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Die Türkei im Wiederholungszwang

Der neue Roman von Nobelpreisträger Orhan Pamuk ist eine Parabel auf die politische Situation in der Türkei – und beleuchtet so den uralten Konflikt zwischen Tradition und Moderne.

Tief versunken: Junge Muslimas mit ihren Smartphones vor der Blauen Moschee in Istanbul.
Tief versunken: Junge Muslimas mit ihren Smartphones vor der Blauen Moschee in Istanbul.
Ozan Kose, AFP

Der Brunnen der Vergangenheit ist nicht nur tief, man kann auch in ihn hineinfallen oder hineingeworfen werden. Die Palette von Brunnenmetaphern, die Orhan Pamuk in seinem neuen Roman vor uns auffächert, beginnt mit der Frage des jungen Cem, «ob wir wohl recht daran taten, ins Innere der Erde zu streben statt zu den leuchtenden Sternen». Und entpuppt sich als gross angelegter erzählerischer Versuch, die Fragerichtung umzukehren, also Zweifel daran zu säen, ob wir wirklich recht damit tun, (nur) zu den leuchtenden Sternen und in die Zukunft zu streben statt ins Innere der Erde, sprich: statt die Vergangenheit mitzubedenken.

Mit der harschen Alternative in Gestalt dieser Frage scheint nämlich auch der Gegensatz zwischen Ost und West und zwischen Tradition und Moderne erfasst: zwei Pole, die ein wenig zu ausschliesslich von den Ideologen der jeweiligen Kulturkreise für sich reklamiert werden. Unter der Unvermittelbarkeit dieser Pole, ihrem Entweder-oder leiden die Protagonisten des Buchs ebenso wie die heutige Türkei.

Von der Vergangenheit eingeholt

«Alles, was lebt, haben wir aus Wasser gemacht», heisst es in einem berühmten Koranvers, und aus dem Koran schöpft der Brunnenbaumeister Mahmut die Legenden, die er seinem Lehrling Cem erzählt. Der ist eigentlich ein Bücherwurm, der Sohn eines links stehenden Apothekers, der die Familie für die Politik und eine rothaarige Geliebte verlassen hat, sodass Meister Mahmut, bei dem Cem ein bisschen Geld verdienen will, zum Vaterersatz werden kann.

Den Brunnen bauen sie 1985 in Öngören, einer fiktiven Garnisonsstadt vor den Toren Istanbuls, keine fünf Kilometer von Silivri entfernt, wo am Ende des Buchs, in unserer Gegenwart, das «grösste Gefängnis nicht nur der Türkei, sondern von ganz Europa» liegt. Wenn es den Brunnenbauern gelingt, Wasser zu finden, winkt ihnen eine reiche Belohnung und den Menschen von Öngören Arbeit in der Textilfabrik, die dort errichtet werden soll. 30 Jahre später ist die Fabrik nach Bangladesh verlegt, das Grundstück von einer Immobilienfirma aufgekauft worden. Hochwertiger Wohnraum soll entstehen, und um für das Projekt zu werben, ist der Besitzer der Firma nach Öngören zurückgekehrt.

Der Roman deutet den Antagonismus von Tradition und Moderne als Vater-Sohn-Konflikt.

Es ist niemand anderes als Cem, der hier von seiner verdrängten Vergangenheit eingeholt wird wie die Türkei heute von ihrem verdrängten islamisch-osmanischen Erbe. Wenn die Geschichte augenscheinlich eine Parabel ist, dann so sehr über die Grundfragen der Existenz wie über die politischen Ereignisse in der Türkei heute. Die unausgesprochene Grundthese des Romans lautet, dass die politischen Ereignisse eine Folge archetypischer Verhaltensmuster sind, die sich in der Türkei nur stärker als anderswo materialisieren.

Fast beiläufig fällt gegen Ende des Romans das Wort über «die Kurden und die oppositionellen Journalisten, die nun die Zellen füllen, in denen früher putschende Militärs gesessen hatten»; während draussen die Immobilienhaie, die einen guten Draht zur Regierungspartei haben, die nötigen Tipps über die anstehenden Baufreigaben erhalten. Korruption? Gewiss. Ähnlich zwielichtig machen ihre Renditen auch die deutschen Geschäftsleute, von denen wir erfahren, dass sie, als Griechenland vor der Pleite stand, in Athen anzutreffen waren, um sich die unter Wert angebotenen Immobilien zu sichern.

