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Die Privatdetektivin, die niemandem traut

Krimi der Woche: Wer der Böse ist und wer der Gute, lässt sich in «Family Business» von Lisa Sandlin nicht so einfach sagen.

Lisa Sandlin erzählt hart, aber auch mit trockenem Humor.
Lisa Sandlin erzählt hart, aber auch mit trockenem Humor.
PD

Der erste Satz

Sobald die Polizei das Büro freigegeben hatte, beförderte Phelan das gelbe Absperrband in den Müll und beauftragte eine Reinigungsfirma damit, mit einem Dampfstrahler das Blut vom Holzboden zu entfernen und den Fleck abzuschleifen.

Das Buch

Delpha Wade ist zurück. Vor drei Jahren haben wir diese junge Frau im Roman «Ein Job für Delpha» kennen gelernt. Auch in der Fortsetzung, die jetzt unter dem Titel «Family Business» auf Deutsch erschienen ist, versucht sie immer noch, Tritt zu fassen im «normalen» Leben. Die 32-Jährige ist erst vor kurzem nach 14 Jahren im Gefängnis auf Bewährung entlassen worden – sie hatte den Mann umgebracht, der sie vergewaltigt hatte. «Sie war jetzt in Freiheit, auch wenn sie sich das immer wieder in Erinnerung rufen musste.»

Bei Privatdetektiv Tom Phelan in der texanischen Stadt Beaumont bekam Delpha einen Job als Sekretärin. Das hiess damals noch so: Wir sind im Jahr 1973, in Washington laufen die Anhörungen zum Watergate-Skandal, Präsident Nixon ist aber immer noch im Amt. Doch Delpha Wade ist für Phelan schnell nicht mehr nur die Büroangestellte. Dass ihm die ein paar Jahre ältere Frau gefällt, ist da nur nebenbei ein Thema. Vor allem hütet sie nicht nur das Telefon und holt Kaffee, sondern arbeitet aktiv und ideenreich mit bei den Ermittlungen. Und sie ist die Hauptfigur des Romans.

Ein alter Mann beauftragt die Detektei, seinen Bruder zu suchen, der sich unter einem unbekannten Namen in der Gegend niedergelassen haben soll. Durch Nachforschungen in Archiven – wir sind noch weit von der digitalen Zeit entfernt – findet Delpha heraus, dass auch der Auftraggeber einen falschen Namen benützt. Was für ein Spiel spielt der Mann? Wieso versteckt sich sein Bruder? «Rechnen Sie nicht damit, dass der eine der Gute ist und der andere der Böse», warnt Phelan Delpha. «Hier gehts um Familienstreitigkeiten.»

Lisa Sandlin erzählt hart, aber auch mit trockenem Humor. Der Roman steht damit ganz in der Tradition des klassischen, «hardboiled» Privatdetektivromans, wie man ihn seit den Klassikern von Dashiell Hammett und Raymond Chandler kennt. Diese lange Zeit beliebte Spielart der Kriminalliteratur ist in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen, doch Lisa Sandlin zeigt überzeugend, dass sie auch heute noch bestens funktioniert.

Jedenfalls wenn man eine so interessante Protagonistin wie Delpha zu bieten hat. Eine, die neugierig ist auf das Leben, das sie bisher weitgehend verpasst hat. Und die sich weiterentwickeln will, «auf ein Ziel zu, das anderen vielleicht nichts bedeutete, aber einem selbst». Dabei hat sie noch einen weiten Weg vor sich. «Ich trau niemandem», sagt sie einmal zu Phelan, der sich zuweilen fast schon rührend um sie kümmert, «nehmen Sies mir nicht übel.»

Die Wertung

Die Autorin

Lisa Sandlin, geboren 1951 in Beaumont, Texas, lebte zunächst in Santa Fe, New Mexico, wo sie einen Sohn grosszog. Danach unterrichtete sie während vieler Jahre im Writer’s Workshop der University of Nebraska in Omaha kreatives Schreiben. Seit den 1990er-Jahren hat sie mehrere Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Shortstory «Phelan’s First Case» wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und 2013 in die renommierte Anthologie «USA Noir: Best of the Akashic Noir Series» aufgenommen.

Ihr erster Roman «The Do-Right» (Deutsch: «Ein Job für Delpha», 2017), der 2015 erschien, nahm die Figuren aus dieser Story auf. Der Roman wurde mit zwei wichtigen amerikanischen Krimipreisen, dem Hammett Prize und dem Shamus Award, ausgezeichnet. Der Nachfolgeroman «The Bird Boys», der jetzt auf Deutsch («Family Business») erschienen ist, war für den renommierten Edgar Allan Poe Award nominiert und stand auf der Liste der zehn besten Krimis des Jahres 2019 der Kritikerin Marilyn Stasio in der «New York Times». Lisa Sandlin lebt und arbeitet in Santa Fe, New Mexico.

Lisa Sandlin: «Family Business» (Original: «The Bird Boys», Cinco Puntos Press, El Paso 2019). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Suhrkamp, Berlin 2020. 357 S., ca. 15 Fr.
Lisa Sandlin: «Family Business» (Original: «The Bird Boys», Cinco Puntos Press, El Paso 2019). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf. Suhrkamp, Berlin 2020. 357 S., ca. 15 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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