«Digitale Verweigerung ist eitel»

Der Schriftsteller Leif Randt hat in «Planet Magnon» eine Welt entworfen, die von einer künstlichen Intelligenz regiert wird. Algorithmen würden manches besser machen als Politiker, glaubt er.

Noch machen Computer, was die Menschen wollen: Detail einer Platine. Foto: Alfiofer/Dreamstime.com

Noch machen Computer, was die Menschen wollen: Detail einer Platine. Foto: Alfiofer/Dreamstime.com

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In Ihrem neuen Roman hat mir der Busfahrer gefallen, der den Musikgeschmack der jungen Leute bespielt und formt. Als würde Amazon seine Musikempfehlungen nicht einblenden, sondern persönlich vorbeibringen.
Der Busfahrer hat in der Tat ein erweitertes Aufgabenfeld, er ist nicht nur Busfahrer, sondern auch DJ und subtiler Animateur. So arbeitet er auch im Geiste von «Actual Sanity», der künstlichen Intelligenz, die im Roman die Welt regiert.

Bei Amazon basiert jeder dritte Musikkauf auf einer Empfehlung des Algorithmus.
Ich nutze momentan Spotify, und da wird mir jede Woche neue Musik vorgeschlagen auf Basis der Songs, die ich mir angehört habe. Diese Playlist ist nur bedingt interessant, man landet immer wieder bei Ähnlichem. Ist es nicht enttäuschend, wie plump diese Algorithmen noch arbeiten? Da preist mir die Werbung noch wochenlang eine Hose an, die ich ja gerade nicht kaufen wollte. Es sollte doch aufgrund meines Surfverhaltens möglich sein, mir Werbung für Dinge auf den Bildschirm zu schicken, die ich tatsächlich gerne haben möchte. Das ganze Spektrum meiner Sehnsüchte sollte doch daran ablesbar sein. Aber mein Internet kennt mich offenbar trotz all der Texte, die ich lese, und trotz aller Videos und Bilder, die ich mir anschaue, nicht gut genug. Die Algorithmen irren sich.

Ist es wünschbar, dass die Maschinen noch viel besser werden?
Sie müssen besser werden. Ich habe mich zwar lange demonstrativ von den Maschinen ferngehalten. Ich bin bis heute nicht bei Facebook und habe ewig ein Handy aus den frühen Nullerjahren benutzt, bei dem ich ständig alte SMS löschen musste, um neue empfangen zu können. Mittlerweile ist mir diese Verweigerung aber schal geworden. Nicht mitzumachen aus Selbstschutz, ist letztlich auch nur eitel. Ich setze mich der digitalen Welt jetzt bereitwilliger aus. Diese verkrüppelte Übergangsperiode, in der wir leben, hat ja auch ihren Reiz. Das ist ja alles auch Material für die Kunst.

Lesen Sie noch Zeitung?
Ich lese immer noch lieber auf Papier als auf Bildschirmen. Aber trotzdem immer seltener, und das hat jetzt auch Einfluss auf mein eigenes Schreiben: Neulich habe ich in der «Zeit» einen Text veröffentlicht. Ich untersagte der Redaktion, dass er auch online erscheint, weil ich ihn nur so halbwegs gut fand. Ich wusste, dass in meinem Umfeld kaum noch jemand die Printversion der «Zeit» liest. Als dieser gedruckte Text dann erschien und somit eigentlich nur eine Woche lang existierte, erschien er mir wie ein leicht autistischer Luxus – fair bezahlt zwar, aber abseits der Welt, in der ich lebe.

Er war virtuell geworden.
Er war schlicht: egal. Das meiste, was im Internet an Text veröffentlicht wird, ist immer noch schlechter als das, was gedruckt erscheint. Aber auch die Printqualität nimmt ab, weil die Leser und das Geld schwinden. Aktuell ist es so, dass Print an Bedeutung verliert, aber online nicht im gleichen Verhältnis besser wird. Was ist das für ein Zustand? Ein Zustand der Textkrise.

Sie haben keine eigene Website.
Ich baue gerade mit ein paar Freunden an einer Plattform, auf der wir Text-, Video- und Tondateien so veröffentlichen, wie wir es für schön halten. Unsere Reichweite wird vorerst nicht sehr gross sein, da wir auf die Nutzung der sozialen Medien weitgehend verzichten werden. Es geht uns um einen eigenen Raum. Kein vorgegebenes Interface, keine Instagram-Ödnis, sondern ein eigenes Label: «Tegel Media». Wir wollen das Internet wieder als Chance begreifen – als wenn es wieder 1999 wäre.

