeben, und es zeigt sich: Der Mann lebt nicht mehr. Er hat sich, vor Jahren schon, aus dem Fenster gestürzt. Was folgt, ist eine Recherche durch die Jahre der Gefühle. Noch zehn Männer folgen diesem ersten, der ausgerechnet Petrus heisst. Und es gibt einen zwölften. Einen, der besonders ist und der eigentlich immer schon da war.

Wie zwölf Apostel sitzen die Männer um den reich gedeckten Tisch des Romans, werden einer nach dem anderen aufgerufen zum heiligen Zweck: Zeugen zu sein für ein arg derangiertes Gefühl namens Liebe. Der aktuelle Mann ist der vorerst letzte und womöglich auch das Letzte: Er ist ein Spieler und hoch ­verschuldet. Mit der ehelichen Treue nimmt er es auch nicht genau, und Monique Schwitters Roman kann in seinem Fall durchaus zum unchristlichen Passionsspiel werden. Es soll den Figuren ­allerdings nichts Schlimmeres passieren, als dass die Autorin sie mit ihrer messerscharfen Zuneigung bedenkt. Der Roman jedenfalls ist grandios.

Wenn man mit Monique Schwitter durch Hamburg geht, dann ist auch das wie in einer ihrer Geschichten. Im schönen Antiquariat Schaper am Rand der Parkanlage «Planten un Blomen» wird noch schnell eine faksimilierte Wenzelsbibel erstanden, die mit hundert Euro und ein paar jetzt zu tragenden Kilos zu Buche schlägt. Unter einer Buche im Park liegen Hunderte sterbende Hummeln. Dann kommt noch ein Bekannter der Schriftstellerin des Weges, der um diese Zeit eigentlich im Büro sein sollte. Und wenn schon nicht im Büro, dann ­jedenfalls nicht hier und nicht mit dieser Frau, die nicht seine ist. Und Molly Bloom, so heisst der alte, grauhaarige Hund von Schwitter, hat gerade einfach nur Durchfall.

«Ich kann ganz schlecht über das Leben Auskunft geben. Es fällt mir leichter, wenn es in einer Erzählung ist.»

«Ich kann ganz schlecht über das Leben Auskunft geben. Es fällt mir leichter, wenn es in einer Erzählung ist. Für das Leben fehlt mir die Fantasie. Das Leben aber ist gnädig genug. Es geht seinen Gang, und ich gehe mit.» Monique Schwitter ist der kluge Kopf hinter ihren Geschichten, und sie ist selbst wie eine der Figuren darin.

Mit ihren grossen Augen und dem markanten Mund hat sie am Theater die Naiven gespielt und die Durchtriebenen. Im Gespräch kann sie gestochen scharfe Analysen der Literatur und des eigenen Schreibens liefern und dabei glaubhaft vermitteln, in der wirklichen Wirklichkeit ähnlich verloren zu sein wie die Menschen ihrer Bücher. Das ist ein Trick und auch wieder nicht. Eine produktive Ambivalenz.

Man müsse sich, sagt Monique Schwitter, beim Schreiben in einen Zustand genau zwischen hohem Bewusstsein und Unbewusstem bringen. Manchmal gibt es einen Flow, aber nicht immer. Der Roman «Eins im Andern» ist auch eine Geschichte vom scheinbar scheiternden Schreiben, von den Obsessionen, die einen aus einer Geschichte in eine andere treiben: in die richtige.

Stetige Karriere

Vor fünf Jahren hat sie den Dienst als Schauspielerin am Hamburger Schauspielhaus quittiert. Vor Hamburg hat sie in Zürich, Frankfurt und Graz gespielt. Am Salzburger Mozarteum hat Schwitter studiert, und dort war es Sitte, sich ­spasseshalber das Jahrbuch der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger herzunehmen. Mit einem Messer zwischen die Seiten gefahren und geschaut, wo man im Schauspielerleben einmal landen könnte: Berlin! München! Hamburg! Ja. Aber auch Detmold, Dinslaken oder Döbeln. Zeiten zwischen Euphorie und Hoffnungslosigkeit.

Monique Schwitters Karriere ist stetig verlaufen. Sie hat gespielt, Regie geführt und zwei Jahre lang am Hamburger Schauspielhaus den literarischen «Damensalon» betrieben, bei dem es um Lieblingslektüren ging. Und heute? «Das Stadttheater ist ein unerträgliches System geworden», sagt sie, «es hat mit dem Leben nichts mehr zu tun, nichts mit den Problemen der Zeit und nichts mit der Demokratie.» Und weil das Geld immer knapper ist, steht es heute so schlecht da wie nie zuvor.

Man muss das auch können: Sich in den Betrieb fügen, anerkennen, dass die Schauspielerei eigentlich kein künstlerischer Beruf ist, sondern ein ausführender. Das Energetische ist anders als in der Literatur, denn wo gibt es das schon: die seltsame Euphorie an dem Abend, wo aus dem Zuschauerraum eine wütende Welle von Buhrufen kam. Aber auf Dauer sei es für sie gewesen «wie mit einem Porsche nur durch die Stadt zu fahren». Zu viel potenzielle Motorleistung bei zu geringer Geschwindigkeit.

Es habe lange gedauert, bis sie so weit war, sich vom Theater zu verabschieden, sagt Monique Schwitter, und solange sich das Theater nicht ganz von ihr verabschiedet, ist es gut. Im neuen Roman tauchen seine Stellvertreter auf. Ein gewisser Jakob, der auch ohne seine grundtraurige Schauspielerkarriere ein begnadeter Melancholiker ist, und der Regisseur Tadeusz, das Inbild des Theatermachers, der auch im Beziehungs­leben ein solcher ist.

Prophezeiter Hundetod

Dass es in ihren Büchern mitunter autobiografisch zugeht, will die Autorin nicht leugnen. Und wo schon ein Flüstern gewohnt ist, ganze Orchestergräben zu überspringen, da wird auch der Mann am Nebentisch des Cafés wieder hellhörig. Von der Verflechtung der ­Lebenswirklichkeit mit der Literatur ist jetzt die Rede. Da spielt auch die Liebe eine Rolle. Auch Molly Bloom, der Border Collie, hebt unterm Tisch sein Haupt. Die grauen Haare haben den Körper erobert. Der Hund ist hunde­lebenlange zwölf Jahre alt. Im Roman «Eins im Andern» hat das Tier seinen Platz, inmitten all der Verschollenen, Verblassten und Verstorbenen. Ein baldiger Tod wird ihm prophezeit. Wenn es so weit ist, wird sich eine Esche finden.

Erstellt: 10.08.2015, 19:58 Uhr

Monique Schwitter

Eins im Andern. Roman. Droschl, Graz 2015. 220 S., ca. 28 Fr.

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