Die Liebe und andere Ängste

Sally Rooneys Roman «Gespräche mit Freunden» ist der Buch-Hype der Saison. Zu Recht?

Ungebremst durchgestartet: Die irische Autorin Sally Rooney. (Foto: Klaus Holsting/Luchterhand)

Ungebremst durchgestartet: Die irische Autorin Sally Rooney. (Foto: Klaus Holsting/Luchterhand)

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Es gibt eine Schlüsselszene im ersten Teil des Romans «Gespräche mit Freunden», die das ganze Können von Sally Rooney zeigt. An einem sehr warmen Abend sieht eine Frau einen Mann im Publikum einer Lesung. Ein paar Wochen vorher haben sie einander heimlich auf der Geburtstagsparty seiner Frau geküsst und sich danach relativierende und doch aussagekräftige E-Mails geschrieben.

Zwischen ihnen ist also alles und nichts klar. Die Frau ist so angespannt, dass sie sich ihrer Umgebung hyperbewusst ist, und zugleich ist sie völlig fixiert auf die Präsenz dieses Mannes. Sie schwitzt und versucht sich von seiner Anwesenheit abzulenken, tut so, als würde sie sich an einem Gespräch beteiligen: «Schliesslich sah Nick zu mir rüber, und ich erwiderte seinen Blick. Ich spürte, wie sich ein Schlüssel in meinem Körper mit solcher Kraft umdrehte, dass ich nichts tun konnte, um ihn aufzuhalten. Seine Lippen öffneten sich, als wolle er etwas sagen, aber er atmete nur ein und schien dann zu schlucken. Keiner von uns grüsste oder winkte, wir sahen uns nur an, als führten wir bereits ein privates Gespräch, das niemand sonst hören konnte.»

In diesen kurzen Absatz packt Sally Rooney alles, was in dem seltenen und aufreibenden Vorgang stattfindet, in dem sich zwei Menschen zutiefst ineinander vergucken. Meisterlich ist das nicht nur, weil es wahr ist. Sondern auch, weil es Rooney wie kaum eine andere Autorin derzeit versteht, von der subjektiven Gleichzeitigkeit von Erfahrungen zu erzählen, die universell Sinn machen. Und eine sehr gute Geschichte ergeben.

Schon vor der Veröffentlichung eine Sensation

Dafür wird Sally Rooney im englischsprachigen Raum seit zwei Jahren gefeiert. «Gespräche mit Freunden» erschien im Original 2017 und war schon vor der Veröffentlichung eine Sensation: Das Manuskript der vollkommen unbekannten irischen Autorin, Jahrgang 1991, wurde lukrativ versteigert und ihr Debüt mehrfach ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman, der bei uns im Winter erscheinen wird, ist ein noch grösserer Erfolg.

Dass eine Debütantin so ungebremst durchstarten kann, ist in England oder den USA sehr viel üblicher als hierzulande. Rooney ist dennoch auffällig erfolgreich: Die Masse an Text über die Autorin – Essays im «Guardian», eine atemlose Rezension in der «New York Times», Instagram-Posts von Prominenten wie Sarah Jessica Parker – wirft natürlich erst mal die Frage auf, ob das nicht einfach Wohlfühlliteratur für ein arriviertes Publikum ist. Und ob man da nicht einfach nur einer sehr gut gemachten intellektuell-literarischen Hochstapelei aufgesessen ist. Geht es da, bei allem Vergnügen, nicht einfach um ein Hype-Phänomen wie eine dieser Serien, die vor allem dadurch gewinnen, dass sie einen schlau und weltgewandt erscheinen lassen?

Gesellschaftliche Umstände und Toastbrot

Das Set-up stärkt den Verdacht: «Gespräche mit Freunden» handelt von einer erweiterten Dreiecksbeziehung. Ich-Erzählerin Frances und ihre beste Freundin und ehemalige Liebhaberin Bobbi, beide 21, beide Literaturstudentinnen, lernen das arrivierte Paar Melissa und Nick kennen. Melissa ist eine attraktive Kulturjournalistin, und mit ihren 37 Jahren, ihrem grossen Haus und ihrem Erfolg für Frances eine Mischung aus bedrohlich vollendet und verachtenswert alt. Nick, ein bekannter Schauspieler, wird von anderen als «sehr gross» und «sehr passiv» beschrieben und wirkt für Frances von Beginn an vollkommen unwiderstehlich.

Frances verliebt sich in Nick und entfernt sich zum ersten Mal von Bobbi, mit der sie in einer Art intellektueller, kreativer und emotionaler Symbiose gelebt hat. Damit gerät sie auf unsicheres Terrain, und der Entwicklungsroman, der von dieser Beziehungskiste ausgeht, nimmt Fahrt auf: Während Nick und Melissa von ihrem kulturellen Kapital profitieren, befinden sich Frances und Bobbi in einer ständigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Umständen. Und in gewisser Weise auch mit sich selbst. Alles, was sie tun, filtern sie durch eine Analyse der Klassen- und Geschlechterverhältnisse, es ist geprägt von Zukunftsängsten und echter materieller Not. Eine Zeit lang lebt Frances von Toastbrot. Während Nick aufgrund seiner Depressionen sehr vorsichtig und austherapiert kommuniziert, fragt sich Frances, «warum ich mich nicht für mein eigenes Leben interessierte».

Die Möglichkeiten einer fantasiebegabten Liebe

Sally Rooney spielt über diese Differenzen ihr komisches Talent aus, zum Beispiel während der ersten richtigen, postkoitalen Unterhaltung zwischen Frances und Nick: «Beim Abendessen tauschten wir ein paar Details aus unserem Leben aus. Ich erklärte ihm, dass ich den Kapitalismus zerstören wolle und dass ich Männlichkeit persönlich als unterdrückend empfand. Nick sagte, er sei ‹grundsätzlich› ein Marxist, und er wolle nicht, dass ich ihn verurteile, weil er ein Haus besass.» Es gehört zu den Kernkonflikten des Erwachsenwerdens, das existenzielle Für-sich-Sein zu akzeptieren. Und andererseits die Angewiesenheit aufeinander zu lernen, die man mit denen teilt, die man liebt. «Gespräche mit Freunden» handelt von genau diesem Prozess einer solchen Grenzerweiterung.

Rooney lässt die (Selbst-)Gespräche, aus denen der Roman besteht, mit Leichtigkeit über all die verschiedenen Kanäle laufen, in denen sich Menschen heute begegnen, seien dies E-Mail, Chat, SMS, Telefon und das sogenannte Real Life. Und sie schafft durch kleine Bilder eine Sinnlichkeit in einem Roman, der zugleich von jenen Machtanalysen und psychologischen Andeutungen durchzogen ist, die uns heute so geläufig sind.

Es ist bemerkenswert, wie es Rooney – und auch der grossteils kompetenten Übersetzung von Zoë Beck – gelingt, dabei immer dieselbe Texttemperatur zu halten. Denn es steckt ein austrainierter und doch warmer, lebendiger Intellekt in diesem Buch. Es steckt ein Interesse an Sex und den Möglichkeiten einer fantasiebegabten Liebe darin, die nicht klinisch und alles andere als menschheitsskeptisch ist. Und nicht zuletzt ein völlig unverblümtes Wohlwollen gegenüber den eigenen Protagonistinnen. Was soll man sagen? Der ganze Hype ist in Sally Rooneys Fall glücklicherweise komplett berechtigt.

Sally Rooney: «Gespräche mit Freunden». Luchterhand, 384 Seiten, ca. 31 Franken



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Erstellt: 03.08.2019, 17:42 Uhr

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