Im Roman ist das Leben recht angenehm in der Welt, die durch die künstliche Intelligenz geführt wird. Ist das Ihre Utopie?
Die Utopie wäre eine zentrale, sanftmütige Ordnungsinstanz, die dafür sorgt, dass Ressourcen und Finanzmittel gerecht verteilt werden, und unter der die Leute dennoch grosse Handlungsspielräume haben. Es ist eine kindliche Idealvorstellung. Entsprechend ist das Buch ja auch voll mit Dingen, die ich als Zwölfjähriger mochte – Planeten, Raumfahrten, Dinosaurier.

Warum wählten Sie für das Weltmanagement eine künstliche Intelligenz?
Ein Weltmanagement, das aus einer menschlich zusammengesetzten Regierung besteht, könnte ich mir viel schwerer vorstellen. Zu viele Egos und Eitelkeiten. Wie sollte das funktionieren? Wen würde man denn in so eine Weltregierung wählen? Weise Mönche? Oder würde man sich selbst und seinen Freunden das zutrauen? Würde man das halbwegs okay hinkriegen, das Weltregieren? Ich glaube schon, dass eine künstliche Intelligenz einen neutraleren, weniger korrumpierten Blick haben könnte. Das System müsste so programmiert sein, dass Machterhalt keine Kategorie ist. Ein System, das sich selbst neu formatieren würde, wenn es zur Einsicht käme, dass es der Bevölkerung unter anderen Bedingungen besser geht.

«Das ist eine Art Wunschzustand vieler – sich schnell, kommunikativ und frei zu fühlen, immer in Bewegung zu sein. Aber das ist nur eine Utopie.»

Die künstliche Intelligenz entwickelt sich gerade enorm. Glauben Sie, dass sie in Zukunft besser als der Mensch wissen wird, was gut ist für den Menschen?
Das halte ich für denkbar, ja, auf einer pragmatischen Ebene, auf der es zum Beispiel darum geht, die Geldströme auf der Welt so zu lenken, dass alle Menschen etwas davon haben. Aber die Leerstelle im Buch ist natürlich die Frage, welche Daten wie erhoben werden. Welche Einschränkungen haben die Bewohner durch die Erhebungen? «Actual Sanity» verrechnet nicht nur statistische, sondern auch psychologische Daten, basierend auf zahllosen Umfragen, die das Lebensgefühl der Menschen abbilden sollen. In diesem idealen Planetensystem fahren zum Beispiel die Autos nicht selber – weil es so vielen Leuten eben noch Spass macht, das Gaspedal unter der Fusssohle zu spüren.

Warum hat «Actual Sanity» das Internet abgeschaltet?
Um seine exzentrische Seite zu betonen – das System wollte zeigen, dass es klug genug ist, um nicht nur auf Basis von Datenanalyse und Statistik zu regieren. Es hat Anzeichen erkannt, dass die Leute das Internet zwar häufig benutzen, dass es sie aber nicht glücklich macht. Nach einigen Wochen, in denen es noch Proteste gegen die Entscheidung gegeben hat, haben die Leute dann auch gemerkt, dass ihr Leben besser ist ohne das Internet.

Wäre es das?
Das kann man kaum noch denken. Ich glaube, dass das Internet für viele Menschen ein enormer Stressfaktor ist. Ohne das Netz hätten die Menschen mehr Leerlauf, weniger Informationsinput, potenziell mehr Quality-Time. Aber vieles würde auch viel beschwerlicher. Klar, jeder hat die Option, weniger online zu sein. Aber das erfordert schon eine Entscheidung, und wer wirklich offline geht, wirkt schon verdächtig oder zumindest verschroben.

Dave Eggers hat in seinem Roman «The Circle» die Macht von Datenkonzernen wie Apple oder Google in eine dystopische Zukunft weitergeschrieben. Inwieweit hat das Silicon Valley Ihren Roman beeinflusst?
Das Leben in den Kollektiven, wie ich sie beschreibe, ist schon eine modische Referenz an das kalifornische Campusleben, wie man es mit diesen Firmen assoziiert – die Idee von Orten, an denen die Sonne scheint und Leute in Understatementkleidung schöne Dinge austüfteln. Ich schrieb das Buch teilweise in Kalifornien, wo ich 2013 den Sommer verbracht habe. In dieser Zeit besuchte ich auch die Hauptquartiere von Google, Apple und Facebook – was aber eher enttäuschend war.

