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Die vielköpfige Mama Dada

Sie war prägend für den Dadaismus. Als Comicfigur reklamiert Emmy Hennings diesen Begriff jetzt für sich.

Hans Jürg Zinsli
Zügelloses Künstlerleben: Viermal Emmy Hennings im Comic «Alles ist Dada». Bild: Avant-Verlag
Zügelloses Künstlerleben: Viermal Emmy Hennings im Comic «Alles ist Dada». Bild: Avant-Verlag

«Der Weltkrieg ging weiter. Meiner auch.» Das sagt Emmy Ball-Hennings, nachdem sie ein Leben auf der Überholspur gelebt hatte – als Sängerin, Schriftstellerin, Morphinistin, als Gelegenheitsprostituierte und Katholikin. Die Frau überstand obsessive Verehrer, verglühende Poeten und die Spanische Grippe. Vor allem aber war sie Mitbegründerin und tragende Kraft des Cabaret Voltaire in Zürich, der Geburtsstätte des Dadaismus. Der Comic «Alles ist Dada» zeigt nun in schlichtem Schwarzweiss, was von dieser Jahrhundertfigur bleiben soll, bleiben muss.

Hennings, 1885 in Flensburg als Tochter des Seemanns Ernst Cordsen geboren, zog es früh zum Theater. Sie heiratete einen Schauspieler, verlor einen Sohn, die Tochter wuchs bei der Grossmutter auf. Es war bald klar, dass diese Frau nicht für ein bürgerliches Leben gemacht ist, zu sehr eiferte sie dem Erkundungsdrang ihres Vaters nach, der früh verstorben war.

Um Schauspielerin zu werden, begann Hennings ein Nomadenleben, in dem sich «Himmel und Hölle oft vermischten» und das sie bald in die Boheme-Szene von Berlin und München führte, wo sie mit einflussreichen Zeitgenossen wie Frank Wedekind oder Wassily Kandinsky verkehrte.

Kein Geld für Brot, Papier, Tinte... und Morphium

In München war es auch, wo Hennings im Kabarett Simplicissimus sang und ihren späteren Ehemann Hugo Ball kennen lernte: «Ein Herr mit unmöglichem Pony und Prophetenaugen», heisst es im Comic. Und ja, die beiden pflegen über viele Seiten hinweg eine höfliche Distanz, man siezt und bewundert sich, stellt den Geist über den Körper, jedenfalls was Ball betrifft.

Aber dann kommt der Krieg, und das ungleiche Paar flieht nach Zürich, um sich eine neue Existenz aufzubauen – als Schriftsteller, ausgerechnet. Bald fehlt das Geld für Brot, Papier und Tinte, vom Morphiumbedarf ganz zu schweigen. Einmal greift die verzweifelte Emmy zum Messer, um sich die Adern aufzuschneiden – ein Weltenschrei wie von Munch gemalt.

Immerhin, die Frauen waren zuerst

Der Comic von Fernando González Viñas (Text) und José Lázaro (Zeichnungen) führt uns eine Ära vor Augen, über die man einiges zu wissen glaubt, aber doch nur aus vereinzelten Quellen kennt.

Hennings’ künstlerisches Schaffen ist eher spärlich dokumentiert, ihr Stellenwert galt lange Zeit als gering, was den Dadaismus betrifft. Dass sich nun ausgerechnet ein spanisches Duo mit dieser Kunstrichtung beschäftigt, rührt daher, dass Szenarist González Viñas bereits Texte von Ball und Hennings übersetzt hat und sich entsprechend auskennt. Wobei man sich natürlich fragen könnte, ob nachgeborene Männer befugt sind, sich über damalige weibliche Sichtweisen etwas einzubilden.

Immerhin, die Frauen waren zuerst: Vor fünf Jahren haben Christa Baumberger, Kuratorin von Hennings’ Nachlass im Schweizer Literaturarchiv, sowie die Literaturwissenschaftlerin Nicola Behrmann eine reichhaltige Biografie über die Dadaistin vorgelegt. Zwei weitere biografische Werke folgten.

