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«Die meisten Leute sehen keine Zukunft mehr»

Noémi Kiss, zurzeit Writer-in-Residence am Literaturhaus Zürich, über die politische Lage in Ungarn nach den Wahlen.

Frau Kiss, seit 2010 regiert Viktor Orbán mit seiner Fidesz-Partei Ungarn mit einer Zweidrittelmehrheit. Am Sonntag wurde er wiedergewählt. Natürlich ist es total frustrierend, dass Populismus nun wieder belohnt wurde. Aber was mich freut, ist, dass Fidesz trotz der Umgestaltung des Wahlgesetzes, trotz des Umbaus der Wahlbezirke zu eigenen Gunsten und trotz der Steuergeschenke an die Reichen die Opposition nicht völlig unterdrücken konnte. Die Linken haben etwas mehr Stimmen erhalten als die Rechtsradikalen von Jobbik, obwohl sie eine sehr schwache Wahlkampagne gemacht haben. Und die Grünen haben, wider Erwarten, die Fünfprozenthürde genommen! Das ist wirklich mehr als in Ordnung.

Sie haben auch die Grünen gewählt? Allerdings. Und ich bin dafür sogar extra nach Bern gefahren, weil uns Auslandsungarn die Briefwahl verboten war. Ich vermute, dass das damit zu tun hat, dass die Ungarn, die im Westen arbeiten, mehrheitlich Fidesz-Kritiker sind. Nach Bern kamen jedenfalls zahlreiche junge Familien und gaben ihr Votum gegen die Regierung ab. Und ich persönlich halte die Grünen in Ungarn zurzeit für die einzige wählbare Partei. Eine echte demokratische Wende hat in unserem Land immer noch nicht stattgefunden, im Gegenteil: Es finden keine offenen Diskussionen statt; alles ist bloss Macht- oder Parteipolitik. Die Grünen sind die Einzigen, die noch keine korrupte Classe Politique herangezüchtet haben, sondern mit neuen, unverbrauchten Leuten, sogar mit Frauen, etwas bewegen wollen und unbequeme Kritik nicht scheuen. Sie packen die heissen Themen an: Bildungspolitik, Familienpolitik, Demokratisierung – und Europapolitik statt Europa-Bashing.

Ist Fidesz nicht gut gefahren mit dem Europa-Bashing? Die Pflege des Selbstwertgefühls läuft übers populistische Niedermachen Europas: Der Kontinent ist schuld und hat uns geschadet mit seiner Wirtschaftskrise. Damit werden die Älteren, vor allem die Rentner, die Ärmeren und die Leute auf dem Land abgeholt, während die Hauptstadt Budapest eher kritisch wählt. Fidesz verkauft den Mythos vom geknechteten Sklaven, der sich jetzt erhoben hat: Erst waren es die Russen, dann war es die EU, die uns unterdrückt haben. Wir haben ja auch die niedrigsten Löhne und werden von europäischen Firmen ausgebeutet, also sprechen die Leute darauf an. Aber die Kinder der Mittelschicht, der Fidesz-Wähler, gehen nach Westeuropa zum Studieren, weil in Ungarn die Universitäten und das ganze Kultursystem dramatisch heruntergespart wurden.

Die Wahlbeteiligung ist mit rund 58 Prozent tiefer als 2010. Darüber bin ich sehr traurig. Nun haben wir seit kaum zwanzig Jahren eine Art Demokratie, und schon sind die Leute wahlmüde. Andererseits kann ich es verstehen: Die Linken haben weder in Sachfragen noch mit neuen Gesichtern gepunktet. Sie plakatierten die alten aus Zeiten der Krise. Diese oft korrupten Figuren ohne Leistungsausweis will keiner mehr sehen. Die Sozialisten sind so keine richtige Fidesz-Alternative. Die meisten Leute sehen in Ungarn keine Zukunft mehr. Der Aufbruch mündete in eine riesige Enttäuschung und hat nichts mit Demokratie zu tun; es ist eher eine spezielle osteuropäische Art davon. Wir haben bekanntlich eine der niedrigsten Geburtenraten in Europa und die grösste Abwanderung. Die Frauen sind so benachteiligt, dass nur knapp 8 Prozent im Parlament sitzen. Allein im letzten Monat sind in meinem engeren Bekanntenkreis drei Familien ausgewandert – nach England und in die USA. Der Braindrain zehrt das Land aus.

Und zurück bleiben die Orbán-Wähler? Nein, so einfach ist es nicht. Orbán muss im kommenden Zyklus auch moderne, demokratische Bürgerpolitik machen, sonst verliert er seine Wähler: Die Mittelschicht wird ungeduldig. Auch wenn er gern im Fussballdress auftritt: Der schwache ungarische Fussball wird nicht reichen als Marketingstrategie.

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