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Die Suche nach den dunklen Seiten

Der grosse Erzähler Péter Nádas fragt in seinem monumentalen Erinnerungswerk «Aufleuchtende Details», wie es nach der Besetzung Budapests hätte anders kommen können.

Sowjetische Soldaten bringen 1944 Verletzte in Sicherheit. Die Rote Armee kämpft gegen die Wehrmacht, die Budapest besetzt hat. Foto: Tass, Getty Images
Sowjetische Soldaten bringen 1944 Verletzte in Sicherheit. Die Rote Armee kämpft gegen die Wehrmacht, die Budapest besetzt hat. Foto: Tass, Getty Images

Worum es in diesem Buch geht? Um Ungarn und die Belagerung von Budapest, um die kommunistische Bewegung und den Spanischen Bürgerkrieg, um das bürgerliche Mobiliar in proletarischen Zeiten, das reale in den Wohnungen und das imaginäre, mit dem die ­Seelen der Menschen eingerichtet sind. Vermutlich ist es Péter Nádas in seinem monumentalen Erinnerungsbuch «Aufleuchtende Details» um nicht viel weniger als alles gegangen.

Jedenfalls um all das, was eine Jugend geprägt und dazu beigetragen hat, dass ein Mensch so wurde, wie er ist – oder sich in der literarischen Selbstsuche immerhin einredet, dass er sei. Der da von sich und seinen Vorfahren spricht, wendet sich nicht als Erzähler fiktiver Geschehnisse an uns, sondern als der Autor Péter Nádas, der ausdrücklich keinen Roman geschrieben haben will, sondern, wie es der Untertitel sagt: «Memoiren eines Erzählers».

Der Autor, der sich bemüht, aus ­seinem Gedächtnis die frühesten Bilder heraufzubefördern, weiss natürlich, dass seine eigene Welt nicht mit ihm selbst begonnen hat: «Noch bevor wir geboren werden, schaffen andere die Grundlagen unserer Existenz.» Um sich selbst zu verstehen, reichen die eigenen Erinnerungen nicht aus; er muss weit zurückgehen und die Nachrichten sammeln, die er von seinen Vorfahren finden kann.

Die grosse Historie

In weit mäandernden, die Chronologie geradezu selbstherrlich aufhebenden Erzählfolgen erkundet Nádas die Geschichte seiner Familie, die er mit epochalen Veränderungen und Ereignissen verbunden sieht. Die grosse Historie wirkt in die Familie hinein, so wie es umgekehrt die Menschen selbst sind, die ihre Geschichte machen, wenn sie dabei auch oft unter Zwang stehen oder geradezu zwanghaft handeln. Diesen Verflechtungen nachzuspüren, in den wechselnden Wohnungen der Familie in Budapest, aber ebenso in den Kämpfen der Epoche, an den entlegenen Schauplätzen von Widerstand und Verbrechen in Europa, dies ist die Aufgabe, die sich der Autor gestellt hat.

Um sie zu bewältigen, stehen ihm drei Dinge zur Verfügung. Erstens ein exzellentes Gedächtnis, mit dem er die früheste Kindheit wieder aufleben lassen kann und die Gespräche der Erwachsenen über alle möglichen politischen Dinge. Zweitens eine Familie mit ausgeprägtem Traditionsbewusstsein, in der es in jeder Generation mindestens einen Schriftsteller gegeben hat und Onkeln und Tanten ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben haben – und sei es im Auftrag der Kommunistischen Partei, die ihr Funktionäre zum Verfassen kritischer Lebensberichte vergatterte. Und drittens eine bewundernswerte Zähigkeit, ungeklärten Fragen oft jahrelang nachzuforschen.

Darin ähnelt das Buch mit seinen langen und gelehrsamen Exkursen der ebenso masslosen «Ästhetik des Widerstands», mit der Peter Weiss eine Gegengeschichte zu schreiben versuchte, in der die Namenlosen, Ermordeten, Totgeschwiegenen des Widerstands gewürdigt werden. Es ist bemerkenswert, dass der ungarische Autor, der aus seiner Aversion gegen den Kommunismus nie einen Hehl machte, den kommunistischen Kämpfern, zu denen auch seine Eltern gehörten, ein solches Denkmal setzt.

Nádas’ Eltern, den Idealen der Aufklärung verpflichtet, waren unfähig, sich gegen die Partei aufzulehnen.

Im ersten Teil des Buches entwirft ­Nádas ein detailreiches Panorama, auf dem Aberdutzende tapfere Männer und Frauen sichtbar werden, die in Budapest den Widerstand gegen die National­sozialisten und die ihnen verbundenen Pfeilkreuzler organisierten und von denen viele verfolgt, gefoltert, hingerichtet wurden. Im Besonderen schreitet Nádas jene 100 Tage aus, in denen Budapest vom Oktober 1944 bis zum Februar 1945 belagert wurde. Während die Wehrmacht die Stadt unbedingt halten wollte, wurde sie von der Roten Armee beschossen. In den Kellern drängten sich die Zivilisten, von denen viele in den einstürzenden Häusern ums Leben kamen, auf den Strassen machten die Pfeilkreuzler Jagd auf Juden, und die Kommunisten brachten Propagandamaterial unter die Leute und attackierten die heimischen wie die ausländischen Bedrücker.

