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Die vergessenen Europäer

Der Schweizer Autor Cyrill Stieger hat sich intensiv mit dem Schicksal kleiner Volksgruppen auf dem Balkan beschäftigt. Darüber hat er nun ein kenntnisreiches Buch geschrieben.

Zwei Frauen, die der bulgarischen Volksgruppe der Pomaken angehören. Foto: Valentina Petrova (Keystone)
Zwei Frauen, die der bulgarischen Volksgruppe der Pomaken angehören. Foto: Valentina Petrova (Keystone)

Der Balkan ist kompliziert, bunt und oft blutig. Schon Goethe schrieb: «Nichts Bessers weiss ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinander schlagen.» Als er seinen «Faust» verfasste, gehörten grosse Teile des Balkans zum Osmanischen Reich. Otto von Bismarck sprach von «diesen Schafsdieben», wenn er Bulgaren, Serben, Albaner oder Griechen meinte. «Die Stämme da unten» schienen dem eisernen deutschen Kanzler nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert. Die Kenntnisse über die Region zwischen Wien und Istanbul, ihre Völker, Minderheiten, Religionen, Konfessionen und Derwischorden waren lange Zeit gering. Das hat sich inzwischen geändert. Der Balkan und Westeuropa rücken langsam zusammen – trotz Finanzkrisen, politischen Erschütterungen und nationalistischen Spielchen der lokalen Machthaber.

Der frühere NZZ-Redaktor und Südosteuropa-Korrespondent Cyrill Stieger hat die Region oft ­bereist, vor allem während der jugoslawischen Zerfallskriege in den 1990er-Jahren. In seinen Artikeln ging es nicht nur um die «grosse Politik», sondern auch um das Schicksal der kleinen Volksgruppen, die abseits von nationalem Wahn (über)lebten. ­Diesen vergessenen Europäern hat Stieger nun ein kenntnisreiches Buch gewidmet. Es sind Minderheiten, die in einer Welt mit wenig Zukunft leben. Es sind slawisch sprechende Kleinstvölker, die während der osmanischen Herrschaft den Islam übernommen haben. Und daneben gibt es die Nachfahren von thrakischen und illyrischen Stämmen, die romanisiert wurden.

Eine Nation, die es gar nicht gibt

Der Balkan wird oft mit einem Leopardenfell verglichen, weil viele Völker und Minderheiten neben- oder miteinander leben. Die jüngsten Kriege haben die Staaten ethnisch homogener gemacht, aber ganz zerstören konnten sie die alte balkanische Welt nicht. In Labunista am Ohridsee in Maze­donien etwa macht sich Stieger auf die Suche nach den Torbeschen. Ihre mazedonische Muttersprache verbindet sie mit den christlich-orthodoxen Mazedoniern, der Islam mit den Albanern und der türkischen Minderheit. Als Volksgruppe sind die Torbeschen in Mazedonien aber nicht anerkannt. «Wie kann ich einer Nation angehören, die es gar nicht gibt?», fragt ein Torbesche. Andere sagen, im Dorf gebe es keine Torbeschen, alle seien Albaner (was nicht stimmen kann, denn die meisten Bewohner sprechen Mazedonisch, nicht Albanisch).

In einem anderen Torbeschen-Dorf sagt ein Mann: «Wir sind alle Türken.» Unter dem Druck der Titularnation oder einer grösseren Volksgruppe müssen sich die Torbeschen ethnisch definieren. Und oft entscheiden sie sich für die albanische oder die türkische Option. Es gibt mazedonische Nationalisten, die der Meinung sind, die Torbeschen seien für eine mit Speisen gefüllte Tasche von ihrem christlichen Glauben abgerückt und Muslime geworden. Der Begriff Torbesche sei eine Ableitung vom Wort «torba» (Tasche, Beutel). Und die wiedererstarkte Türkei versucht derweil, den slawischen Muslimen in Mazedonien, Bulgarien und Griechenland einzubläuen, sie seien Türken.

Cyrill Stieger bewegt sich mit ethnologischem Gespür und der Neugier des Reporters in den entlegensten Gebieten. Wer etwa in den bulgarischen Rhodopen eine Wanderung unternimmt, trifft auf Bäuerinnen mit bunten Kopftüchern und Pluderhosen. In den tiefen Schluchten des Balkans leben Bulgariens Bergmuslime, Pomaken genannt. Für national orientierte Bulgaren sind sie Verräter, weil sie unter der osmanischen Herrschaft zum Islam konvertierten. Bulgarische Regierungen versuchten, den Pomaken eine «bulgarische Identität» aufzuzwingen. Anfang der 70er-Jahre führte Sofia eine brutale Kampagne gegen die türkisch-arabischen Vornamen der Pomaken, die Bulgarisch sprechen. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes durften die Pomaken ihre alten Namen wieder verwenden. Die Regeln des Islam nehmen sie aber nicht so ernst, wenn sie Selbstgebranntes trinken. Die Lebenswelt der Wanderhirten

Die Torbeschen, Pomaken und andere slawische Muslime würden an den Rand der Gesellschaft ­gedrängt, schreibt Cyrill Stieger. Wo der Staat die Minderheiten vernachlässigt, machen sich saudi-arabische und türkische Stiftungen breit – mit Teigwaren, Koranausgaben und Betonmischern für den Bau neuer Moscheen. Das Dilemma der Pomaken bringt ein Mann aus Westthrazien im Nordosten Griechenlands auf den Punkt: «Wir wissen nicht mehr, wer wir sind, jeder erzählt uns etwas anderes. Die Griechen wollen, dass wir Griechen sind, die Türken wollen, dass wir Türken sind, und die Bulgaren sagen, wir seien Bulgaren.»

Die ungewöhnliche Reise hat Cyrill Stieger auch zu den bosnischen Muslimen geführt, die sich ­Bosniaken nennen. Den langwierigen Prozess der Selbstfindung und der Nationbildung der Muslime Bosniens schildert er mit viel Detailwissen, das manchen Leser wohl überfordert. Düster und melancholisch wirkt die Lebenswelt der Aromunen in Mazedonien, die einst als Wanderhirten den südlichen Balkan mit Schafen und Ziegen durchstreiften. In ihren Dörfern sehen die Häuser wie steinerne Skelette aus, hie und da zünden Männer eine Kerze in der Kirche an. Sie sind nach vielen Jahren als Arbeitsmigranten in Australien zurückgekehrt, um den Lebensabend in der Heimat zu verbringen.

Bunt ist der Balkan auch vor den Toren der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Dort leben die Uskoken, die einst die osmanischen Eroberer bekämpften und im Jugendbuch «Die rote Zora und ihre Bande» als Ritter, Kapitäne und Seefahrer an der Adria idealisiert werden. In der Nähe der Hafenstadt Rijeka hat Stieger noch eine Minderheit «entdeckt»: die Istrorumänen. Sie sind die entfernten Verwandten der Aromunen in Mazedonien, die auch Vlachen genannt werden. Während die Mehrheit der Aromunen auf dem Balkan christlich-orthodox ist, gehören die Istrorumänen der römisch-katholischen Kirche an. Die kulturelle Nivellierung bedroht auch die Sprache der Istrorumänen.

Es ist eine ferne und fremde Welt, die uns der detailverliebte Autor mit politischen Analysen und historischen Abhandlungen, mit Reportagen und vielen Gesprächen näherbringt.

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