Die russische Rebellin

Nadja Tolokonnikowa, einst Aktivistin der Punkband Pussy Riot, hat eine «Anleitung für eine Revolution» verfasst.

Das berühmte Protestvideo: Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, 21. Februar 2012.


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Manchmal erregt sie der Kampf gegen Wladimir Putin: «Ich laufe zusammen mit meinen besten Freunden am Kopf der Demonstration und bin vor lauter Begeisterung kurz davor zu kommen.»

Ganz im Sinne des Psychoanalytikers und Sexualforschers Wilhelm Reich gehören politische Emanzipation und sexuelle Befreiung für Nadja Tolokonnikowa zusammen. Die Aktivistin ist überzeugt davon, dass «die feministische Peitsche Russland guttut»! Dies heisst für sie auch, dass die Heterosexualität nicht natürlich gegeben, sondern von der patriarchalisch geprägten Gesellschaft aufgezwungen ist: «Die lebenslange Festlegung der sexuellen Orientierung ist völliger Schwachsinn. Das Geschlecht ist für mich nicht ausschlaggebend. Wer mir gefällt, ist automatisch meine Orientierung. Nicht umgekehrt.» Das kann ein Mann, eine Frau – oder sogar ein Polizist sein, wie es in einem Lied unzweideutig heisst: «Dehn deine Muskeln an Armen und Beinen, der Bulle leckt dich zwischen den Beinen.»

Die attraktive Sängerin der Punkband Pussy Riot erteilt in ihrem ersten Buch «Anleitung für eine Revolution» Ratschläge nicht für ein gutes, aber für ein politisch engagiertes Leben in einem Land, das der individuellen Entfaltung und Verwirklichung nur sehr wenig Spielraum lässt. Sie will die Russen anstacheln zum Aufstand gegen die entmündigende Politik von Präsident Wladimir Putin. Am Schluss des 200-Punkte-Programms zieht sie ein Fazit: «Willst du etwas verändern, dann beweg dich. Warte nicht, bis man es dir auf dem Silber­tablett serviert. Hier wird nichts serviert. Bei uns ist Selbstbedienung.»

Gulag nach Stalin

Nadja Tolokonnikowa, 1989 im Norilsk in Sibirien geboren, studierte in Moskau Philosophie. Als sie merkte, dass sie mit Gesprächen – vor allem mit Politikern – weniger erreicht als mit künstlerischen Aktionen, gründet sie im Oktober 2011 die Punkband Pussy Riot. Die Frauen treten mit knallbunten Gesichtsmasken an Strassenecken und in U-Bahn-Stationen auf, stets mit dem gleichen Thema: Putin und seine fast uneingeschränkte Macht. Diese Aktionen findet man auf Youtube – ebenso wie jene der Woina-Gruppe, die auch öffentlichen Sex als «Fick-Protest» gegen den Putin-Mann Dmitri Medwedew einschliessen (mit einer hochschwangeren Tolokonnikowa).

Am meisten Aufsehen allerdings erregte der Gerichtsprozess, der auf ein Punkgebet vom 21. Feb­ruar 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau folgte, bei dem Pussy Riot lautstark die enge Verflechtung von Kirche und Staat kritisierte. Der Auftritt galt genauso dem russischen Patriarchen Kyrill I., mit dem sich der Papst kürzlich zur Versöhnung getroffen hat, wie Putin selbst.

Nadja Tolokonnikowa, die Weltbühne des Gerichtsprozesses für eine Verteidigung der Freiheit nutzend, wird – wie zwei weitere Mitstreiterinnen – zu zwei Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Am eindringlichsten und eindrücklichsten sind die Passagen, in denen die junge Mutter einer Tochter von ihren Erlebnissen in Mordwinien berichtet, von den Schikanen der Aufseherinnen und ihrem Hungerstreik gegen die harten Arbeitsbedingungen. Dies alles belege, dass der «Gulag nicht mit Stalin geendet hat». Vielmehr gebe es eine Kontinuität der Lagerbedingungen, die von Alexander Solschenizyn bis Warlam Schalamow beschrieben wurden. Doch das Ziel, den Willen der damals 23-jährigen Frau zu brechen, wurde durch die Gefangenschaft nicht erreicht. Kaum begnadigt, gründet Nadja Tolokonnikowa im Dezember 2013 die Organisation Sona Prawa (Rechtszone), die sich für die Abschaffung des verkommenen Strafvollzugssystems in Russland einsetzt.

Von Montaigne bis Foucault

Dabei bezieht sich die studierte Philosophin auf Gilles Deleuze und Félix Guattari («Kapitalismus und Schizophrenie») und auf Michel Foucault («Überwachen und Strafen»), den sie auch zitiert: «In der düstersten Region des Politischen bildet der Verurteilte die Gegengestalt des Königs.» Und gegen die Selbstherrlichkeit des russischen Patriarchen führt sie Michel de Montaigne ins Feld: «Jene Leute schätzen den Wert ihrer religiösen Spekulationen wohl allzu hoch ein, wenn sie um derentwillen einen Menschen bei lebendigem Leibe verbrennen lassen!» Es wäre in der Macht Kyrills I. gestanden, sich für die Einstellung des Prozesses gegen die Künstlerinnen einzusetzen. So führte er eine Tradition weiter, von der man annehmen durfte, dass sie der Vergangenheit angehört. Vor lauter Kritik an den islamischen Staaten geht vergessen, dass Russlands Umgang mit politischen Gegnern, wie jüngst mit Boris Nemzow, alles andere als zivilisiert und aufgeklärt ist.

«Es mag den Anschein haben, dass die Menschen euch nicht folgen, doch insgeheim glauben sie euch, wissen sie, dass ihr die Wahrheit sagt oder, mehr noch, dass ihr für die Wahrheit steht.» Auch wenn man die Worte des Philosophen Slavoj Zizek an die Adresse Nadja Tolokonnikowas unterschreiben würde, bleibt nach der Lektüre des Buchs ein zwiespältiger Eindruck zurück: Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit der Russen autokratische Herrschaften bevorzugt, irritiert die Fixierung Tolokonnikowas auf ­Putin.

Das Leben als Plot

So wird die politische Komplexität des russischen Systems nicht erfasst. Hinzu kommt, dass die 200 Punkte der «Anleitung für eine Revolution» wenig systematisch sind, erschwert die Lektüre – eine Lektüre, die kaum Persönliches von der Frau preisgibt, die in der Höhle des sibirischen Löwen war und dort Schreckliches erlebt hat. «Lies keine Nachrichten, mach sie», heisst es etwa an einer Stelle lapidar und an einer anderen noch plakativer: «Empowering people».

Und dann empfiehlt die Aktivistin, deren Unerschrockenheit und Mut grossen Respekt verdienen, ein Lebensmotto, das zu ihrer neuen Lebenswelt passt: «Lebe so, dass dein Leben ein Filmplot werden könnte.» Nadja Tolokonnikowa lebt zurzeit in Los Angeles, wo sie mit dem Produzenten Ricky Reed eine Platte aufnimmt. «Straight Outta Vagina» soll sie heissen.

Erstellt: 26.02.2016, 12:03 Uhr

Nadja Tolokonnikowa (*1989), hier an einer Veranstaltung von Cinema for Peace in Berlin. (9. Februar 2015) (Bild: Keystone )

Nadja Tolokonnikowa: Anleitung für eine Revolution
Aus dem Russischen von Friederike Meltendorf und Jennie Seitz. Hanser, Berlin 2016. 220 S., ca. 27 Fr.

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