Die «Weltwoche» war schon früher einmal rechts

Manuel Gasser war bei der Gründung der «Weltwoche» mit dabei. Seine Biografie wirft ein neues Licht auf die frühe Geschichte der heute stramm rechtspopulistischen Zeitschrift.

Manuel Gasser in der «Du»-Redaktion, ca. 1960. Foto: Nachlass Gasser, Zentralbibliothek Zürich

Manuel Gasser in der «Du»-Redaktion, ca. 1960. Foto: Nachlass Gasser, Zentralbibliothek Zürich

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«Alles Gute und Schöne»: Sein Wunsch, den er als Gruss unter jeden seiner Brief setzte, war bis zuletzt sein Lebensprogramm. Als schreibender Sinnesmensch, der er war: Manuel Gasser, geboren 1909, gestorben 1979. Heute weitgehend vergessen. Obwohl die Lebensleistungen des Journalisten nicht gering zu schätzen sind: Gasser gehörte zu den Gründern der «Weltwoche»; später war der gebürtige Luzerner langjähriger Chefredaktor der Kulturzeitschrift «Du». Ausserdem war er an der Konzeption der Frauenzeitschrift «annabelle» beteiligt, die erstmals 1938 erschien. An all das erinnert nun eine wuchtige Biografie, die David Streiff, früherer Direktor des Bundesamtes für Kultur und des Filmfestivals Locarno, geschrieben hat. Im Umfang von etwas mehr als 700 Seiten. Und auf der Grundlage des umfangreichen Nachlasses, der bisher unzugänglich in einem Keller gelagert hatte.

Biografie eines Schwulen

Die Leistung von Streiffs grossem Gasser-Buch besteht nicht allein in der Nacherzählung eines Journalistenlebens. Sondern auch darin, dass es die Biografie eines Schwulen erzählt, der seine Homosexualität mit mehr als nur bemerkenswerter Offenheit leben konnte. Obwohl die Zeichen dafür schlecht standen: Als 18-Jähriger sah sich Gasser mit einem Arzt konfrontiert, der ihn von seiner Homosexualität therapieren wollte. Auf Wunsch der Eltern. Wenige Jahre später wurde Gasser am Lehrerseminar in Bern rausgeworfen. Mutmasslich wegen «Sittlichkeitsvergehen an höheren Schulen».

Zweifel und mangelndes Selbstbewusstsein scheinen nie ein Problem von Gasser gewesen zu sein. «Ich bin entzückt von mir», heisst es mal in seinen Tagebüchern, die David Streiff erstmals auswerten konnte. Und die eine eigentliche «Chronik des Begehrens» sind, wie Streiff schreibt. Von diesem Begehren zeugen auch die zahlreichen Fotos, die sich Gasser im Laufe seines Lebens von seinen Bekanntschaften erbeten hat. Und die nun bei Streiff nachgedruckt sind. Sie belegen mit Nachdruck, dass der First-Class-Journalist geradezu unersättlich war. Matrosen, Intellektuelle, Radfahrer von der Rennbahn Oerlikon. Manuel Gasser hatte sie alle. Aber wer interessiert sich schon für Langweiler?

Die nazifreundliche «Weltwoche»

Die «Weltwoche» wurde im September 1933 gegründet. Von Manuel Gasser und dem damals 39-jährigen Karl von Schumacher, Spross einer alten Luzerner Patrizierfamilie. Die Erinnerung an diese Gründungsgeschichte ist wichtig. Denn noch heute verkündet die «Weltwoche» auf ihrer Website stolz, dass ihr Blatt «ab 1935 auf einen stark antinationalsozialistischen Kurs» eingeschwenkt sei. Die Zeitung sei eine «der wenigen freien publizistischen Stimmen» in einem von den Nazis besetzten Europa gewesen. «Wegweisend» seien insbesondere die Artikel Karl von Schumachers gewesen, «der schon sehr früh eine militärische Niederlage der Deutschen im Zweiten Weltkrieg prognostizierte».

