Die Männer vom Bau

Architektur als Protagonistin: Zwei Comics erzählen das Leben von Mies van der Rohe und Le Corbusier.

«Sehr schön, ja»: Im Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe hat der spanische König nur Augen für die Nacktskulptur. Foto: PD

«Sehr schön, ja»: Im Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe hat der spanische König nur Augen für die Nacktskulptur. Foto: PD

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Dass der Comic über Ludwig Mies van der Rohe mit dem Bild einer nackten Frau namens «Der Morgen» beginnt, ist kein Beitrag zum Sexismus der Moderne. Es ist eine Idee, die einerseits hineinführt in das von Sexismen nicht gerade freie Leben von Mies als bedeutsamem Architekten der Moderne. Die aber andererseits auch die Missverständnisse in der Rezeption dieser Ära zur Pointe verdichtet.

Von Anfang an gelingt es dem spanischen Cartoonisten Agustín Ferrer Casas, der vor seiner Comic-Karriere Architekt war, den Leser zu fesseln. Einem der vielen Mies-Bonmots zufolge entsteht ja Architektur als Baukunst erst dann, wenn man zwei Backsteine sorgfältig zusammenfügt. In diesem Fall ist zu sagen: Die Kunst der Graphic Novel beginnt dort, wo sich Bild und Text zu jenem Ganzen verbinden, das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Ein begriffsstutziger König

Das heisst: Die Nackte, eine Skulptur von Georg Kolbe, die sich im 1929 zur Weltausstellung von Mies ersonnenen, ikonischen «Barcelona-Pavillon» befindet, wird so richtig schön erst durch die dazugehörige Sprechblase. Diese stammt vom damaligen König von Spanien, Alfons XIII., der von Mies durch den Pavillon geführt wird, der aber nicht das Geringste von der Eleganz und Radikalität der Architektur begreift. Mit Blick auf die Nackte aber meint der König: «Sehr schön, ja.»

Ferrer, der Mies’ Geschichte in Rückblenden erzählt, braucht nur ein Dutzend Bilder, um die Geschichte des Architekten mit der Geschichte der Moderne und der Geschichte Deutschlands zwischen Weimarer Zeit und Nazi-Horror zu verdichten. Die Ökonomie dieser Erzählweise ist verblüffend. Sie bedient sich simpler Sätze, während sie sich der Ligne claire eines Hergés annähert. Mies würde sagen: «Weniger ist mehr.» Dabei aber wird das Erzählen Ferrers, der die narrativen und visuellen Möglichkeiten zu nutzen weiss, die sich aus dem Zusammenspiel von Comic und Architektur ergeben, nicht nur der Komplexität moderner Architektur, sondern auch der Vielschichtigkeit einer Künstlerbiografie gerecht.

Mitunter ein mieser Typ

Man begreift schon beim Barcelona-Pavillon nicht nur auf Anhieb die Entwurfsprinzipien von Mies, etwa die Emanzipation der Wand vom Trag- zum Raumelement oder den fliessenden Raum als Verweben von innen und aussen, sondern man ahnt auch sogleich, dass Mies nicht nur ein genialer Geist war – sondern zugleich ein mitunter mieser Typ.

Einer, der den eigenen Namen erfindet: Geboren als Ludwig Mies, Sohn eines Maurers, schnappte er sich den Namen der Mutter (Rohe) und erfand das nach Noblesse klingende «van der» dazu. Dreister lässt sich eine düstere Ausgangslage kaum erhellen. Den Rest seiner Karriere als Herzschrittmacher der Moderne verdankte Mies seinem Talent, einer Neigung zum apolitischen Opportunismus – und vor allem den Frauen.

Mies greift zur Zigarre, zum Drink, zur Frau

Dass Mies immer wieder zur Zigarre, zum Drink oder zum nackten Weib greift im Comic, ist folgerichtig. Der Weiberheld und Egomane, der fast alle verrät in seinem Leben, hat nicht nur hoch gebaut (wie am Seagram Building zu sehen ist, das als Setting im Comic zu Audrey Hepburn in «Breakfast at Tiffany’s» passt); er hat sich auch hochgeschlafen. Gestorben vor 50 Jahren, am 17. August 1969, war Mies van der Rohe ein grosser Architekt und ein nicht ganz so grosser Mensch. Dazwischen die Geschichte der Moderne souverän und anschaulich zu erzählen, ist aber auf jeden Fall grosse Comic-Kunst.

Das erzählende Zusammenschauen von der Architektur als jener Bildkunst, die wie keine andere öffentlichkeitswirksam ist, und den populären Mechanismen der Bilderwelt im Comic gelingt auch dem Architektur-Krimi «Der Pavillon». Auch hier ist der Zeichner, der Schweizer Andreas Müller-Weiss, ein studierter Architekt. Er hat sich, um die letzten Lebensmonate von Le Corbusier dramaturgisch zu fassen, einen Krimi-Plot samt «Ich glaube, er ist tot»-Leichenfund (Messer in der Brust, allerdings ist es nicht das von Corbusier) ausgedacht. Wobei der Plot den Heidi-Weber-Pavillon in Zürich, mittlerweile umbenannt in Centre Le Corbusier, mit dem von Eileen Gray entworfenen und von Le Corbusier mit Wandbildern ausgestatteten Haus «E.1027», also der berühmten Maison en Bord de Mer an der Riviera, auf etwas komplizierte Weise zusammenschaltet.

Architektonisches Wissen vorausgesetzt: Der Le-Corbusier-Comic von Andreas Müller-Weiss. Foto: PD

Anders als beim Mies-Comic erscheint beim Corbusier-Cartoon, der ebenfalls eine ganz eigene Bildsprache entwickelt, ein Vorabwissen um architekturgeschichtliche Zusammenhänge unabdingbar.

Die alten weissen Männer am Bau

Beiden Comics gemeinsam ist, dass die Biografien dieser Architekturlegenden kenntnisreich ausgedeutet werden. Vor allem auch dort, wo dem Licht der Moderne ein Schatten des Persönlichen zur Seite steht. War früher die Architektur im Comic Teil des Settings, so wird der grosse Bilderlieferant der Gegenwart, die Architektur, nun selbst zum Protagonisten. Genau rechtzeitig insofern, da die Architekturgrössen der Moderne, sozusagen die alten weissen Männer am Bau, als schillernde «Stars» des 20. Jahrhunderts allmählich altmodisch erscheinen. Es erscheint logisch, dass sie nun im Comic reanimiert werden, in einer Bildkunst, die ebenfalls das 20. Jahrhundert als eigentliches Zuhause kennt.

  • Agustín Ferrer Casas: «Mies – Mies van der Rohe. Ein visionärer Architekt». Carlsen, 176 Seiten, ca. 32 Franken.
  • Andreas Müller-Weiss: «Der Pavillon – Mord an der Promenade Le Corbusier». Edition Moderne, 72 Seiten, ca. 37 Franken.

Erstellt: 11.10.2019, 13:46 Uhr

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