Die Seele wandern lassen

Das Gehen in der freien Natur gehört zu den besten Methoden, auch den Kopf freizubekommen. Albert Kitzler bietet eine «philosophische Wegbegleitung» dazu.

Dem Alltag entflohen: Ein Wanderer auf dem Weg zur Schesaplana, oberhalb von Seewis im Kanton Graubünden. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Dem Alltag entflohen: Ein Wanderer auf dem Weg zur Schesaplana, oberhalb von Seewis im Kanton Graubünden. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Endlich ist die Zeit gekommen, in der es Wanderer bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Freie zieht. Das gleichmässige Gehen an der frischen Luft kommt einer psychischen Entschlackungskur gleich: Nach wenigen Schritten schon fallen die ersten Sorgen, die der Alltag mit sich bringt, weg. So wie der schweifende Blick über Wiesen und Wälder den Stress vergessen lässt, so lässt der Gesang der Vögel die nörgelnden Kleingeister aus dem Büro verstummen. Nach einem Wandertag kehrt man erschöpft, aber entspannt heim: Die Probleme, selbst die hartnäckigsten, wurden im wahrsten Sinne des Wortes laufend gelöst.

Quellen aus Ost und West

Natürlich bedarf es keiner Bücher, um uns darin zu bestätigen, dass die zweckfreie Musse des Wanderns Körper und Geist aus dem Korsett des Alltags befreit. Es kann aber bereichernd sein zu erfahren, was grosse Philosophen über ganz praktische, scheinbar banale Dinge denken. Zahlreiche Stimmen lässt Albert Kitzler nun zu Wort kommen in der «philosophischen Wegbegleitung», wie der Untertitel seines Buches «Vom Glück des Wanderns» heisst.

Der Philosophiecoach, der zuerst Medienanwalt und dann Filmproduzent in Berlin war, geht dabei nicht eurozentristisch vor. Im Gegenteil: Zahlreiche Quellen, die er zitiert, gehen auf alte japanische oder chinesische Lebensweisheiten zurück. Im Wandern erkennt er ein uraltes menschliches Bedürfnis, das unabhängig von Ort und Zeit ist.

«Wenn wir uns über etwas aufgeregt haben, können wir durch das Gehen unsere Ruhe wiedererlangen», meint etwa der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh. Auch der dänische Philosoph Sören Kierkegaard kannte «keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde». Seine wichtigsten Ideen hat sich der passionierte Spaziergänger «angelaufen». Noch einen Schritt weiter ging Friedrich Nietzsche, der keinem Gedanken traute, der ihm im Sitzen gekommen war. Und Michel de Montaigne fürchtete in dieser Haltung um seine geistige Flexibilität: «Meine Gedanken schlafen ein, wenn ich sitze; mein Geist rührt sich nicht, wenn meine Beine ihn nicht bewegen.»

Nicht nur apolitisch, sondern auch ahistorisch

Martin Heidegger schliesslich versah einige seiner Werke mit Titeln wie «Wegmarken» oder «Unterwegs zur Sprache». Dass das Wandern aber kein Garant für ein moralisch integres Leben ist, zeigt sich gerade am Denker aus Todtnauberg, der fast täg-lich zu Wanderungen in den Schwarzwald aufbrach. Die «Holzwege», auf denen er wegen seiner unheimlichen Nähe zu den Nazis politisch unterwegs war, thematisiert Albert Kitzler leider nicht.

«Vom Glück des Wanderns» argumentiert nicht nur apolitisch, sondern auch ahistorisch. Dies schmälert den Erkenntnisgewinn, zumal eine anthropologische Betrachtungsweise die gesellschaftspolitische Dimension unterschlägt. Das Gehen in freier Natur mag ja dafür sorgen, dass wir den Kontakt zum Boden nicht verlieren, aber wir müssen uns dabei auch der Gefahren bewusst sein, die in einer Blut-und-Boden-Philosophie stecken (so haben nationalsozialistische Ideologen die jüdische Lebensweise als luftige, an keine Region gebundene Weltlichkeit denunziert – im Unterschied zur arischen, die im deutschen Grund und Boden geerdet war).

Wie ein schöner Traum

Sieht man von dieser naiven Sicht auf die Geschichte der westlichen Philosophie und der östlichen Lebensweisheiten ab, so begegnen wir immer wieder Ein- und Ansichten, die das Herz des Wanderers höher schlagen lassen. Von Goethes Motto – «Mein Leben soll eine Wanderschaft werden» – ausgehend, analysiert Kitzler beispielsweise die Pilgerschaft, bei der Wandern Sich-Wandeln bedeutet.

Wer unterwegs ist, kommt ins Schwitzen – und reinigt sich so fortlaufend. Der äusseren Bewegung entspricht eine innere. «Der Geist scheint beim Wandern eine ähnliche Arbeit zu verrichten wie beim Träumen während des Schlafes: So unzusammenhängend, sprunghaft und wirr die Traumarbeit häufig erscheint – so verarbeitet sie, räumt auf und ordnet», schreibt Albert Kitzler. Wanderungen ähneln Träumen: Sie bringen das von den alltäglichen Eindrücken aufgewühlte Seelenleben wieder in Ordnung.

Wir leben in einer Zeit, in der das Wandern eine Renaissance erlebt, vor allem bei jungen Leuten.

Dass der in der Fachliteratur bewanderte Autor fast manisch zitiert, ist für die Leserinnen und Leser Vor- und Nachteil zugleich. Auch wenn die Aneinanderreihung von Texten aus vergangenen Jahrhunderten und fernen Weltgegenden auf den ersten Blick störend, teilweise abwegig erscheint, so stellt diese Sammlung eine wahre Fundgrube dar – die man umso mehr schätzt, als der Autor mit eigenen Gedanken sich nicht aufdrängt.

Wir leben in einer Zeit, in der das Gehen und Wandern eine Renaissance erlebt, auch und vor allem bei jungen Leuten. Wurde es vor einigen Jahrzehnten noch als rückständige Freizeitbeschäftigung diffamiert (vergleichbar mit dem abendlichen Jassen am Familientisch), so liegt es heute im Trend. So sehr, dass sich – wie etwa bei den «Waldtherapien» – ein esoterischer Beigeschmack einstellt.

Auch wenn man dieses Buch nicht vorbehaltlos empfehlen kann, so stellt es dennoch im Rückgriff auf die Originaltexte überraschende Querbezüge und Verbindungen her. Daher lohnt sich auch dieser Weg – wie viele andere Strecken, die man erst im Nachhinein richtig zu schätzen weiss.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.05.2019, 17:34 Uhr

Albert Kitzler

Vom Glück des Wanderns

Eine philosophische Wegbegleitung. Droemer-Verlag, München 2019. 268 S., ca. 27 Fr.

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