Die Schawinski-Methode

Roger Schawinski veröffentlicht ein Buch über Narzissten. Darin bedient er sich bei Wikipedia und einigen Zeitungsartikeln – ohne Quellenangabe.

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«Was heisst allgemeines Wissen? Wikipedia?» Roger Schawinski zeigte sich angriffig. Wie so oft. Gast in seiner TV-Sendung war 2013 die FDP-Nationalrätin Doris Fiala, in deren Nachdiplomarbeit man Passagen aus Wikipedia gefunden hatte. Ohne Quellenangaben. Gegenüber Schawinski sprach Fiala von «allgemeinem Wissen», das «nicht zwingend» nachgewiesen werden müsse. «Wikipedia gilt übrigens in akademischen Kreisen nicht als verlässliche Quelle», konterte Schawinski. Als Verfasser einer Dissertation wisse er, wovon er spreche. «Dort muss man alles richtig zitieren.»

Seit heute gibt es ein neues Buch von Schawinski mit dem Titel «Ich bin der Allergrösste. Warum Narzissten scheitern». Darin stolpert man über sperrige Formulierungen, etwa im zweiten Kapitel, worin zentrale Begriffe für die Frage definiert werden, die Schawinski in seinem jüngsten Buch klären will. Seltsam fremd klingt etwa der Absatz zur «Hybris». Damit sei eine «Form der Selbstüberschätzung» gemeint, schreibt Schawinski, man verbinde damit «häufig den Realitätsverlust einer Person», «die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen». Bereits in den griechischen Tragödien werde die «Hybris als Auslöser für das Scheitern vieler Protagonisten» erkennbar.

Knarrende Begriffe

«Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen», «Hybris als Auslöser für das Scheitern vieler Protagonisten»: Dieser knarrende Nominalstil, mit dem hier Begriffe aneinandergereiht werden, klingt so gar nicht nach Schawinski, sondern vielmehr nach Wikipedia. Tatsächlich finden sich die hier zitierten Wendungen im Internetlexikon – ohne dass dies in Schawinskis Buch ausgewiesen wird.

Die Absätze zur Hybris sind nicht die einzigen Passagen, in denen offenbar auf Vorhandenes zurückgegriffen wurde. Auch weitere Formulierungen finden sich auf Wikipedia, etwa jene zu Alice Miller (vgl. unten). Manchmal scheinen auch Wendungen aus Publikationen von Dritten zu stammen, etwa aus einem «Spiegel»-Artikel von 2009, für den man Gerhard Dammann, Direktor der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen, zum Thema Narzissmus befragt hat. Bei Schawinski gibt es keinen Nachweis dieses Artikels. Dafür ein Hinweis auf ein Buch von Dammann, das 2007 erschien. Hat Schawinski sich bei Kollegen bedient, um sich Arbeit zu sparen?

Wir legen dem Autor unsere Befunde vor. Schawinski reagiert prompt: Es handle sich bei seinem Buch «nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, nicht um eine Dissertation». Im theoretischen Teil stütze er sich «auf verschiedene öffentlich verfügbare Quellen, um dem Leser eine Zusammenfassung des Themas zu liefern». Da er selbst «klar deklariert habe», dass er über «kein vertieftes Fachwissen» in Sachen Psychologie verfüge, habe er es «im Rahmen dieses Buches nicht für nötig gefunden, solche allgemeine Aussagen jeweils mit der Quellenangabe Wikipedia aufzuführen. Für den Leser ist aus dem Kontext klar ersichtlich, dass ich mich auf solche Quellen stütze und in diesem Punkt nicht eigene Recherchen vorlege.» In der Passage zu Dammann zitiere er aus dessen Buch. «Damit gehe ich auf die eigentliche Quelle zurück. Das ist das Wesentliche. Die Dammann-Zitate sind also klar als solche identifiziert.»

Wissen von Dritten

In Schawinskis Buch gibt es tatsächlich die Information, dass er «Journalist ohne vertiefte psychologische Vorkenntnisse» sei. Daher «wählte ich das mir vertraute Vorgehen, wenn ich mich mit einem neuen Fachgebiet beschäftige», heisst es im Buch. Der «Weg zur Erkenntnis» sei dabei «derjenige unserer fernen Vorfahren, die als Jäger und Sammler unterwegs waren. Oder, um es etwas weniger freundlich zu formulieren, als konsequent handelnde Parasiten, die in möglichst effizienter Weise langjähriges und detailliertes Experten- und Insiderwissen von Dritten absaugen.»

Jagen, sammeln, absaugen: Nicht nur im Theorieteil, auch in den Porträts von Prominenten, mit denen Schawinski die Frage klären will, warum Narzissten scheitern, gibt es Formulierungen, die auch anderswo zu finden sind. Etwa im Porträt von Sepp Blatter, den Schawinski wiederholt persönlich getroffen hat – wie andere Prominente, die er in seinem Buch porträtiert. Aber auch den einstigen Blatter-Mentor Horst Dassler? Dieser wird bei Schawinski als der «Erfinder moderner Sportkorruption» vorgestellt: «Mitte der 80er-Jahre» habe Dassler «die Briefkastenfirma ISL» gegründet. In dieser Zeit «reisten Männer mit schweren Geldkoffern rund um die Welt». Diese Formulierungen finden sich auch in einem Artikel der «Zeit», der 2014 unter dem Titel «Die Erfinder der modernen Sportkorruption» erschienen ist – ohne dass ihn Schawinski in seinem Buch als Quelle angibt.

Einen Tag nach unserer ersten Anfrage schickt Roger Schawinski ein weiteres Statement: «Die von mir angewandte Methode, bei der man sich auf schriftliche Quellen oder auf Internetquellen stützt, ohne sie immer explizit auszuweisen, ist nicht nur für journalistische, sondern sogar für geschichtliche Werke üblich, die für ein grosses Publikum geschrieben sind.»

Schawinskis «Methode» könnte also erklären, warum man wiederholt auf Seiten von «Spiegel online» und anderen Medien landet, wenn man Formulierungen aus seinem Buch googelt. Im Kapitel über Franz Beckenbauer heisst es etwa, der «geheime Fussballenthusiast» Martin Heidegger «soll ihn mit der ‹Unversehrtheit des Seins› assoziiert haben». Das findet sich genauso auch in einem NZZ-Artikel des Stanford-Professors und Sport-Aficionados Hans Ulrich Gumbrecht. Mit einer Ausnahme: Im Heidegger-Zitat von Gumbrecht ist von «Unversehrbarkeit» die Rede. Und nicht von «Unversehrtheit», wie bei Roger Schawinski.

Roger Schawinski: Ich bin der Allergrösste. Warum Narzissten scheitern. Kein & Aber, Zürich 2016, 219 S., ca. 24 Fr.

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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2016, 06:06 Uhr

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