Die Literatur wohnt im Billy-Regal

An der Buchmesse in Frankfurt gibts vom Gastland Frankreich Fischsuppe und von den Experten Debatten um Flüchtlinge und Afrika.

Die Frankfurter Buchmesse findet vom 11. bis zum 15. Oktober statt. Bild: Keystone

Die Frankfurter Buchmesse findet vom 11. bis zum 15. Oktober statt. Bild: Keystone

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Macronmania nun auch in Frankfurt. Der französische Präsident hat die Buchmesse verzaubert mit einer Eröffnungsrede, die nicht nur von Kultur schwärmte (das ist an diesem Ort üblich), sondern selbst Kultur bewies: Er zitierte Goethe und seinen Übersetzer Nerval, Baudelaire und seinen Vermittler Benjamin, Husserl und seinen eigenen geistigen Ziehvater, den Philosophen Paul Ricœur. An die «Kinder von Goethe und Nerval» appellierte er, und der Saal, in dem die meisten wohl eher Kinder von Simpsons und «Game of Thrones» waren, applaudierte bewegt. Für ein paar Messetage darf der «American way of culture» einmal Platz machen für die Sprache und Literatur der «grande nation».

Die Sprache Französisch und die «Francofonie» umfassen ja mehr als 50 Länder, viele sind mit Autoren auf der Buchmesse vertreten, die Westschweiz allein mit zwölf, darunter ­Noelle Revaz und Roland Buti, deren Werke auch im Gastpavillon ausgestellt sind. Diesen hat der Ehrengast im ersten Stock der Halle 1 gestaltet, wo sich schon manches Land grausam verkünstelt hat. Frankreich präsentiert sich nun als ein Labyrinth aus horizontalen, vertikalen und diagonalen Latten: eine Bibliothek, so schlicht und transparent wie überhaupt möglich. Die Konstruktion wurde entworfen von Masterstudenten der Designhochschule in St. Etienne – verantwortlich: Ruedi Baur, ein Schweizer.

«Europas Schande»

Die Installation entzweit das Publikum; «Billy-Ästhetik», schnöden die einen – den anderen gefällts. Mir auch: für einmal kein Schnickschnack, kein «Abholen» der Laufkundschaft mit Landschaftsbildern oder exotischen Speisen; der Akzent liegt auf den Büchern. (Gut, auch auf den digitalen Medien, den Comics, und Fischsuppe in Pappbechern wird auch serviert, aber immerhin.) Stellwände erinnern an die Verlagstradition des Landes, etliche Häuser reichen ins 19. oder sogar 18. Jahrhundert zurück. Sie erinnern aber auch an die kurze Phase, da die Buchpreisbindung abgeschafft und, als man die fatalen Konsequenzen begriff, wieder eingeführt wurde.

Und auch die «littérature vivante» wird hier ernst genommen. Auf einem Podium sitzen sechs Autoren, unter ihnen zwei Goncourt-Preisträger, und erzählen von den Mühen des ersten Satzes. Jérôme Ferrari wartet bei seinem neuen Roman seit acht Monaten auf den richtigen; Leila Slimani hat sich in ihrem jüngsten mit ihm – «Das Baby war tot» – erst einmal von der Bürde des schrecklichen Sujets der Kindstötung befreit, um dann erzählen zu können, wie es dazu kam.

Leila Slimani war in Frankfurt gleich auf mehreren Podien anzutreffen; als preisgekrönte Vertreterin Frankreichs, aber auch als gebürtige Marokkanerin. In der Reihe «Weltempfang» war von ihr und ihrem Landsmann Fouad Laroui viel Instruktives über dieses Schlüsselland zwischen Afrika und Europa zu erfahren, weit über die deutsche Politiker aktuell beschäftigende Frage hinaus, ob es ein «sicheres Rückführungsland» sei (beide: ja). Marokko sei selbst Aufnahmeland für Migranten aus Afrika, aber auch Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak und verdiene Unterstützung aus Europa.

Debattieren statt lesen

Zornig erzählte Leila Slimani, die «privilegierte Migrantin», dann von den Gestrandeten in Paris, an denen sie täglich vorbeikomme, wenn sie ihren 5-jährigen Sohn in die «Maternelle» bringe: Flüchtlingskinder, die auf der Strasse schlafen. «Das gehört für uns inzwischen zum normalen Strassenbild – aber das kann doch nicht sein: Es ist eine Schande für Europa!»

Ein weiteres Podium widmete sich dem «Krisen-» oder «Problemkontinent Afrika» und wandte sich gleich gegen diese Etiketten. Der Kontinent schreite in unterschiedlichen Geschwindigkeiten voran, es gebe etliche Länder, die sich erfreulich entwickelten. Wirtschaftlich, aber auch in Bezug auf «good governance». Die «heuchlerische» Politik der Europäer bekam von den Fachleuten ihr Fett weg; mit unfairen Handelsverträgen die einheimische Wirtschaft strangulieren und auf paternalistische Weise Entwicklungsgelder einsetzen, die in Form von «Schlössern an der Loire oder Apartments in London» wieder zurückflössen, zynisch und nutzlos. Man müsse jungen Afrikanern legale Wege nach Europa eröffnen, denn nichts helfe dem Kontinent mehr als die Gelder, die Migranten mit ordentlichen Jobs an ihre Familien schickten. Einer solchen Debatte beizuwohnen, ersetzt manchmal fast die Lektüre eines ganzen Buchs.

Dass die gesellschaftlichen Debatten in Rekordzeit zu Büchern gerinnen, zeigt der Hallenrundgang. Bedrohte Demokratie, Vormarsch der Autokraten, Populismus: alles zwischen Buchdeckeln. Der rechte Antaios-Verlag bietet dafür «Unter Linken leben» an. Die Messenleitung, dafür kritisiert, dass sie den Verlag zuliess, hat nun schräg gegenüber die Amadeu-Antonio-Stiftung platziert, benannt nach einem Rassismusopfer. In einem Flugblatt empfiehlt Antaios Verlage, die Autoren führten, die «unsereinem», also Rechtsintellektuellen, etwas zu bieten hätten. Es fallen dann Namen wie Mosebach und Sloterdijk, aber auch Walter Kempowski. Das kann man nur geistige Grabschändung nennen.

Eisbär bleibt Eisbär

Und die Schweiz? Die freut sich nicht nur daran, am Gastlandauftritt teilzuhaben, die feiert ihre eigene Buchkultur traditionell mit einem Empfang am Gemeinschaftsstand. Der gefällt zwar diesmal auch wieder durch architektonische Luftigkeit, erweist sich aber als äusserst empfindlich für den von den Gängen her anbrandenden Lärm. So ging eine Lesung Pascale Kramers fast ganz in demselben unter. Auch die Ansprachen hatten zu kämpfen. Der neue Schweizer Generalkonsul in Frankfurt, Urs Hammer, brachte ein hübsches Wortspiel an (der «franc fort» sei zum Glück für die Branche nicht mehr ganz so stark). Und hübsch war auch das Märchen, mit dem Daniel de Roulet seine Rede über Identität und Populismus einrahmte: Ein Eisbär bleibt auch dann ein rechter Eisbär, wenn er eine Braunbärin liebt.

Erstellt: 14.10.2017, 00:00 Uhr

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