Dieser Verlag gehört den Autoren

Theatergeschichte mit Schweizer Beteiligung: Vor 50 Jahren wurde der Verlag der Autoren gegründet. Mit dabei: Urs Widmer.

Er sorgte mit einer Übersetzung für ersten Geldfluss: Verlagsmitgründer Urs Widmer. Foto: Keystone

Er sorgte mit einer Übersetzung für ersten Geldfluss: Verlagsmitgründer Urs Widmer. Foto: Keystone

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Die intellektuelle Szene hielt den Atem an. Ende der 1960er-Jahre kam es im Suhrkamp-Verlag zu einem Aufstand der Lektoren. Sie forderten Gleichberechtigung und Vergesellschaftung. Verlagschef Siegfried Unseld konnte den Angriff der Lektoren zwar mühsam abwehren, doch einige unter ihnen stiegen aus und gründeten 1969 einen eigenen Theaterverlag, den Verlag der Autoren, der tatsächlich den Autoren und Mitarbeitern gehören sollte.

Auch nach fünfzig Jahren arbeitet dieser Verlag immer noch nach denselben Gesetzen. Eine grossformatige Jubiläumsschrift blickt auf die Geschichte zurück. Da die Gründung eher Hals über Kopf erfolgte, gab es im Frühsommer 1969 im neuen Verlag noch keinen einzigen Text. Karlheinz Braun, zuvor Leiter der Theaterabteilung bei Suhrkamp, hatte französische Komödien aus dem 19. Jahrhundert als Vermarktungschance erkannt und erteilte dem durch seine Verschmitztheit aufgefallenen Verlagsmitbegründer Urs Widmer den Auftrag, ein entsprechendes Stück von Eugène Labiche zu übersetzen. Die Tantiemen der ersten Inszenierung liefen im Oktober ein.

Das Buch gibt mit Fotos, Faksimiles, Zitaten einen direkten atmosphärischen Einblick in die Jahre zwischen 1969 und 2019. Es ist ein Stück Kulturgeschichte: Unter den ersten Gesellschaftern, die auf einem transparenten, mit einer Schreibmaschine notdürftig beschriebenen Blatt festgehalten sind, fallen Namen auf wie Heinrich Böll, Rainer Werner Fassbinder, Peter Handke oder Heiner Müller.

Die ersten Jahre waren die prickelndsten

Beeindruckend ist die sofort einsetzende internationale Zusammenarbeit, auch mit der DDR und dem dortigen Henschelverlag (Fritz Rudolf Fries übersetzte «Dame Kobold» von Calderón). Es finden sich längst vergessene handschriftliche Zeilen des jungen Peter Handke, den Karlheinz Braun zu einem neuen «Experiment» überreden wollte. Handke wollte jedoch unbedingt seinen «Ritt über den Bodensee» zu Ende schreiben, und natürlich wurde das zu einem der ersten grossen Erfolge des Verlags der Autoren.

Die ersten Jahre waren überhaupt die prickelndsten: Für die Theatersaison Herbst/Winter 1970 wurden bereits 40 Ur- und Erstaufführungen mit deutschen Theatern abgeschlossen. 1971 kam der Filmverlag der Autoren dazu, der mit Wim Wenders und wieder Peter Handke durchaus gleich Furore machte.

Auch die Zusammenarbeit mit dem Verlag Klaus Wagenbach, der in seinen damals kultartig aufgenommenen «Quartheften» Theaterstücke in Koproduktion mit dem Verlag der Autoren veröffentlichte, war ganz auf der Höhe der Zeit. Damit spiegelt der Band indirekt auch den Bedeutungsverlust des Theaters in den letzten Jahrzehnten.

Buchhalterhafte Erinnerungen

Daran laboriert in seiner Weise auch Karlheinz Braun, der zum Jubiläum des Verlags unter dem Titel «Herzstücke» einen dickleibigen Band mit Erinnerungen veröffentlicht hat. Es ist eine Sammlung von Porträts, Gedankensplittern und Theaterbildern, die immer wieder neu ansetzen und sich zum Teil auch überschneiden.

Brauns Stil ist zum Teil etwas buchhalterhaft. Als zeitgeschichtliche Quelle sind seine Erinnerungen aber eine Fundgrube. Braun wuchs wie organisch in das damals interessanteste Theatermilieu hinein, er kann aus erster Hand die bestimmende Szene mit Max Frisch, Peter Weiss oder Botho Strauss analysieren.

Handke als Popstar, Botho Strauss als Sozialist

Er war immer ganz nah dran. Das führt oft, zum Beispiel in den Abschnitten über den jungen Peter Handke, zu erhellenden Skizzen über die Genese eines Popautors, die «Publikumsbeschimpfung» als 68er-Ereignis, die unerhörte Bedeutung des Theaters als gesellschaftspolitischer Brandherd.

Max Frisch reagierte 1959 auf Brauns Dissertation über ihn: «Mein Glückwunsch gilt uns beiden.» Botho Strauss wird mit bestechenden frühen Sätzen zitiert: Es habe sich «in unserem Land eine politische Avantgarde herangebildet», die «Aufgaben und Praxis des revolutionären Sozialismus» verfolge, und es gehe darum, das in eine entsprechende ästhetische Praxis zu überführen. Daneben war Strauss aber auch immer eins wichtig: dass die Abrechnungen stimmten.

Wolfgang Schopf / Marion Victor (Hg.): Fundus. Verlag der Autoren, Frankfurt 2019. 301 S., ca. 50 Fr.

Karlheinz Braun: Herzstücke. Leben mit Autoren. Schöffling & Co, Frankfurt 2019. 675 S., ca. 45 Fr.

Erstellt: 30.07.2019, 15:39 Uhr

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