Die Schreibmaschine war sein Ferrari

Sein erster, aber erst jetzt veröffentlichter Roman «Lokalbericht» zeigt Hermann Burger bereits auf der Höhe seines Könnens. Eine kleine literarische Sensation.

Hermann Burger im Sommer 1970 an seiner Hermes Media 3 – in Calascino, hoch über dem Lago Maggiore. Foto: Anne Marie Carrel

Hermann Burger im Sommer 1970 an seiner Hermes Media 3 – in Calascino, hoch über dem Lago Maggiore. Foto: Anne Marie Carrel

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Er war ein Zauberer, kein Zauderer, ein Illusionist, kein Minimalist – kurz: einer, der alles auf eine Karte setzte. «Scribo ergo sum», ich schreibe, also bin ich – diesem Motto hat Hermann Burger sein ganzes Leben untergeordnet. Nach dem Erscheinen der achtbändigen Werkausgabe 2014 liegt bereits ein weiteres Buch von ihm vor: Es ist der unfertig und unveröffentlicht gebliebene erste Roman «Lokalbericht», der unter der Leitung von Simon Zumsteg nach langjähriger Editionsarbeit erschienen ist. Wir begegnen darin einem Schriftsteller, der bereits 1970 – hoch über dem Lago Maggiore an seiner Hermes Media 3 sitzend – sein ganzes Können ausbreitet, der mit Wörtern und Sätzen wie ein Zirkusartist jongliert. Es ist ein ­Genuss, einen Autor zu lesen, der mit Sprache so virtuos und souverän umzugehen weiss wie Hermann Burger.

Keine Scheu vor grossen Namen

Die Hauptfigur, Doktorand im Fach Germanistik und Hilfslehrer für Deutsch, möchte Schriftsteller werden. Wie schon sein Name Günter Frischknecht zeigt, arbeitet er sich an zwei Schriftstellern ab: an Günter Grass und an Max Frisch. Die «Blechtrommel» hat 1959 mächtig eingeschlagen, auch an «Stiller» (1954) gibt es kein Vorbeikommen, wenngleich aus dem berühmten ersten Satz «Ich bin nicht Stiller» ein «Ich bin nicht Schiller» wird – womit Burger deutlich macht, dass jede Bezugnahme mehrdeutig ist und vielstimmig dazu.

Überhaupt zeigt der junge Akademiker, in dem man die Züge des Autors erkennt, keine Scheu vor grossen Namen. Ausgestattet mit Talent und Humor, spürt er, dass er es weit bringen wird. Nicht so wie einer seiner Lehrer, der «seine schlummernden Talente zinsfrei anlegt». Er weiss um die «Faust der Interpretation», die Kritiker wie Felix Neidthammer im Sack machen, wenn sie ein Debüt als «Frühgeburt» abtun. Er ist aber auch nicht so naiv, in «das offene Messer des Lobes» zu laufen.

Um sich als Schriftsteller, der genau beobachten kann, zu bewähren, braucht er ein Objekt der Liebe – und des Hasses. Und dieses ist, wie häufig bei Schweizer Autoren, ihr Land oder ihr Heimatort. Frischknecht, «dessen Name viel frischer tönt als sein Teint aussieht» und mit dem Frauen «zwar nicht ausgehen, aber in sich gehen» möchten, knöpft sich seine Geburtsstadt Aarau vor. Als ob Burger für seinen Roman «Schilten», mit dem er den Durchbruch schaffte, geübt hätte, fackelt er sein rhetorisches Feuerwerk ohne Rücksicht auf Verluste ab: «Aarau, im Frühmittelalter von den Kyburgern gegründet und seither leider nie mehr gänzlich zerstört. Butzenscheibenfreundlich und kulturgesinnt, schildbürgerreich und militärverrückt, nicht spiessig, nein, nicht einmal dies, aber spassig, voller Baugruben, in die es selbst hineinfällt, mit der Zeit gehend und folglich immer veraltet, Geburtsstätte von Dichtern und Henkern.»

So wie sich nach der Veröffentlichung von «Schilten» die Schiltwalder über die Darstellung beschwerten, so dürften sich auch die Aarauer beschweren über diese Zeilen. Doch schon beim frühen Burger ist die Zu- und Überspitzung ein Prinzip, das seiner Poetik zugrunde liegt: Auch wenn seine Kreativität aus dem Realen schöpft, so erschöpft sie sich nicht darin – die Sprache findet erst im Imaginären und Überhöhten zu sich selbst. Der Autor spricht von der «Technik der schleifenden Schnitte zwischen Realem und Irrealem». Die Aussage des Protagonisten, Aarau sei eine «danebengeratene Stadt», kontrastiert Burger viele Jahre später mit dem Bekenntnis: «Weil ich hier zur Welt kam, ist und bleibt Aarau für mich im höheren Sinne eine ‹Weltstadt›, mondialer als Paris, London und Rom . . . und da sage einer, etwa Paul Nizon, es sei keine Weltstadt.»

