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«Die Missionarsstellung ist im Alter nicht zu empfehlen»

Der deutsche Sexpapst Oswalt Kolle will es nochmals wissen. Mit 81 Jahren veröffentlicht er einen Liebesratgeber für Leute ab 49. Kann der Aufklärer der 60er-Jahre noch aufrütteln?

Oswalt Kolle wurde in den 60er-Jahren durch seine Aufklärungsfilme berühmt. Wir zeigen auf den nächsten Seiten die Trailer der legendären Streifen.
Oswalt Kolle wurde in den 60er-Jahren durch seine Aufklärungsfilme berühmt. Wir zeigen auf den nächsten Seiten die Trailer der legendären Streifen.
Keystone
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Der Buchdeckel von Oswalt Kolles «So bleibt die Liebe jung. 49+ was? Na dann!» verheisst eigentlich nichts Gutes. Dort steht, Oswalt Kolle sei noch immer der führende Experte in Fragen zur Sexualität. Seine Aktualität habe er in der TV-Sendung «Sexreport 2008» deutlich bewiesen. Klingt etwas nach einem älteren Macho, der vor seinen Freunden im Jassklub prahlt, dass er es seiner Frau immer noch besorgen kann.

Bei der Lektüre der ersten Seiten – die Buchstaben sind schön gross für die älteren Leser – fühlt man sich bestätigt. Es beginnt mit einem Geschichtchen über ein Witwe, die einen netten älteren Herrn kennenlernt. Barbara und Alfred. Die Erotik zwischen den beiden bleibt auf dem Niveau eines Sonntagsspaziergangs. Man droht schon ein wenig einzunicken und dann, bam, auf Seite 18, völlig aus dem Nichts, geht’s plötzlich zur Sache: «Mit seiner Zunge brachte er Barbara zum ersten Mal zum Orgasmus. Sie fürchtete, ohnmächtig zu werden, so wild zuckte es in ihr.» Kolle, der in den 60er- und 70er-Jahren zu den wichtigsten sexuellen Aufklärern im deutschen Sprachraum gehörte, nennt die Dinge immer noch beim Namen.

Nach dem Höhepunkt nichts Bahnbrechendes

Nach dem Höhepunkt auf Seite 18 werden die Lesenden, die etwas über Sex im Alter erfahren möchten, wieder für eine Weile hingehalten. Kolle macht einen Exkurs über Abtreibungsengel, Hitlers Bild von Frauen als Gebärmaschinen oder die Revolution der Pille und es wird einem bewusst, wie alt Oswald Kolle sein muss, wenn er diese Dinge alle selber erlebt hat.

Das Buch reichert Kolle immer wieder mit Beispielen aus seiner Tätigkeit als Sexratgeber an. Von Frauen, die sich zu wenig beachtet fühlen, von Männern mit Erektionsproblemen oder solchen, die mit dem emanzipierten Bild vieler Frauen nicht klarkommen. Das Altbekannte mit den üblichen Tipps dazu. Oswald Kolle verrät auf weiten Strecken nichts Bahnbrechendes über Sex im Alter und scheint sich dessen bewusst zu sein, wenn er schreibt: «Es hilft genauso wenig, wenn man alten Ehepaaren jede Hoffnung und allen Optimismus raubt, als wenn man ihnen sagt, ein Paar könne auch nach langer Ehe noch diese schnuckligen Wonnegefühle haben wie in der Zeit der ersten Verliebtheit.»

Stellungshilfe für ältere Menschen

Konkreter wird es im zweiten Teil des Buches – neben einer Abschweifung über Orgasmus-Tipps, die auch jüngere Leserinnen und Leser interessieren dürfte. Die Missionarsstellung sei für ältere Paare nicht zu empfehlen, besonders nicht für Frauen mit Gelenk- und Muskelschmerzen, da der Rücken in diese Stellung zu sehr belastet werde. Besser sei die stabile Seitenlage. «Übrigens ist diese Haltung auch für den älteren Mann am wenigsten anstrengend und erfordert keine akrobatischen Fähigkeiten.»

Weiter erklärt Kolle Schritt für Schritt das «Stop-and-Go-Trainingsprogramm» für ältere Männer, die zu früh kommen oder sagt, dass das Vaginaltraining nicht nur gut fürs Lustempfinden sei, sondern auch der Inkontinenz bei Frauen entgegenwirke. Am Schluss gibt es noch eine Übersicht über Hormonbehandlungen bei Frauen oder kleine Helferlein wie Penispumpe oder Viagra, wenn der «kleine Krisenstab beharrlich seinen Dienst verweigert». Was jedoch der Werbespot für eine deutsche Kurklinik sowie Kolles Plädoyer für Sterbehilfe am Ende des Liebesratgebers zu suchen hat, ist nicht ganz klar.

Der grosse Sexpapst von einst ist Oswalt Kolle wohl nicht mehr. Die Tabus von Sex im Alter holt er in seinem Buch zwar ab, die grosse Revolution wird er jedoch nicht auslösen. Ist auch ja auch nicht nötig. Sex ist wohl einfach. Auch im Alter - dann halt allenfalls mit ein paar Tricks und Hilfsmitteln.

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