Wie David Streiff nun herausarbeitet, ist all das falsch: Zwar erschienen nach 1935 in der «Weltwoche» Artikel, die sich kritisch gegenüber dem NS-Regime verhielten. Nazifreundliche Texte sind aber noch bis 1942 nachweisbar. Bis dahin gab sich insbesondere Karl von Schumacher wiederholt seiner Bewunderung für Mussolini und Hitler hin. Wobei gerade der «Führer» «immer schlafwandelnd sicher das Richtige» tue, wie es in einem Artikel eines Korrespondenten der «Weltwoche» heisst. An eine Niederlage der Nazis konnte von Schumacher «bis Stalingrad nicht glauben». So David Streiff.

Die ersten Filmkritiken

Und Gasser? Bei der Gründung der «Weltwoche» war der damals 25-Jährige hauptsächlich für den Aufbau des Feuilletons verantwortlich, das unter seiner Ägide eines der ersten in der Schweiz wurde, das eine ernsthafte Filmkritik pflegte: Gemäss Streiff wollte Gasser «ein im Sehen geschultes Publikum» heranziehen. Nach dem Vorbild der französischen Filmkritik. David Streiff streicht deutlich hervor, dass Gasser auch während des Aufstiegs der Nazis ein Ästhet im Reich des Sinnlichen war, dem das Schöne wichtiger war als das Politische.

Und der trotz Warnungen von Freunden wie Hermann Hesse und dem Emigranten Klaus Mann an seiner Bewunderung für den Faschismus festhielt: Gasser schrieb begeisterte Artikel über Schlageter-Feiern und Besuche bei der Hitlerjugend. Und er war selbst von 1933 bis 1937 Mitglied bei den Schweizer Frontisten. Die faschistischen Bewegungen waren für ihn ein erotisches Phänomen, heisst es bei Streiff. Obwohl Gasser wusste, dass unter Hitler die Homosexuellen verfolgt wurden. Erst nach dem «Anschluss» Österreichs nahm Gasser Abstand vom NS-Regime.

Dieses relativ späte Umschwenken sollte zu Gassers grösster Niederlage führen. Im sogenannten Brentano-Prozess, der im März 1947 in Winterthur stattfand und insgesamt acht Tage dauerte. Angeklagt war Gasser, weil er im September 1945 in einem rasch zusammengeschusterten «Welt­woche»-Artikel Gericht über den Autor Bernard von Brentano gehalten hatte. Dieser sei ein «rabiater Antisemit», ein «begeisterter Anwalt» der Nazis.

Aussagen von 69 Zeugen

Das liess Brentano nicht auf sich sitzen. Es kam zum Prozess vor einem Schwurgericht – auf Antrag Gassers, der sich davon grössere Chancen für sich ausgerechnet hatte. So sagten schliesslich 69 Zeugen aus, darunter viele Vertreter der Zürcher Intelligenzija. Ein Aufwand, den man sonst nur für die Aburteilung von Schwerstverbrechern betrieb. Und der für Gasser zum Fiasko wurde: Der Anklage gelang es, die einstige Nähe der «Weltwoche» zu frontistischen Kreisen in den Vordergrund zu rücken. Und Gasser so als Lügner darzustellen, der erst nach Vorlage von Indizien einräumte, dass seine Kontakte zu den Schweizer Faschisten wesentlich stärker gewesen waren, als er es zugegeben hatte. Diese Verteidigungsstrategie wie auch seine offen gelebte Homosexualität, die nun gegen ihn verwendet wurde, brachen ihm das Genick: Gasser wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Seine Stärken als «unbändiger Verehrer von Schönheit» konnte Gasser von 1958 bis 1974 entfalten – als Chefredaktor der Kulturzeitschrift «Du», zu der es im Landesmuseum Zürich aktuell eine Ausstellung gibt. Zu den Höhepunkten von Gassers «Du»-Zeit gehört ein Heft zu Bruce Davidsons «New York East 100th Street», das weitgehend ohne Text und nur mit Fotos auskam. Auch davon kann Streiff in seinem reich bebilderten Buch erzählen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2017, 18:41 Uhr

David Streiff Manuel Gasser. Biografie. Limmat, Zürich 2016. 731 S., ca. 66 Fr.

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