Die Verklärung von William Shakespeare

Seine Verehrer massen sich an, den Autor zu einem Deuter der Gegenwart zu machen.

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Es gibt fast immer einen Anlass, um den englischen Theaterautor William Shakespeare zu würdigen. Dieses Jahr feiern wir seinen 400. Todestag, vor zwei Jahren beging die Welt seinen 450. Geburtstag. Wer noch nicht genug hat: 2017 könnte man zum 425-Jahr-Jubiläum seiner ersten erfolgreichen Aufführungen aufrufen.

Wie bei solchen Anlässen üblich, erschienen zahlreiche Artikel, in denen – meist ältere – Männer erklärten, dass die Werke des Toten viel Lebendiges über die heutige Welt aussagten.

Die Argumentation, warum Shakespeare aktuell bleiben soll, läuft meistens so: Seine Stücke ergründeten Themen, die uns alle beschäftigten, Liebe, Verrat, Tod. Dabei dringe Shakespeare zum Kern des Menschlichen vor, sodass seine Werke in einer Schweizer Agglomerationsgemeinde im Jahr 2016 genauso einschlagen wie im London der Renaissance. Aus dieser Sicht beanspruchen die Werke umfassende und ewige Gültigkeit. Ein biblisches Literaturverständnis.

Elektrizität und Kommunismus

So wortgewaltig Shakespeares Stücke daherkommen, so gut die Absichten seiner Verehrer sein mögen – es ist eine Anmassung, die Gegenwart mit jemandem erklären zu wollen, der seit 400 Jahren unter der Erde liegt; jemandem, der die ganze Moderne verpasst hat und deshalb nicht wissen konnte, was Wörter wie «Elektrizität» oder «Kommunismus» bedeuten.

Mit einem solchen Ansatz vereinfacht man alle menschlichen Probleme auf ein Set rudimentärer Gefühle; unterstellt, dass alle Bürgerkriege so ablaufen wie die Bürgerkriege im elisabethanischen England oder dass jede Verliebte gleich schmachtet wie Julia. Man tut so, als sei die Welt im Kern tiefgefroren.

Das hätte auch Shakespeare nicht gefallen, dessen Werk stets das passende Zitat liefert. Im «Othello» schreibt er: «Es ruht noch manches im Schosse der Zeit, das zur Geburt will.» Genau.

Erstellt: 07.09.2016, 22:55 Uhr

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