Warum?
Bei Google sah ich meine Vorstellungen noch am ehesten eingelöst, da konnte man sich ein Fahrrad nehmen und auf dem Campus herumfahren. Bei Facebook wurden wir hingegen schon bald von Securityleuten gebeten zu gehen. Ein Freund von mir wollte noch seine Zigarette fertig rauchen, aber nicht mal das war möglich: «You’re requested to leave the property as soon as possible.» Dann fuhr uns der Securitywagen hinterher, und die Männer notierten sich demonstrativ unser Kennzeichen.

Was erwarten Sie von Google?
Interessant finde ich, wie sich die Firma immer offensiver und immer grösser definiert. Ein entfernter Bekannter von mir, ein Ingenieur, wurde von Google angeworben und ging für ein Gespräch hin. Er fragte: «Was wollt ihr von mir?» Und sie: «Was wollen Sie von uns?» Und: «Hätten Sie nicht Lust, sich für uns das optimale Flugzeug auszudenken?» Er fragte zurück: «Warum wollen Sie das tun?» Und sie: «Weil wir es können.»

Google behauptet, es wolle die Welt verbessern. Ist es nicht realistisch, das dem Konzern eher zuzutrauen als der Politik oder der Occupy-Bewegung?
Es ist plausibel, anzunehmen, dass die schlauen Köpfe eher bei Google sitzen als bei den Volksparteien. Allein schon, weil es undankbar ist, sich in die Politik zu begeben. Man glaubt ja auch von vielen Staatschefs zu wissen, dass sie ziemliche Idioten sind und dass man von diesen ­alten Männern nichts Gutes zu erwarten hat. Im Silicon Valley ist man sich da weniger sicher. Doch scheint mir der amerikanische Glaube an den freien Markt und an die Profitmaximierung all die Inszenierungen einer neuen und besseren Welt nach wie vor zu dominieren.

Die Köpfe dieser Konzerne sind so cool wie die Anführer der Hanks – jenes Kollektivs, in dem die «Actual Sanity» in Ihrem Buch den Rebellen Auslauf gibt.
Holt nicht Google auch Kritiker und Philosophen in seine Thinktanks, um herauszufinden, wie sich die Welt besser organisieren lässt? Oder vielleicht auch, um weniger totalitär zu wirken? Aber vielleicht irren sich die Skeptiker auch, und die nächsten Generationen von Google-Mitarbeitern bringen uns eine neue Form der Weltwirtschaft.

«In jeder Betrachtungsweise liegt eine gewisse Chance.»
Das ist ein Satz von Marten Eliot, meiner Hauptfigur?

Ja, von diesem jungen Mann, der mit dem Flow der Regeln geht, die in seinem Kollektiv gelten.
Er sagt das im Rausch von Magnon, der Substanz, die sein Kollektiv an seine Mitglieder abgibt. Unter Magnoneinfluss lösen sich viele Kategorien auf, es gibt nicht mehr das Gute und das Schlechte. Der Rausch besteht darin, sich erst mal auf vieles einzulassen und die Beobachtung selbst zu geniessen.

Ist der Flow das logische Lebensgefühl in der digitalen Ära?
Man macht heute wahrscheinlich mehr Dinge gleichzeitig als früher. Man ist auf mehreren Kanälen erreichbar und kommuniziert in kürzeren Intervallen. Wenn man das tut und trotzdem noch eine Arbeit fertig bekommt, entsteht fast zwangsläufig ein Gefühl von Flow. Und das ist ja auch eine Art Wunschzustand vieler – sich schnell, kommunikativ und frei zu fühlen, immer in Bewegung zu sein. Aber das ist nur eine Utopie. In Wahrheit stehen die Leute wohl eher unter Druck und sind vor allem darauf bedacht, nichts falsch zu machen.

Erstellt: 04.10.2016, 17:57 Uhr

Leif Randt

1983 in Frankfurt am Main geboren, lebt Leif Randt heute in Berlin. Nach seinem Debüt mit «Leuchtspielhaus» wurde er ein Jahr später mit seinem zweiten Roman «Schimmernder Dunst über Coby County» bekannt. In «Planet Magnon» entwarf Randt dann 2015 ein Planetensystem, das durch eine künstliche Intelligenz, die «Actual Sanity», regiert und organisiert wird – eine packende Zukunftsvision zwischen Utopie und Dystopie. Foto: Foto: Zuzanna Kaluzna. (cf)

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