Die mörderischen Opfer

In seinem neuen Buch schreibt der italienische Philosoph Franco «Bifo» Berardi über Attentäter und Amokläufer. Sie sind für ihn «Helden» eines neoliberalen, nihilistischen Zeitalters.

Kreuze für die Menschen, die im Kino von Aurora, Colorado, erschossen wurden (22. Juli 2012). Foto: Alex Brandon (AP, Keystone)

Kreuze für die Menschen, die im Kino von Aurora, Colorado, erschossen wurden (22. Juli 2012). Foto: Alex Brandon (AP, Keystone)

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Sie schossen vor einem Fast-Food-Lokal um sich, liessen 149 Passagiere eines Flugzeugs in den Alpen zerschellen oder überfuhren Dutzende von Menschen mit einem Lastwagen. Sie attackierten Bahnpassagiere mit Axt und Brandbeschleuniger oder zündeten eine Bombe an einem Musikfestival. Wer waren diese Männer, die in den letzten Monaten in Deutschland, Frankreich und auch der Schweiz ­zufällige Passanten attackierten, verletzten und ­töteten? Amokläufer oder schon Terroristen?

In diesem Sommer waren die Zeitungen und Newsportale voll mit Texten, die diese Fragen zu beantworten suchten, voll mit Analysen über solche Täter und die Motive, die sie antreiben. Dass sich prekäre Attentäterpsychen derzeit gern entlang des terroristischen Narrativs radikalisieren, weil das ihnen die grösstmögliche mediale Aufmerksamkeit verspricht – das war eine zentrale ­Erkenntnis dieser Debatte.

Ihr schliesst sich im Prinzip auch Franco «Bifo» Berardi in seinem neuen Buch an. Der linke Philosoph und Medienwissenschaftler aus Bologna schreibt in «Helden» über einige der bekanntesten Amokläufer der letzten 25 Jahre – über Anders Breivik, der auf Utöya tötete, über Eric Harris und Dylan Klebold, die Attentäter an der Columbine High School in Littleton, oder über James Holmes, der in Aurora eine Kinopremiere von «Batman» stürmte. Doch begnügt sich Berardi weder mit den gängigen Erklärungen noch mit der Analyse einzelner Fälle. Er erkennt in dieser Reihe von Tätern zunächst einmal Selbstmörder, also die Hauptfiguren jenes blutigen Medienspektakels, das die Fachleute einen «erweiterten Suizid» nennen.

Unterschätzte Selbstinszenierung

Diese Suizide politisch zu lesen, führe in die Irre, schreibt Berardi. Eine politische oder religiöse Motivation «ist nichts anderes als rhetorische Oberfläche», glaubt auch er. «Der innerste Antrieb eines Selbstmörders ist immer die eigene Verzweiflung, Demütigung und Not.» Es ist sein Verdienst, dass er den Blick für die bekannte, in der tagesaktuellen Diskussion aber oft übersehene Tatsache schärft, dass die meisten dieser Attentäter ihren eigenen Tod fest eingeplant haben: «Harris und Klebold waren im Grunde Leidende, die zu Massenmördern wurden, um selbst getötet und so von der unerträglichen Qual des Lebens erlöst zu werden.»

Was Berardi aber ignoriert: Diese Amokläufer haben nicht nur ihren Tod eingeplant, sondern auch ihren Nachruhm. Es sind nicht nur Not und Verzweiflung, die sie antreiben, sondern auch Narzissmus und Verblendung. Berardi verfällt der Selbstinszenierung der beiden jugendlichen Amokschützen, die sich in ihren Tagebüchern zu Opfern – und Rächern – eines brutalen Schulklimas und einer kranken Gesellschaft fantasierten.

Natürlich distanziert sich Franco Berardi vom Eindruck, den er mit solchen Sätzen erwecken könnte: Es könne nicht darum gehen, die Anschläge zu rechtfertigen. Und doch ist für sein Buch entscheidend, dass er die Attentäter auch als Opfer beschreibt. Er sieht in ihnen extremistische Exemplare jener Hunderttausenden von Menschen, die sich jedes Jahr das Leben nehmen. Gemäss einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren es 2012 weltweit 804'000; Suizid war in jenem Jahr die zweithäufigste Todesursache unter 15- bis 29-Jährigen. Alle diese Toten seien Opfer jener «Fabrik des Unglücks», in die sich die Gesellschaft in der neoliberalen Ära verwandelt habe. Die Amokschützen, so die These, als selbst ernannte Rächer der Geknechteten.

Viele Autoren haben beschrieben, wie sich Attentäter auf ihre Tat vorbereiten. Aber niemandem ist es gelungen, schlüssig zu erklären, warum ein bestimmter junger Mann an einem bestimmten Tag loszieht, um wahllos auf Menschen zu schiessen. Es gibt keinen Nährboden für Amokläufer, aus dem sie in der Logik von Saat und Ernte aufschiessen. Keinen jedenfalls, der grösser ist als eine menschliche Psyche und kleiner als die ganze Welt. Natürlich ist auch der Neoliberalismus ein Teil der Kulisse, aus der heraus diese Taten verübt werden, und womöglich kann er dem einen oder anderen Attentäter als Rechtfertigung herhalten für sein fanatisches Selbstmitleid.

Zahlen sprechen andere Sprache

Doch wäre der Neoliberalismus tatsächlich der Treiber von Suizidwellen und Amokläufen, dann müsste ja wenigstens die Statistik stimmen. Aber die erhältlichen Zahlen sind nicht auf der Seite von Franco Berardi. Innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), also gewissermassen in den neoliberalen Stammlanden, nahmen sich 2005 rund 11,4 von 100'000 Menschen das Leben. 1984, also ziemlich genau zum Beginn der neoliberalen Ära, lag diese Rate bei deutlich höheren 16,0. Die Argumentation dieses Buches krankt damit an zwei entscheidenden Stellen: Sie erbringt keinen Beweis dafür, dass sich die Menschen in einer neoliberalen Wirtschaft eher umbringen.

Und sie bleibt wenig plausibel beim Versuch, die Attentäter der letzten Jahre als «Helden» dieses vom Suizid besessenen, angeblich «nihilistischen Zeitalters» in Szene zu setzen. Dies zeigt sich auch in der Passage, in der Franco «Bifo» Berardi behauptet, Amokläufer wie Eric Harris und Dylan Klebold seien durch gewalttätige, natürlich vom neoliberalen Markt verbreitete Videospiele «de­sensitiviert» worden, als typische Vertreter einer «Generation, die nur noch über einen vernetzten Bildschirm neue Bekanntschaften macht». Auch hier verwechselt er die Akteure: Amokläufer ziehen sich in eine selbst gewählte Einsamkeit zurück, um sich – etwa in der Kulisse eines Videospiels – zu desensitivieren und für die Tat zu trainieren.

So geraten die knapp 280 Seiten des Buches trotz einiger bedenkenswerter Passagen über die prekäre Psychologie des Finanzkapitalismus zum Ärgernis. Es handelt sich letztlich um einen Versuch, aus den Attentaten der letzten Monate und Jahre einen politischen Mehrwert zu schlagen. Doch dem Kampf gegen den Neoliberalismus ist wohl eher schlecht gedient, wenn Massenmörder in ungefährer Art und Weise – ungeachtet der Faktenlage und ungeachtet auch der Amokforschung – zu Opfern des «Systems» ­banalisiert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2016, 18:20 Uhr

Das Buch

Franco «Bifo» Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid. Matthes & Seitz, Berlin 2016. 282 Seiten, ca. 32 Fr.

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