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«Die Preise konzentrieren sich auf einen kleinen Kreis von Leuten»

Scharfe Kritik am Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb kommt auf, Dichter und Verleger rügen «Überförderung» von Autoren wie Nora Gomringer.

Ein Schweizer Beispiel: Die vielfach prämierte und sehr erfolgreiche Sängerin Sophie Hunger. (Aufnahme vom Gurtenfestival 2011)
Ein Schweizer Beispiel: Die vielfach prämierte und sehr erfolgreiche Sängerin Sophie Hunger. (Aufnahme vom Gurtenfestival 2011)
Keystone
2010 gewann Hunger den Swiss Award in der Kategorie Show in Zürich. (8. Januar 2010)
2010 gewann Hunger den Swiss Award in der Kategorie Show in Zürich. (8. Januar 2010)
Keystone
«...pumpte ich mir, ein Schriftsteller ohne Geld, in Neuenburgein Haus zusammen»: Friedrich Dürrenmatt gibt ein Beispiel eines Künstlers, der erst ignoriert wurde und darbte, danach aber mit Preisen und auch Geld überhäuft wurde.
«...pumpte ich mir, ein Schriftsteller ohne Geld, in Neuenburgein Haus zusammen»: Friedrich Dürrenmatt gibt ein Beispiel eines Künstlers, der erst ignoriert wurde und darbte, danach aber mit Preisen und auch Geld überhäuft wurde.
Keystone
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«Juhuu», jubelt Nora Gomringer ganz oben auf ihrer Internetseite. «Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik der Stadt Cuxhaven.» Gleich darunter ein Eintrag aus dem vergangenen Jahr: «Juhu! Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache!» Die 32 Jahre alte Dichterin, Tochter von Eugen Gomringer, des «Vaters der konkreten Poesie», hatte schon oft Grund zu jubeln: Binnen weniger Jahre heimste sie rund 20 Lyrikauszeichnungen und Stipendien ein - mit dem mit 15.000 Euro dotierten Ringelnatz-Preis kommt am Samstag ein weiterer dazu.

Häufung von Preisen

In der Lyrik-Szene regt sich allerdings Widerstand gegen diese Häufung von Preisen: Dichter und Lyrik-Herausgeber wie Anton G. Leitner, Axel Kutsch und Ralf Liebe beklagen eine einseitige «Überförderung» einiger weniger Autoren, die der Gattung Lyrik letztlich wenig nütze. Sie machen sich daher dafür stark, die Vergabe öffentlicher Preisgelder in Deutschland neu zu ordnen.

Gomringer sei ein Beispiel dafür, dass Juroren gerne immer dieselben Autoren auswählen, sagt Leitner, Herausgeber der Zeitschrift «Das Gedicht» und selbst Lyriker. «Die Preise konzentrieren sich auf einen kleinen Kreis von Leuten, die immer wieder ausgezeichnet werden.» Die Jurys machten es sich einfach, wollten kein Risiko eingehen. «Sie denken sich: Da habe ich einen, der hat schon den und den Preis gekriegt, da kann ich nichts falsch machen.»

Akademisch geprägte Lyrik

Gomringer, seit zwei Jahren Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, ist laut Leitner zwar eine «solide junge Lyrikerin mit einer starken Bühnenpräsenz». Besondere Verdienste um die Lyrik, die eine Multiförderung erklären würden, kann Leitner bei ihr aber nicht erkennen. Ihr bisheriges Werk sei schmal, wenn nicht gar dünn.

Es gebe Dutzende mindestens genauso begabter Autoren. Ein Dichter wie beispielsweise der Slam-Poet Bas Böttcher, der wesentlich mehr für die Lyrik leiste als Gomringer, ziehe nahezu ohne Auszeichnung durchs Land, «weil er die Kontakte nicht so pflegt».

Im Gegensatz zu anderen multigeförderten Lyrikern verfüge Gomringer wenigstens noch über Unterhaltungspotenzial, sagt Leitner. Die meisten preisgekrönten Dichter der jüngeren Generation - zum Beispiel Ulrike Almut, Ron Winkler und Daniela Seel - stünden für eine akademisch geprägte Lyrik, die sich dem Leser kaum erschliesse.

«Absurdes Theater»

Der Lyrik-Herausgeber und Dichter Axel Kutsch machte kürzlich in einem Internetkommentar seinem Unmut über den «hohlen» Literaturbetrieb Luft: «Es erinnert fast schon an absurdes Theater, wenn eine mittelmässige jüngere Poetin mit guten Beziehungen in diesem ach so menschelnden Betrieb innerhalb kurzer Zeit ein Dutzend Preise und Stipendien einheimst», schimpfte er.

Offenbar drehe sich heutzutage das Preiskarussell immer schneller, sobald ein Autor einmal mit einer nennenswerten literarischen Auszeichnung bedacht worden sei. «Und mitunter läuft es wohl auch wie geschmiert, wenn die eine oder andere gute Beziehung vorhanden ist», fügte Kutsch hinzu.

Forderung nach intelligenter Preisvergabe

Der Verleger Ralf Liebe sieht gar «ein Stück weit mafiöse Strukturen». Auch er kritisiert, dass Auszeichnungen überwiegend an Dichter vergeben werden, die schon Preise bekommen haben. «Nach dem Motto: Dann machen wir wenigstens nichts falsch.» Einigen Autoren ermöglichten die Auszeichnungen, ein paar Jahre lang gut durchs Leben zu kommen. Eine echte Kulturförderung sei das aber nicht.

Ralf Liebe schätzt zwar Gomringers Texte. Ein Alleinstellungsmerkmal, das die vielen Preise für die 32-Jährige rechtfertigen würde, sieht der Chef des nach ihm benannten Verlags dennoch nicht. «So eine strahlende Lichtgestalt ist sie nicht.»

Der Verleger fragt sich angesichts der Überförderung einiger weniger Dichter, «ob man diese Preise nicht intelligenter vergeben könnte». Sinnvoll wäre seiner Meinung nach, Auszeichnungen dafür zu verwenden, Lyrik zu verbreiten, Gedichte mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen. Auch Leitner plädiert dafür, nicht nur Autoren, sondern auch Verleger, Lyrik-Vermittler, Herausgeber von Sammelwerken, besonders engagierte Buchhändler oder Veranstalter zu fördern. «Dabei käme mehr für die Gattung heraus.»

(dapd)

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