Die neue Biedermeierei

«Kuss» heisst der neue Roman der Journalistin Simone Meier. Sie beschreibt darin ein Paar, das nach aussen Emanzipation demonstriert, nach innen aber lieber kuschelt.

Erzählt von gescheiterten Träumen: Simone Meier.

Erzählt von gescheiterten Träumen: Simone Meier. Bild: André Wurstorf

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Es ist so weit, der Literaturfrühling bricht aus. «Kuss», so heisst der neue Roman von Simone Meier. Im Zentrum steht ein Paar Mitte dreissig. Es darf geschnäbelt werden. Auf dem himmelblauen Cover blüht ein Kirschbaum mit bunten Vöglein. Ein Buch wie gemacht, um ins ­Einkaufskörbchen zu flattern. So poesiealbumhaft geht es nicht weiter.

Es geht um Gerda (32), Grafikerin ohne Job; und um Yann (38), angestellt in einem Thinktank für gehobenes Denken (Didier ­Eribon, Zukunft der EU, Gender-Statistik). Das Paar lebt neuerdings in einem Reihenhäuschen am Stadtrand. Dass Gerda Hausfrau ist, verschweigen die beiden. Passt nicht ins Emanzipationsprogramm.

Was Wildes will heraus

Es passt allerhand nicht. Dass Yann ein Kind will, kapiert Gerda nicht; dass Gerda sich mit dem Dekorieren des Hauses begnügt, weckt in Yann leisen Groll. Gerda ist ziemlich zufrieden mit dem Hausfrauendasein. Simone Meier nicht. Die Autorin hat ihr auf Seite 38 unvermittelt ein «Biest» eingepflanzt. Irgendwas Wildes will aus Gerda heraus.

Wir merken: Die Fassade bröckelt, und bald lesen wir es auch. Die Küchenwand bekommt Risse. Achtung, Metaphorik. Gerda wird im Verlauf des Romans die Tapete von der Wand schlagen und auf den Putz hauen. Am Schluss wird sie mit ihrem Stechmesser das tun, was Sharon ­Stone in «Basic Instinct» mit dem Eispickel vorhatte.

Yann und Gerda gucken gern Fernsehen. Am liebsten Sendungen über Auswanderer, die ihr altes Leben hinwerfen, um ihren Träumen zu folgen – und die am Ende scheitern. So, wie Gerda vergeblich von Alex träumt, scharfer Typ aus reicher Verlegerfamilie und Kollege von Yann. Vergeblich sind auch Yanns kurze Anfälle von Glück und Freiheitsgefühl. Bei einer Berliner Tagung verliebt er sich in Laura (24), Studentin für Game-Design. Am Ende ist er doch lieber bei Gerda daheim.

Emanzipation nach aussen, Kuscheln nach innen. Tagsüber hochgeistige Diskurse, abends am liebsten Proll-Fernsehen, Netflix und Knabberzeugs. Kennt man. Hiess früher mal Cocooning. Simone Meier hat die neue Biedermeierei gut beobachtet und fein beschrieben. Fragt sich nur, inwieweit sie übers Fernsehsendungsbewusstsein ihres jungen Paars hinausgeht.

Meier, Jahrgang 1970, viele Jahre beim «Tages-Anzeiger», arbeitet derzeit beim jungen Nachrichtenportal «Watson». Meiers Spezialität: Sie saugt Popkultur, Mode-Popanz und Medien-Phänomene mit allen Poren ein. Sie hat einen Sinn für die Sinnlichkeit der Oberfläche. Simone Meier ist Expertin für alltagskulturelle Scheinwelten. Sie atmet den Zeitgeist ein und in ihren Beiträgen aus.

Unterhaltsamer Sittenspiegel

Auch in diesem Roman fliesst der überwiegende Teil ihrer Schreibenergie in Lifestyle-Phänomene, in Konsumhaltungen, Produktwahl, Büroklatsch, TV. Ihr Sittenspiegel aus dem Kreativmilieu hat Unterhaltungswert. Es gibt einen Kuss zwischen Gerda und Alex – eher ein Betriebsunfall, absichtlich verursacht von Gerda. Was bleibt, ist ihr Begehren nach Alex.

Es gibt einen Kuss zwischen Yann und Laura – eher eine Liebelei nebenbei. Was bleibt, ist seine Erinnerung an das Mädchen. Die Kussszenen wirken schamhaft scheu, versteckt hinter cooler Selbstironie. Gut zu lesen, deutungsoffen.

Es gibt auch einiges Geküsse zwischen Gerda und Yann. Per Mail. Im Grunde orientiert sich ihre moderne Beziehung am alten Geschäftsmodell: «Er gab ihr Haus und Geld, sie gab ihm ein Heim und sexuelle Gratifikation.»

Das klingt stark nach vorletztem Jahrhundert. Warum hat sich eine selbstbewusste Frau wie Gerda überhaupt auf die ätzende Tauschbeziehung mit Yann eingelassen? Wir erfahren es nicht. Vermutung: Gerda ist ein «Watson»-Gezücht. Sie kennt keinen Schmerz.

Die Tragödie der Leidenschaften hält sich in Grenzen. Es sind dies die Grenzen der Kreativindustrie. 

Am meisten Mumm hat Valerie, die Nachbarin von Gerda und Yann. Journalistin, kaum älter als die Journalistin Meier. Alt genug, um den Betrieb gnadenlos zu durchschauen, aber zu jung für «das Gnadenbrot der Frühpensionierung». Prima Position für Kritik. Valerie kann erstklassig hassen. Liest man gern.

Valerie hat verschiedene Verhältnisse: ein zwiespältiges zu ihrem erschlaffenden Körper; ein beginnendes Verhältnis mit einem jüngeren Gastronomen und ein freundschaftliches zum alternden Schauspieler F. Wie Valerie erwarb sich Meier Meriten als Theaterkritikerin. Bei Valerie läuft sie zur Hochform auf.

Auch Yann läuft. Er läuft Valerie hinterher. Wenn sich die Ereignisse schlussendlich zuspitzen, dann läuft auch Gerda los. Mit ihrem frisch geschliffenen Stechbeitel läuft sie los, ihrem Yann hinterher, der hinüber zur Nachbarin Valerie gelaufen ist, um ... Gerda kann jedenfalls beobachten, wie drüben am Fenster zwei Schatten verschmelzen «zu einem einzigen schwarzen Dolch im Schnee».

Ein Küsslein für Zwischendurch

Darauf muss man erst mal kommen. Gerda hat keinen Dolch. Aber ihr Stechmesser. Das ominöse «Biest» in Gerda, längst vergessen, springt los. Warum? Damit diese harmlose Seitensprung-Story wenigstens ein böses Ende findet.

Simone Meiers Roman ist nicht gerade eine Mind Bomb. Die Tragödie der Leidenschaften hält sich in Grenzen. Es sind dies die Grenzen der Kreativindustrie. «Kuss» ist ein Buch für den kleinen Liebeshunger zwischendurch. Ein Küsslein. Muss es auch geben.

Erstellt: 07.02.2019, 10:37 Uhr

«Kuss»



«Kuss», Roman. Kein & Aber, Zürich 2019. 256 S., ca. 30 Fr.

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