Aus der Perspektive des Kindes beschreibt Nádas das allgemeine Chaos, er sieht die Leichen gestapelt am Donauquai liegen und beschwört als seine früheste Erinnerung einen «im Dunkel eines Budapester Mietshauses aufleuchtenden Treppenabsatz», bevor das Haus einstürzt und ihn und seine Mutter begräbt. Nach Durchsicht aller familiären Quellen und Zeitungsberichte kommt er zum Schluss, dass sich dieses Ereignis am 27. Juni 1944 ereignet haben muss, als er selbst noch keine zwei Jahre alt war.

Die Psychologie mag lehren, man könne keine Erinnerung an eine so frühe Phase des Lebens haben, aber wir glauben gerne, dass die wahre Geschichte der Menschen von der Literatur erzählt wird. Wie hier springt Nádas oft kühn zwischen den Zeiten herum. Eben erzählte er von den schrecklichen Monaten der Belagerung, dann wendet er sich zurück in die Jahre, da seine Grosseltern sich kennen lernten, um hierauf zu ­berichten, was aus den Leuten, die in den eisig kalten Kellern hungerten, nach dem Krieg wurde.

Viele Jahre später wird Nádas klar werden, dass seine Mutter Klára und seine Tante Magda ihn auch als unverdächtigen Kurier der Kommunistischen Partei benutzten. Und nach einem längeren Exkurs über die Bewertung von Mut, Feigheit, Tollkühnheit in der ­«Nikomachischen Ethik» des Aristoteles kommt er zu der lapidaren Einsicht: «Meine Tante und meine Mutter taten das Richtige, bei allem, was sie taten, sogar auch dann, wenn sie das Leben der ihnen anvertrauten Minderjährigen in Gefahr brachten.» So rigoros sieht Nádas die Ethik des Widerstands.

Im Lager Le Vernet

Im zweiten Teil des Buches behält der Autor den fortwährenden Wechsel der Zeitebene und den Hang zur essayistischen Abschweifung bei. Nun bildet das französische Lager Le Vernet das geheime Zentrum. Mit kaum verhohlener Wut berichtet Nádas von der Gleich­gültigkeit der Franzosen, auf die er stiess, als er das Lager am Fusse der ­Pyrenäen besuchte und dessen Geschichte erforschen wollte.

Auch sein eigener Vater war dort inhaftiert, an einem Ort des Schreckens, über den Autoren wie Bruno Frei, Arthur Koestler, Gustav Regler oder der später als Modefotograf berühmt gewordene Erwin Blumenfeld erschütternde Zeugnisse veröffentlicht haben. Zwischen 1939 und 1945 waren 40 000 Menschen, viele von ihnen Interbrigadisten, die aus Spanien flohen, in Le Vernet inhaftiert, sie wurden von den französischen Wachmannschaften drangsaliert, an die Gestapo ausgeliefert, starben an Seuchen und Hunger.

In Le Vernet gab es eine ungarische Gruppe, mit ihr setzt sich Nádas besonders auseinander, wobei er nicht nur wissenschaftliches Material auf- und einarbeitet, sondern auch am Ort des Geschehens recherchierte. Er schildert das Leiden der Kämpfer mit Mitgefühl, erspart uns aber nicht den Bericht, was später aus ihnen wurde. Viele wurden nach 1945 in Ungarn hochrangige stalinistische Kader, die am Ende in die von ihnen selbst betriebene Maschinerie der Verfolgung gerieten. Den Fall des Aussenministers Lászlo Rajk, eines Freundes der Familie, der als überzeugter Stalinist in einem Schauprozess hingerichtet wurde, legt Nádas in all seiner Banalität und Abgründigkeit dar.

Mikrostruktur des Stalinismus

Dieser Fall hat mit seinen Eltern zu tun, bürgerlich erzogenen, den Erziehungsidealen der Aufklärung verpflichteten, tapferen Menschen, die doch so unwillig wie unfähig waren, sich gegen die Partei, die ihr Leben war, aufzulehnen, obwohl sie wussten, dass bei diesen ­Prozessen mit paranoiden Anklagen und vorgefertigten Urteilen gearbeitet wurde. Es ist beklemmend, wie Nádas hier die Mikrostruktur des Stalinismus aufdeckt. Glücklich wurden die Eltern darüber nicht, die Mutter stirbt früh an einer Krankheit, der Vater verübt 1958 Suizid.

Der Sohn aber grübelt seit seiner Kindheit über die Zufälle des Lebens und fragt sich immer wieder, was aus ihm geworden wäre, wenn . . . Ja, wenn sich zum Beispiel der Goldschmied ­Tauber und das Fräulein Cecilia Nussbaum nicht zufällig kennen gelernt, Zuneigung zueinander gefasst und eine Tochter namens Klára gezeugt hätten, die aus ihrem Sohn Péter, damit er zu einem der «Neuen Menschen» würde, partout einen areligiösen Menschen «schnitzen» wollten.

Hunderte Schicksale legt Nádas dar, um zu beschreiben, was in Ungarn und mit Ungarn geschehen ist. Aber zwischendurch hält er immer wieder inne und fragt sich, wie alles auch ganz anders hätte kommen können. Das ist nicht die Frage eines Chronisten, sondern die eines Erzählers.

Péter Nádas: Aufleuchtende Details. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2017. 1280 S., ca. 50 Fr.

Péter Nádas liest heute, 8. 11., um 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich und am Freitag, 10. 11., um 20 Uhr im Volkshaus Basel.

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