Im Westen obsiegt die Moderne

Es braucht keinen Autor, um diese Entwicklung zu bewerten; die Natur selbst spricht das Urteil. Die Wasserknappheit, nicht die oppositionellen Journalisten, Kurden oder putschenden Generäle werden dem Grössenwahn der Regierenden die Grenzen aufzeigen. Die islamistische Postmoderne der AKP, darin gelehrige Schülerin des Neoliberalismus, zehrt vom Versprechen, auch ohne per aspera ad astra gelangen zu können. Das Ergebnis ist eine Mentalität der Verantwortungslosigkeit, symbolisiert durch neue Bohrmaschinen, die Grundwasser aus jeder Tiefe anzapfen können. So sinkt der Wasserspiegel immer weiter. Das Streben zu den Sternen überantwortet die Erde der Dürre. Ein Beruf wie der von Brunnenbaumeister Mahmut, der seinen Schacht noch mit der Hand ausheben musste, wird ein Fall für den Nostalgiker: also den Romancier.

Die Volte dieses hoch kontrollierten, sich kein Wort zu viel gestattenden Romans liegt nun darin, dass er den Antagonismus von Tradition und Moderne als Vater-Sohn-Konflikt deutet. Als Mahmut seinen Gehilfen, den späteren Immobilienhai Cem, auffordert, zu den gemeinsamen Abenden unter freiem Himmel eine eigene Geschichte beizutragen, fällt diesem keine andere ein als die von Ödipus. Einige Tage später sieht Cem in einem Variété den orientalischen Gegenentwurf zum Ödipus-Mythos aufgeführt. Er stammt vom persischen Nationaldichter Firdausi. Dort ist es der Vater, der seinen Sohn im Zweikampf nicht erkennt und mithilfe einer List umbringt.

Archetypischer Konflikt

Im Westen hingegen kann der Vater machen, was er will: Der Sohn wird ihn umbringen, die Moderne obsiegen. Nach der Liebesnacht lässt Cem den Meister, den er nach einem Unfall für tot hält, im Brunnen zurück und versucht weiterzuleben, als sei nichts geschehen. Sein Verhalten ist das Sinnbild für eine alle Traditionen verachtende Moderne, die sich mit ihrem einseitigen Blick auf die Zukunft genau diese verbaut und die Vergangenheit wiederholen muss wie später Cem in seiner finalen Auseinandersetzung mit dem eigenen Sohn.

Dieser publiziert Gedichte in AKP-nahen Zeitschriften und erklärt seinem Vater: «Mit ihrem Individualismusfimmel sind unsere Eliten weder Individuen geworden noch sonst etwas Eigenständiges. Weil sie sich für etwas Besonderes halten, glauben sie nicht an Gott. Für sie ist das ein Beweis dafür, dass sie nicht sind wie die anderen. Im Glauben dagegen steckt, dass man genauso ist wie alle anderen.» Beides auf einmal, den modernen Individualismus als Aufbegehren gegen den Vater und den Gehorsam gegen ihn – und damit die Tradition –, kann man nicht haben. Und doch scheint dies zu sein, was in der Türkei, und vielleicht nicht nur dort, von den Männern verlangt wird. Wenn aber dieser archetypische Konflikt unter Männern nicht oder nur mit Gewalt zu lösen ist, welche Rolle spielen die Frauen?

Wäre es nicht leicht, einer solchen Fatalität zu entkommen? Der Leser muss dies denken.

Ebenso unweigerlich, wie die Männer in die archetypischen Muster eintreten, tritt Gülcihan, die titelgebende rothaarige Frau, in die Rolle der Iokaste ein, der Mutter, dann Frau des Ödipus. Sie ist nicht nur die Mutter von Enver, Frucht einer flüchtigen Liebesnacht mit dem halb so alten Brunnenbau-Lehrling Cem, sondern war auch die Geliebte von Cems Vater. Ihr rotes Haar steht für die erotische wie die politische Versuchung.

Wäre es nicht leicht, einer solchen Fatalität zu entkommen? Der Leser muss dies denken; der Autor sagt es nicht. Wie Mahmut in der Tiefe der Brunnen versteinerte Fische findet, sieht der Erzähler nur mythische Wiederholung. Wir begreifen: Erdo?an ist der Sohn, der den laizistischen Staatsgründer in den Brunnen werfen möchte, Atatürk, den «Vater der Türken», der seinerseits versuchte, die osmanische Geschichte zu entsorgen. Der Wiederholungszwang, den Pamuk uns vor Augen hält, kann zur Verzweiflung treiben – und weckt beim Leser das eindringliche Bedürfnis, gegen die schicksalhafte Verdammnis zu rebellieren. Die Parabel macht uns frei, im Bewusstsein von Zukunft und Vergangenheit, Himmel und Erde, Tradition und Moderne die Verantwortung für unser Schicksal zu übernehmen.

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser, München 2017. 272 S., ca. 25 Fr.

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