Mit dem Zirkus in Bern

In «Alles ist Dada» erscheint Emmy Hennings in ihrer Zerrissenheit prägend für eine ganze Epoche. Ohne den einen oder anderen Zufall wäre es allerdings nicht gegangen. Um 1915 mühen sich Hennings und Ball noch in einem Schweizer Zirkuskabarett ab, dessen Leiter später wegen Vergewaltigung eines Schlangenmädchens verurteilt wird. Und in Bern klagt Hennings, dass sie den schlimmen Makel der Schweizer entdeckt habe: «Langeweile. Etwas Applaus zu bekommen, war ein echter Kraftakt, ein Lächeln fast ein Ding der Unmöglichkeit.»

Aber dann entdeckt das Paar in der Zürcher Spiegelgasse einen Raum für ein eigenes Projekt – die Holländische Meierei. Sie geben dem Lokal den Namen Cabaret Voltaire, schalten eine Zeitungsanzeige und werden am Eröffnungsabend, dem 5. Februar 1916, von Avantgardisten förmlich überrannt: Hans Arp, Sophie Taeuber, Tristan Tzara stürmen mit Liedern, Gedichten und Marionetten auf die Bühne. Ein paar Russen, die mit ihren Balalaikas ebenfalls ins proppenvolle Lokal drängen, erinnern Hennings an Kanonen, die «nur wenige Kilometer entfernt brüllten».

«Ein Pulverfass voller elektrifizierter Gehirne, voller gesalbter Seelen»

Emmy Hennings über den Eröffnungsabend des Cabaret Voltaire in Zürich.

Es sei «ein Pulverfass voller elektrifizierter Gehirne, voller gesalbter Seelen» gewesen, heisst es. Und ja, man spürt diese Aufbruchstimmung im Comic. Lenin, der damals in der Spiegelgasse wohnte, schaut am Eröffnungsabend ebenfalls vorbei, wenngleich er sich weniger für die Darbietungen interessiert als vielmehr für seine Arbeiterrevolution und Wodka. James Joyce meint: «Ehrlich gesagt, verstehe ich nichts von dem, was sie hier tun.» Und Hennings? Für sie ist das Cabaret Voltaire «der Beginn des Absurden als Lebensgrundlage».

Emmy Hennings mit Dada-Puppe, Zürich 1916. Foto: Schweizerisches Literaturarchiv
Emmy Hennings mit Dada-Puppe, Zürich 1916. Foto: Schweizerisches Literaturarchiv

Es ist ein Bekenntnis, das angesichts der Irrungen und Wirrungen in ihrem Leben glaubhaft wirkt, und Zeichner José Lázaro bringt diese Stimmung mit so skizzenhaftem wie präzisem Strich aufs Papier. Man könnte meinen, einem Porträtisten von damals über die Schulter zu schauen. Weil die Seitenaufteilung meist drei Panels beinhaltet, die sich leicht überlappen, fliesst Bedeutendes und Beiläufiges wie selbstverständlich zusammen. Das verstärkt den Eindruck, dass in diesem Comic alles mit allem verhängt ist: Leidenschaft, Armut, Kaiserreich, Typhus, Weltkrieg, Kunst, Drogen.

Und mittendrin eine Frau, die die Erfindung des Dada-Begriffs für sich reklamiert: «Es war ein Wort, das ich oft zu Ball sagte, eine Art Schlüsselwort, um ihn wie einen kleinen Jungen wissen zu lassen, wenn ich mal rausgehen wollte.» Das passt. Und Hennings liefert eine Begründung: «‹Da› ist ja ein deutsches Adverb, das habe ich bereits in meinem Manuskript ‹Rebellen und Bekenner› erklärt. Warum wird es also von keinem Kunsthistoriker berücksichtigt? Vielleicht weil ich eine Frau bin.»

Fernando González Viñas, José Lázaro: «Alles ist Dada. Emmy Ball-Hennings.» Avant-Verlag, Berlin 2020. 232 S., ca. 39 Fr.

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