Das Material zur Fiktion

Der «Lokalbericht», dessen geplanter dritter Teil nicht fertiggestellt wurde, ist reich an faszinierenden Formulierungen und packenden Metaphern. In diesem Rohdiamanten beschreibt Hermann Burger etwa «entgleiste Kantonsschüler, die sich an der Sonne des Zynismus von den Strapazen der Konsumgesellschaft erholen», oder eine «höhere Tochter, die sich aus purem Trotz gegen die Wegwerfgesellschaft selber wegwerfen möchte». Und während der Icherzähler auf dem Rummelplatz «den Taucherschock auf der Achterbahn, wenn ich hoch oben plötzlich in ein Schienental stürzte», kostete, waschen die Studenten in der Bibliothek «ihre Fussnoten in Unschuld».

In Aarau, wo Hermann Burger 1942 geboren wurde, gibt es zu diesem mit viel Realien angereicherten Roman nun zwei Ausstellungen: Im ­Forum Schlossplatz geht es um das Leben und das Werk des Schriftstellers. Eine seiner Schreibmaschinen trägt nicht nur die Farbe eines seiner späteren Ferrari, sie wird auch genauso beschrieben. «Feuerwehrrot und zum Streicheln seiner hochstilisierten Karosserie verlockend, steht das Sportcabriolet vor mir, sprungbereit», zitiert das Schild neben dem Schreibgerät den Roman. Die eine Maschine hat ihm dann auch den Erwerb der anderen ermöglicht: Konnte er sich 1968 bloss einen gebrauchten VW für 3800 Franken leisten, so hat ihn seine schriftstellerische Karriere zwanzig Jahre später in den Stand versetzt, einen roten Ferrari für 112 000 Franken zu erwerben – wie die beiden Kaufverträge belegen, die in der Schau ausliegen.

Inhaltlich und formal gelungen ist auch die Ausstellung im Stadtmuseum Aarau. Sie versammelt Materialien, die als Inspirationsquelle für den «Lokalbericht» dienten: grossformatige Zeitungsseiten aus dem Lokalteil des «Aargauer Tagblatts», in dem der Schriftsteller und Journalist immer wieder fündig wurde, historische Kostüme und Fotografien des Maienzuges, den Hermann Burger von Lenzburg nach Aarau verlegt und meist als «Jugendfest» bezeichnet, und schliesslich die alternative Ateliergemeinschaft Ziegelrain («Pophalde»), die in der Zeit nach 1968 gegen den am Fest zelebrierten Militarismus protestierte – mit Aktionen, die schweizweit auf Echo stiessen.

Die beiden Ausstellungen erlauben es, einen Abgleich zwischen Realität und Fiktion vorzunehmen, wie man es bei keinem anderen Roman tun kann. Sie führen sinnlich vor Augen, wie die Literatur sich über die Materie erhebt und sie im Sinne von Hegel vergeistigt. Das Illusionstheater, das Hermann Burger so sehr liebte und betrieb, wirft sein Lasso aus – und wir Leser lassen uns gefangen nehmen von einer Sprache, die mit ihrer Virtuosität so viele Schweizer Autoren in den Schatten stellt.

Auch wenn Burger über so manches gebieten konnte – über seine Depressionen, die ihn 1989 in den Tod trieben, hatte er keine Macht. Schon in den 70er-Jahren suchten sie ihn wiederholt heim. Diese waren aber wohl nicht der Grund, weshalb er seinen «Lokalbericht» nicht fertigstellte. Vielmehr musste er sich auf seine Examen vorbereiten; und dann stiess er in Schiltwald auf einen grossen Romanstoff: die Vorlage für «Schilten».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2016, 20:04 Uhr

Hermann Burger

Aarau feiert seinen Autor

Die Publikation des Fragment gebliebenen Romans «Lokalbericht» wird begleitet von zwei Ausstellungen: Im Forum Schlossplatz geht es um den Autor Hermann Burger, im nur wenige Schritte entfernten Stadtmuseum Aarau um die historischen, politischen und gesellschaftlichen Umstände der 70er-Jahre. Beide Ausstellungen eröffnen morgen Samstag und dauern bis 22. Januar 2017. Zudem hat das Theater Tuchlaube den Roman dramatisiert und bringt das Stück unter der Regie von Robert Hunger-Bühler auf die Bühne (22. Oktober bis 1. November). Der «Lokalbericht» erscheint heute im DeGruyter-Verlag und kostet 42 Franken. (kal)

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